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Dienstag, 23.07.2019

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"Heimerla" machten "hordenweise" die Stadt unsicher

Der frühere Heimschüler Peter Keller erinnert sich im Jubiläumsjahr an wilde Zeiten im Schülerheim - 24.06.2019 09:00 Uhr

Die tägliche Studierzeit im Pegnitzer Schülerheim wird auch von „Lehrer-Erzieherin“ wie Christine Wiemann (hinten, 2.v.re.) betreut. In der Studierzeit werden Hausaufgaben gemacht und die nächsten Klausuren vorbereitet. © Foto: Frank Heidler


Ganz persönliche Erinnerungen an das Schülerheim hat der Pegnitzer Arzt und Praxisinhaber Peter Keller. Im Schülerheim lebte er von der 5. bis zur 10. Klasse. Und schloss in dieser Zeit auch einige "Freundschaften fürs Leben".

Ausgerechnet am Tag der NN-Recherche hat der "Heimerla" Keller, so der Internats-Code für Heimschüler, erst eine Whats-app-Nachricht an einen inzwischen in Michelau lebenden Schulkameraden aus dem Heim geschickt.

Auch Honoratioren wie der Nürnberger Medizin-Professor Stefan Mann gehörten damals — selbstverständlich ohne höhere medizinische Weihen — zu Kellers Heim-Kameraden.

Der frühere Gymnasiumchef Kurt Löblein leitete zuvor auch das Schülerheim. © Foto: Frank Heidler


Zum Heimleben in Pegnitz zählten — wie wahrscheinlich anderswo auch — jede Menge Lausbübereien. "Wir sind nachts ausgebrochen", bekennt Ex-Heimerla Peter Keller freimütig. Nicht jeder Pegnitzer sei begeistert gewesen, wenn über 100 Heimschüler am frühen Nachmittag vor der Studierzeit Ausgang gehabt hätten und "hordenweise" von der Winterleite in die Stadt gelaufen seien.

Für sage und schreibe 50 Mark hatten sich Keller und fünf weitere Heimschüler "von einem Bauern" einen gebrauchten VW Käfer gekauft. Mit diesem sind sie dann — ohne nötigen "Schein" — heimlich über Feldwege im Umland gekurvt. Keller: "Meinen eigenen Kindern würde ich das nie erlauben."

Nächtliche Freveltat

Selbstverständlich kam auch so manche heimliche Freveltat ans Licht. Keller erinnert sich an die inquisitorische Frage des früheren Erziehers und Gymnasiallehrers Jürgen Hauck am Morgen danach: "Ward ihr das heute Nacht?"

Ohne zu Zögern antworten Keller und Konsorten auf eine solch direkte Frage mit "Ja" — was aber nur für das nächtliches Ereignis um 1 Uhr galt, und nicht für einen weiteren, mutmaßlichen Schüler-Frevel abends um Elf.

Die Auswüchse des Phänomens "Jungs in der Pubertät" bekam auch ein "Lehrer-Erzieher", so die offizielle Bezeichnung, zu spüren. Dessen Auto stellten Heimschüler heimlich und selbstredend unerlaubt auf Bierkästen. An eine schnelle Heimfahrt war somit nicht mehr zu denken.

Trotz dieser jugendlichen "Untaten" erinnert sich Keller rückblickend: "Wir hatten ein gesteigertes Rechtsbewusstsein." Ein gegenseitiges Eintreten füreinander. Schließlich lebten die Heimschüler eng zusammen. In "Kameradschaften" mit 20 Jungs plus Erzieher, der auch dort übernachtet hat.

Und in der Unterstufe in Sechsbettzimmern, die später "vom Ministerium" abgeschafft wurden, erinnert sich der frühere Heimleiter und ehemalige Gymnasiumschef Kurt Löblein. Er selbst fand Zimmer mit sechs Jungs — in der Oberstufe mit ein oder zwei Personen — fast schon luxuriös.

"Wir haben im Ottonianum in Bamberg, einem katholischen Internat, mit 16 Personen in einem Saal geschlafen", weiß er aus seiner eigenen Jugend. Andere Zeiten, andere Sitten.

Frauen waren unter den Erziehern im Pegnitzer Schülerheim die große Ausnahme. Löblein: "Wir hatten auch Praktikantinnen von der Erzieher-Fachakademie in Hof." Diese kümmerten sich fast ausschließlich um Fünftklässler.

In mindestens zwei Fällen wurde sogar zarte Bande zwischen männlichen und weiblichen ErzieherInnen oder Lehrern geknüpft. Was auch spätere Eheschließungen nach sich zog.

Von externen Schülern, also dem einheimischen Schulpublikum hoch geliebt waren die "Klassenabende" mit harten Beat- und Rockklassikern wie "Satisfaction" von den Rolling Stones sowie Schmusetiteln zum genussvoll-langsamen Schwofen.

Musik mit Afro-Look

Besonders Heimschüler-DJ’s wie Sandro mit seiner Afro-look-ähnlichen Haarpracht hatten bei der Plattenauswahl ein glückliches Händchen (bestätigt auch der Schreiber dieser Zeilen . . . )

Im Heimleiter-Ranking hat Löblein von seinen Internats-Zöglingen nur Bestnoten erhalten. "Ein super-Heimleiter", urteilt auch Peter Keller. Löblein arbeitete acht Jahre lang im Schülerheim, von 1970 bis 1978, davon fünf Jahre als dessen Leiter. Seine Quintessenz aus dieser Tätigkeit: "Man braucht dazu eine Leidenschaft als Erzieher, das ist kein Dienst nach Vorschrift." 

FRANK HEIDLER

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