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Henry van de Velde ließ sich von Pretzfeld inspirieren

Jugendstilkünstler war im Schloss oft und gern zu Gast — Wie in einer „Schule des Glücks“ gefühlt — Kleines, aber feines Museum - 03.04.2013


Um die Jahrhundertwende residierte auf dem verträumten Schloss eine kunstsinnige Frau, Lina Herz, Kaufmannstochter aus Nürnberg, lange in Mannheim lebend. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes bewohnte die Bankierswitwe nun Schloss Pretzfeld, das ihr Vater 1851 vom bayerischen Staat erworben hatte. Großzügig sponserte sie Künstler und soziale Einrichtungen. So ist der erste Kindergarten im Wiesenttal auf ihr Engagement zurückzuführen.

Gern umgab sie sich mit Künstlerfreunden und ihren Werken. Sie besaß Bilder und Skulpturen von Liebermann, Gaul, Kolbe, Klimsch und natürlich Gemälde des bedeutenden Neoimpressionisten Curt Herrmann (1854 bis 1929). Mit Letzterem war ihre Tochter Sophie verheiratet.

Durch Sophie und Curt Herrmann kam Henry van de Velde nach Pretzfeld. Der impulsive Elan van de Veldes hinsichtlich der neuen Ideen und Schöpfungen im Kunstgewerbe fiel gerade bei Curt Herrmann auf fruchtbaren Boden und nahm großen Einfluss auf seine Stilrichtung.

Es existieren an die 50 Briefe, die belegen, wie herzlich die Beziehung der Schlossbewohner zu dem jungen Belgier waren. Die Herrmanns, deren Hauptwohnsitz in Berlin lag, Lina Herz und ihre Freunde förderten ab 1896 den Künstler. Sein Werk wird dem Jugendstil zugeordnet, er selbst sah sich aber nie als dessen Vertreter. Vielmehr war seine Intention, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, in dem jedes künstlerische Detail mit seinem Umfeld harmoniert. Er fertigte Haus-und Wohnungseinrichtungen nach raffinierten Plänen an. Dazu entwarf er Möbel, Tapeten, Stoffe, Teppiche, Kleidung, Porzellan und sogar Besteck.

Aus seinen Briefen ist zu ersehen, wie sorgfältig und gewissenhaft der Meister seine Aufträge ausführte. Unzählige Anfragen und menschlich rührende Freundschaftsbekundungen belegen dies.

Aber trotz Unterstützung einflussreicher Freunde ist mehrfach von „moralischem und materiellem“ Zusammenbruch die Rede. Nur in Pretzfeld fühlte er sich wie „in einer Schule des Glücks und Wohlergehens“. Von einer Gans, von Likör und Süßigkeiten schreibt er ein andermal.

Die Briefe sind erst in Französisch, erst später auch in Deutsch verfasst. Da ist zu lesen: „Je länger ich dort (Pretzfeld) bin, entdecke ich neue, reizvolle Motive und Gefühle... Das Gefühl, hier gewissermaßen künstlerisch gefangen zu sein, schärft das Auge immer mehr für die intimen Reize, die ja schließlich unerschöpflich sind, wenn man eine Gegend liebt und mit dem Herzen bei der Arbeit ist.“

Diese Liebeserklärung an Pretzfeld und seine Menschen wurde am 4. Mai 1923 verfasst.

Henry van de Velde entstammte einer gutbürgerlichen Antwerpener Familie, er studierte Malerei in Antwerpen und Paris. Neben den modernsten Kunstrichtungen beschäftigte er sich auch mit der Avantgarde der französischen Literaturszene. Er heiratete Maria S’ethe, deren Mutter die Mittel hatte, van de Velde zu unterstützen. Die Zeit seiner umfassenden Architektur brach daraufhin an. Er schuf fünf eigene, ganz spezielle Häuser mit seinem besonderen Design. Eine Konsolidierung in seinem Leben brachte erst die Berufung nach Weimar. Er schuf dort die Grundlage zum Bauhaus. Nach Aufenthalten in der Schweiz, in Holland und Belgien, erhielt er in Gent einen Lehrstuhl. 1947 verließ er Belgien und verbrachte seine letzten zehn Jahre in der Schweiz.

Heute existiert auf Schloss Pretzfeld ein kleines, aber feines Museum, das viele Jahre von Rektor Josef Seitz betreut wurde. Dort sind, neben den farblich kraftvollen Bildern Herrmanns, ein Kreidebild mit Sicht auf den Schlosskomplex und ein Malerschränkchen für Curt Herrmann, von van de Velde gefertigt, ausgestellt.

Der Microchip entstand

Es vermutet wohl niemand, dass der große Erneuerer und Impulsgeber einer ganzen Generation moderner Künstler in Pretzfeld weilte. Doch nicht nur van de Velde und andere Künstler fühlten sich im Tal wohl, hier stand auch die Wiege des Microchips. Vor etwa 70 Jahren wurde nämlich in einem Trakt des Renaissance-Baus von der Firma Siemens der epochemachende Mikrochip entwickelt. Wiederum ein halbes Jahrhundert zuvor läutete hier Curt Herrmann eine neue Kunstrichtung ein. Der Neo-Impressionismus war geboren.

Einer der Maler schrieb: „Bei Lina Herz herrschte ein Niveau, auf dem man schon die Weltstadt unter sich fühlte.“ Meist Künstler aus Berlin und anderen Zentren, die die Fränkische Schweiz noch als „halbe Wildnis“ sahen, waren hier zu Gast. Ein Mäzenatentum, ein feingeistiges Wirken wurde praktiziert, dem aber arge Barberei folgen sollte.

Bildersturm in Pretzfeld

Denn nach der Kunst kam der Krieg. So wurden aus einem Nachbarort von Pretzfeld alte Menschen aus bescheidensten Verhältnissen wie Vieh abtransportiert. Nur weil sie Juden waren. HJ und SA-Männer vernichteten in der Reichskristallnacht Gemälde und Möbel des Schlosses.

In der bewegten Nachkriegszeit fanden an die 200 Flüchtlinge Unterkunft im Schloss. Heute wird hier gern geheiratet.

BÄRBL VÖLKL

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