Sonntag, 29.03.2020

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Gegenwind ist gut, wenn er Königstein voranbringt

Bürgermeister Hans Koch zu den Kritikern des Haushalts, zur schweren Lage der Schule, zum hemmenden Bürokratismus und Hotelboom - 06.09.2015 08:47 Uhr

Hans Koch setzt sich seit 1996 unermüdlich für seine Heimat ein. Der CSU-Mann genoss die ersten Jahre. Heute ist alles viel schwerer. © Foto: Th. Knauber


Hans Koch (63) fordert von jedem Kritiker ein, ihn noch als Menschen zu sehen, als jemanden, der sich ehrenamtlich viel aufgebürdet hat. „Man muss sich einmal in diese Leute, die ein Bürgermeisteramt haben, hineindenken. Die tragen ja daneben noch eine andere Verantwortung im Beruf und in der Familie.“

Er habe kritische Mitarbeit nie abgelehnt und sofort etwas geändert, wenn es begründet war. Aber jetzt die Diskussion im Gemeinderat um die Verabschiedung des Haushalts überraschte ihn, weil alles mit den Fraktionssprechern gut durchgesprochen war. „Damals ist fast nichts gekommen. Warum wurde vorher nichts gesagt? Das ist doch Anstand. Und wir hatten schon wesentlich problematischere Haushalte. Momentan haben wir Bewegungsfreiheit; wir stecken nicht in einer Zwangsjacke wie früher.“

Koch verschob extra seinen Urlaub, um den Haushalt doch noch schnell durchzubringen und um die Gemeinde handlungsfähig zu machen. Es gelang ihm. Die Freien Wähler unterlagen bei diesem zweiten Anlauf in der Abstimmung der Gemeinderäte.

Und hier die Themen, die beim NN-Sommergespräch mit Hans Koch wichtig sind:

Bauen: Für die Ansiedlung der Außenwohngruppe von Regens Wagner (Michelfeld) ist alles vorbereitet. Jetzt geht es an die Umsetzung des Baus. — In ein bis zwei Jahren soll jedes Dorf mit Breitband versorgt sein. „Ich hoffe, dass ich bald mitteilen kann, welche Firma es macht", so Koch. — Seit einem Jahr wird das Umstellen der Straßenleuchten auf LED vorbereitet. Im Herbst ist es so weit. — Ein neues kleines Baugebiet ist angedacht. „Wir müssen uns entwickeln."

Koch weiß, dass die jungen Leute ein kleines Häuschen mit pflegeleichtem Grün drum herum am Ortsrand wollen. Aber er würde sie gern dafür begeistern, Baulücken innerorts zu füllen oder das Elternhaus zu sanieren: „Da bin ich über jeden froh, der das macht." Der Bürgermeister hat übrigens in Baudingen keine hilfreiche Fachabteilung im Rathaus. „Baurechtlich bleibt alles an mir hängen. Ich brauche ein bis zwei Stunden allein für die Änderungen, die täglich kommen."

Der Eingang zu diesem Haus in der Sulzbacher Straße Nr. 2 ist zugewachsen und verwildert. Das Gebäude soll zu einem Gemeinschaftshaus werden, nicht weit vom Rathaus entfernt gelegen. © Foto: Knauber


Schützenheim: Der Gerichtsstreit um das Vereinsheim geht nicht an Hans Koch vorbei. „Eine Gemeinde darf nicht sagen: Das ist nicht mein Bier. Ich werde das voll unterstützen. Ich hab schon eine Ideensammlung dafür." Enteignet wurde das Haus in der Sulzbacher Straße 2. Koch hatte es als Gemeinschaftshaus geplant, für die Schützen und die ebenfalls suchende Bergwacht. Aber einige Gründe sprachen dagegen, unter anderem ist es nicht behindertengerecht. Er könne den Schützen kein Heim hinstellen, sagt er, aber eventuell ist über die Städtebauförderung ein Gemeinschaftshaus möglich.

Tourismus: Früher waren die Berliner stark vertreten, heute kommen die Gäste aus Nord, Süd, West und von den neuen Bundesländern. „Auch der Tagestourismus ist ein wichtiges Standbein. Ich bin froh um unseren guten VGN-Anschluss per Bus", so Koch. Er lobt alle Hotels, „weil sie sich bewegen, den Gästewünschen entsprechen und gut geführt sind: ein Kompliment." Viele Geschäftsreisende machen den Abstecher von der Autobahn her, weil die Preise passen.

Die Kinder fehlen

Kindergarten: Es gibt zwei Gruppen und eine Krippe. Koch: „Aber uns spielt der demographische Wandel nicht unbedingt in die Karten. Wir haben weniger Kinder zu erwarten. Wir müssen uns da etwas überlegen."

Im Schnitt sind vier Kinder von US-Angehörigen in den Gruppen, weil in Königstein rund 15 Familien von Militärbediensteten wohnen. Aber deshalb beteiligen sich die US-Behörden nicht an den Kosten (zuletzt wurden von der Gemeinde 150 000 Euro investiert). „Da hätte die Army viel zu tun. Aber wenn mal Not am Mann ist, zum Helfen, sind die Amerikaner sofort da."

Schule: Als Hans Koch im Januar im Schulamt war, hörte er: Die Mittelschule ist für die nächsten fünf Jahre gesichert. An ihr hängen fünf Gemeinden. Diese arbeiten hervorragend zusammen. Aber aktuell ist die Lage kritisch. „Die Übertritte der Kinder in andere Schulen sind das große Problem. Ab 2016/17 haben wir keine siebte Klasse mehr, weil es da nur noch zehn Schüler gibt. Und das geht weiter.“

Er hält übrigens von der Ganztagsschule wenig, weil die Kinder im Winter erst im Dunkeln nachhause kommen. Es gebe kaum noch ein Familienleben und auch das Vereinsleben leidet. „Die Vereine sterben dadurch noch schneller.“

Koch unterstreicht, dass Königstein für jeden Schüler eine Umlage von 3000 Euro bezahlt, bei den Grundschülern sind es 1500 Euro. „Da wissen Sie, was die Schule für uns bedeutet. Wir betreiben schon einen hohen Aufwand, um sie am Leben zu erhalten."

„GS“ steht für Grundschule: Da gibt es keine Probleme. „MS“ steht für Mittelschule. Hier macht sich der Kindermangel gravierend bemerkbar. Es kann keine siebte Klasse mehr gebildet werden. © Foto: Thomas Knauber


Vereine: Das Vereinssterben hat begonnen. Zum Beispiel existiert der Gesangsverein noch, aber er singt nicht mehr. Er hat keine Aktiven. „Den Fußballern fehlen auch irgendwann die Kinder. Deshalb ist es der Gemeinde wichtig, Vereine zu unterstützen.“ Hans Koch war übrigens selbst ein engagierter Fußballer mit 1200 Spielen. Und wenn er einen Ausgleich braucht, fährt er sonntags zu den Jugendspielen.

Marktwerke: Zu den Marktwerken zählen die Nahwärme-Versorgung über Hackschnitzel und das Naturbad. Die Abteilung „Nahwärme“ stabilisiert sich gerade. Koch: „Wir liegen noch um 30 bis 40 Prozent unter der Vorausberechnung der Wärmeabnahme, das ist das Problem. Wir brauchen da noch ein, zwei Jahre. Im Herbst kommt Regens Wagner dazu, das stopft ein gewisses Minus. Trotzdem müssen wir noch mehr Abnehmer suchen. Ich muss da noch reden. Ich hab aber schon Interessenten.“

Leider sei im Moment der Ölpreis so weit im Keller, dass der einzelne Bürger nicht umsteigt. „Er spart und sieht dabei nicht die Umwelt.“ Koch hingegen wollte eine ökologische Lösung. „Wir haben uns im Gemeinderat dazu durchgerungen. Das war nicht leicht. Das sollte man jetzt nicht schlechtreden. Wir wollten die Wertschöpfung hier behalten und haben das auch geschafft: Schon im ersten Jahr kamen 100 Prozent der Hackschnitzel aus der Region, nicht aus Tschechien oder von 100 Kilometer Entfernung.“

Naturbad: Im Juni waren die Einnahmen gering, „das hat uns zum Nachdenken gebracht.“ Aber dann kam der Supersommer. „Top“, so Koch. „Trotzdem sind immer Zuschüsse nötig. Das muss dem Bürger bewusst sein. Wenn wir in den Marktwerken ein Defizit haben, dann ist das Bad mitschuld."

Windpark: Betreiber ist die „Bürgerwind"-Gesellschaft (nicht die Marktwerke, wie viele annehmen), deren Beiratsvorsitzender Hans Koch ist. Über ihn lief auch die gesamte Vorarbeit dafür, egal ob es die Firmenauswahl betraf oder die Kalkulation. Koch ermutigt jeden Bürger, sein Haus selbst über kleine Energieanlagen mit Strom zu versorgen. „Darüber muss man nachdenken.“

Golfplatz: Um den Golfplatz bei Namsreuth wurde lange gekämpft. Er wurde zu einem Touristenmagnet — und ist verschwunden. „Jetzt sind Maisäcker draus geworden.“ Koch bedauert das. „Bei meiner täglichen Runde fahr ich immer dran vorbei und denke mir: Wie schad drum, auch für die Landschaft. Er hat da so hervorragend reingepasst.“

Man hätte den Platz weiter betreiben können, glaubt er. Es gab Interessenten. Aber manche Teilhaber waren verbittert. „Zwei waren dagegen. Sie wollten nichts mehr mit Golf zu tun haben. Da war in der Vergangenheit was Gravierendes gewesen. Sehr schade, ein großer Verlust."

Spielplätze: Der Spielplatz am Ossingerweg wird gut von den Eltern betreut. Aber als der nächste Spielplatz am Kindergarten verlegt werden musste, war die Mitarbeit der dortigen Eltern schwach. Koch gibt deshalb ein Kompliment an die einen Eltern weiter („die haben das ganz toll durchgezogen“), und rätselt im zweiten Fall: „Wenn ich da nicht ein paar zuverlässige Opas und Eltern gefunden hätte . . . es kamen schon welche, aber es hat sich alles verzögert. Auch so etwas funktioniert nur gemeinsam.“

Blumenschmuck: Ein hohes Lob gibt der Bürgermeister an die Freiwilligen des Obst- und Gartenbauvereins, die in Königstein für den Blumenschmuck sorgen. „Immer dieselben, muss ich sagen, aber die machen das sehr gut.“ Er wünscht sich noch mehr Grün im Ort, auch Bäume. „Lasst doch die Ortschaft leben! Aber es ist schwer, den Bürger zu überzeugen. Der sagt: Wir haben doch genug Grün außen herum. Aber die Gäste freuen sich, sie lieben das. Und wenn ich Bilder von früher anschau, was wir da viele Bäume hatten!“

Bücherei: Die katholische Pfarrei stieg als Zuschussgeber aus. Aber Koch unterstützt hier weiter. „Diese freiwillige Leistung dafür würde ich ungern streichen.“ Er ist froh, dass die Diözese Eichstätt weiterhin 500 Euro pro Jahr gibt. „Ich hab deswegen telefoniert. Sie haben größtes Interesse daran. Der St.-Michael-Bund gibt das Geld. Aber ob es immer funktioniert, weiß ich nicht.“

Fuß- und Radweg zum Sportplatz: Dieser ersehnte Weg kommt erst, so Koch, wenn die Umgehungsstraße im Norden von Königstein steht. Sie ist für 2018 im Investitionsprogramm des Landkreises verankert. Man könne jetzt nur vorplanen und mit den Grundbesitzern sprechen. „Ich gehe nicht in die Vorinvestition, wenn es später sowieso kommt.“

Bürokratie: „In meinen ersten beiden Amtsperioden lief alles viel flüssiger“, sagt Hans Koch. In diesen zwölf Jahren seit 1996 hat er die gesamte Infrastruktur arrangiert. „Wir haben uns deshalb hoch verschuldet, aber man muss auch sehen, was herausgekommen ist. Das war damals unproblematisch.

Jetzt wäre dafür viel mehr Zeit nötig.“ Was früher ein Jahr brauchte, bis es umgesetzt war, verschlingt heute drei Jahre. Was früher einen Akt füllte, benötigt jetzt drei Ordner. „Viele meinen, es passiert nichts, wenn sie ein Anliegen vorbringen. Aber es zieht sich alles nur hin.“

THOMAS KNAUBER

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