"Gewinsel": Wie eine 88-jährige die Corona-Pandemie im Heim erlebt hat

14.6.2021, 14:55 Uhr
Die 88-jährige Inge Ortel beobachtet immer wieder von der Parkbank aus, wie Angehörige ihre Mitbewohner wegen der Corona-Pandemie bemitleiden. Sie findet das falsch und meint: „Ich kann das Gewinsel langsam nicht mehr hören.“

Die 88-jährige Inge Ortel beobachtet immer wieder von der Parkbank aus, wie Angehörige ihre Mitbewohner wegen der Corona-Pandemie bemitleiden. Sie findet das falsch und meint: „Ich kann das Gewinsel langsam nicht mehr hören.“ © Foto: Christian Weidinger

Die Menschen hätten verlernt, was es bedeutet, auf etwas zu verzichten, sagt Ortel: Wie es damals im Krieg war. Was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben. Freiheit bedeutet für sie, selbstbestimmt zu leben. Selbst Corona konnte ihr das nicht nehmen. Das Bild, das im Gespräch mit ihr entsteht, mag so gar nicht passen zu dem einer einsamen und entmündigten Heimbewohnerin, das gerade oft entsteht.

Was am Nachdrücklichsten im Gedächtnis bleibt, sind ihre Augen. Sie sind hellblau, klar und glänzend. Ihr Blick weicht nie aus, wenn man mit ihr spricht. Nur dann, wenn sie nach den richtigen Worten sucht. Dann blickt sie aus dem Fenster oder kurz zu Boden. Während sie spricht, sitzt sie aufrecht in ihrem Sessel. Ab und zu beugt sie sich nach vorne, so als wolle sie sichergehen, dass ihr Gegenüber alles richtig versteht.

So wie bei der Antwort auf die Frage, wie sie die Pandemie erlebt. "Natürlich ist es nicht schön, wenn man nicht mehr alles machen kann, was man möchte", sagt die Seniorin. Sie zieht dabei die Augenbrauen hoch, ihre Augen scheinen ein Stück zu wachsen. "Aber das ist immer noch besser, als irgendwann mit einem Schlauch im Hals dazuliegen". 

Um das zu vermeiden, nehme sie die Einschränkungen gerne in Kauf. Ohnehin: Ihr und ihren Mitbewohnern fehle es doch an nichts – auch wenn manche das anders sehen. Tatsächlich hatten die Bewohner des Brigittenheims verhältnismäßig viele Freiheiten in der Pandemie – soweit es eben ging. "Unsere Bewohner konnten bis auf eine kurze Ausnahme jederzeit das Wohnheim verlassen und Besucher empfangen", sagt die Einrichtungsleitung Roswitha Schecklmann.

Die Ausnahme, das war eine Corona-Infektion. Ein Bewohner hatte sich Ende Januar im Krankenhaus infiziert. Die einzelnen Stationen wurden daraufhin isoliert. Ortel und ihre Mitbewohner konnten für acht Wochen nicht gemeinsam im Speisesaal essen, sich nicht besuchen und nur im Garten spazieren gehen.

Ortel zuckt mit den Schultern, als sie gefragt wird, wie sich das angefühlt habe: "Ich fand es richtig, dass das Heim vorsichtig war." Schlimm sei das alles nicht gewesen. Damals im Krieg, da hätten sie ganz andere Sachen erlebt.

Ortels Hände finden keine Ruhe, während sie spricht. Dann blickt sie aus dem Fenster und klopft sich mit dem Zeigefinger auf die Brust und erklärt: "Wissen Sie, ich kann das Gewinsel manchmal nicht mehr hören." Sie spricht von einigen Angehörigen, die sie auf einer Parkbank im Garten sitzend beobachte. Allzu oft höre sie dabei, wie ihre Mitbewohner von ihren Töchtern oder Enkeln bemitleidet werden. Ständig heiße es: "Ach Oma, du tust mir ja so leid", oder "wir dürfen uns jetzt gar nicht mehr sehen." 

Mitleid ist fehl am Platz

Nicht, dass es nicht anständig sei, sich um seine Eltern oder Großeltern zu kümmern. Aber dieses ständige Mitleid und Jammern helfe nun wirklich niemandem. Im Gegenteil. Viele würden sich nach dem Besuch erst richtig schlecht fühlen. Doch es ist etwas anderes, was die Seniorin umtreibt. Man merkt es daran, dass sie erneut die Augenbrauen hochzieht, sich im Sessel aufrichtet und mit dem Finger auf das offene Fenster zum Garten zeigt.


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Bevor Ortel erklären kann, was sie so aufbringt, greift Schecklmann den Gedanken auf. Sie scheint genau zu wissen, was ihre Bewohnerin gleich sagen wird und erklärt: "Wissen Sie, das Problem in der Pandemie waren nicht unsere Bewohner". Die Einrichtungsleiterin erzählt, dass es meist die Angehörigen waren, die sich uneinsichtig zeigten. So hätten einige Schwierigkeiten damit gehabt, die Besuchsregeln zu akzeptieren. Auch während ein Bewohner infiziert war, hätten manche darauf bestanden, Vater oder Mutter zum Ausflug abzuholen; einmal hätte es sogar jemand heimlich versucht. Die Masken seien dabei verschwunden, sobald sich die Türen hinter ihnen geschlossen haben.

"Fahrlässig ist das"

Ortel rückt ein Stückchen weiter nach vorne und bringt die Arme in Position. "Das hat nichts mit Liebe zu tun, wenn ich die Maske abnehme und jemanden abdrücke. Fahrlässig ist das, nichts weiter." Eine seltsame Art, sich zu sorgen, sei das, erst jemand zu bedauern, zu betonen, wie sehr man sich um ihn sorgt – nur um dann bei der ersten Gelegenheit jede Vorsicht sausen zu lassen; wenn es gerade bequem ist.

Überhaupt seien sie ihr zu unvorsichtig geworden, "die da draußen", meint die Seniorin. "Die Zahlen gehen runter, und wir tun so, als ob das Virus nicht mehr existiert." Ja, manche würden sogar behaupten, das habe es nie. Davon habe sie in einer Talkshow gehört. Sie kann das nicht verstehen.

Keine Ahnung von Diktatur

Eines schon gar nicht: "Wer wegen den Maßnahmen von einer Corona-Diktatur spricht, hat keine Ahnung, was Diktatur bedeutet. Das ist doch absoluter Blödsinn." Fühlt sie sich als Mahnerin, als jemand, der strengere Maßnahmen fordert? Die Seniorin zögert, nur für eine Sekunde, dann beugt sie sich vor: "Wir waren doch nie eingesperrt. Uns ging es gut, hatten zu essen, es warm und ein Dach über dem Kopf."

Corona habe den schlechten Ruf von Seniorenheimen noch verstärkt. Dazu hätten auch die Medien beigetragen, die immer nur über die armen Altenheimbewohner berichtet hätten. Dabei habe sich niemand erkundigt, wie es den Menschen wirklich gehe. Das habe natürlich auch Einfluss auf die Menschen im Heim selbst: Oft sehe sie alte Frauen in der Ecke sitzen und sich beklagen, dass sie eingesperrt sind.


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"Warum gehst du nicht raus? Die Tür ist doch offen. Keiner hindert dich daran, nach draußen zu gehen", sage sie in solchen Momenten. Meist bekomme sie keine Antwort. Manchmal doch: "Aber mir tun die Beine so weh", bekomme sie dann zu hören.

Ortel hebt kurz die Schultern, atmet durch und lässt sie dann wieder fallen, als sie davon erzählt. Das Problem sei, dass viele inzwischen selbst glauben, was sie von anderen hören. Angst habe sie während der Pandemie nie gehabt, Respekt aber schon. "Ich habe mir nur immer gedacht: Hoffentlich geht das alles gut", erklärt die Seniorin. 

Ob das der Fall sein wird? Ortel ist sich nicht sicher. Dafür laufe derzeit zu viel falsch. Die Politik wisse nicht mehr, was sie eigentlich wolle. Mediziner hätten oft selbst keine Ahnung. Und die Menschen, die seien ihr zu leichtsinnig. Immerhin, eines weiß sie genau: "Es wäre besser, wenn ihr uns Mut zusprecht, anstatt uns nur ständig zu bemitleiden". Schlimm sei das alles doch so schon genug. 

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