Flutkatastrophe

Hilfskräfte aus Oberfranken im Katastrophengebiet aktiv

22.7.2021, 17:40 Uhr
Kreisbrandrat Hermann Schreck (vorne) bei der Lagebesprechung vor dem nächsten Einsatz im vom Hochwasser massiv betroffenen Ahrtal.

Kreisbrandrat Hermann Schreck (vorne) bei der Lagebesprechung vor dem nächsten Einsatz im vom Hochwasser massiv betroffenen Ahrtal. © Foto: Kreisfeuerwehrverband Bayreuth

Die Ausgangslage: Im Konvoi machten sie sich am Montag auf die Reise, Treffpunkt war das Gelände am Nürburgring. Angefordert wurde das "Feuerwehrhilfeleistungskontingent Hochwasser/Pumpen" der Stadt und des Landkreises Bayreuth, teilt Karen Görner-Gütling, Sprecherin des Landratsamtes, auf Anfrage mit. Ihm gehören rund 120 Personen an: Führungskräfte der Wehr, Einsatzkräfte sowie Aktive der Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung.

Mehr als zwei Dutzend Fahrzeuge

Beteiligt sind "mehr als zwei Dutzend Fahrzeuge aus dem Bestand von Stadt und Landkreis Bayreuth sowie dort stationierter Fahrzeuge von Bund und Land". Darunter zwei Einsatzleitwagen, fünf Wechselladerträgerfahrzeuge mit den entsprechenden Abrollbehältern – zweimal Hochwasser und jeweils einmal Logistik, Aufenthalt, Mulde –, ein Gerätewagen Logistik, ein Gerätewagen Dekontamination, drei Katastrophenschutzlöschfahrzeuge sowie zahlreiche Löschfahrzeuge und sonstige Fahrzeuge unterschiedlicher Größe. Zusätzlich begleitet ein Rettungstransportwagen des BRK das Hilfskontingent. Es besteht jederzeit auf verschiedenen Wegen Kontakt zur Einsatzstelle, "sodass wichtige Informationen zeitnah weitergegeben werden können". Das Kontingent traf in den Abendstunden am Treffpunkt ein, "der Einsatz wurde planmäßig am Dienstagvormittag aufgenommen".

Nur ein Schotterplatz

Die Praxis vor Ort: "Wir haben nichts vorgefunden", sagt Kreisbrandrat Hermann Schreck, selbst mit vor Ort. Keine offizielle Unterbringung, nur einen Schotterplatz. Kein Strom, kein Wasser, keine Energiequelle. Und auch kein Windschutz, "wir standen da voll im Zug". Was blieb: die Eigeninitiative. Die Suche nach einer geeigneten Einrichtung. Man wurde fündig – in einer aufgelassenen Kaserne. Kontaktaufnahme mit dem Besitzer der Gebäude. Mit Erfolg: Drei Häuser dürfen genutzt werden, jeweils eines für die Kräfte aus Bayreuth, Miltenberg und Aschaffenburg. Aber immer noch ohne Strom und Wasser.

Feldbetten aus Pegnitz

Mit den in Pegnitz deponierten Feldbetten wurde ein Schlaflager auf die Beine gestellt. Schrecks Bilanz: "Wir haben da deutlich nachgesteuert, um überhaupt die Unterbringung und eine autarke Verpflegung zu gewährleisten." So habe man für Waschgelegenheiten und sanitäre Anlagen eine Privatfirma beauftragt – "für Toiletten und Duschen getrennt nach Geschlechtern, plus der nötigen Ausleuchtung". So war zumindest Wasser da, irgendwann dann auch warmes Wasser für die insgesamt 500 Einsatzkräfte aus Bayern.

Von einem intakten Straßennetz kann vielerorts nicht mehr die Rede sein. Hier wird ein Loch in der Straße, das das Hochwasser gerissen hat, notdürftig umfahren.

Von einem intakten Straßennetz kann vielerorts nicht mehr die Rede sein. Hier wird ein Loch in der Straße, das das Hochwasser gerissen hat, notdürftig umfahren. © Foto: Kreisfeuerwehrverband Bayreuth

Viele Wehren dabei: Mit Fahrzeugen und Personal vor Ort dabei sind vertreten die Feuerwehren aus Benk, Kirchenbirkig, Weidenberg, Engelmannsreuth, Nemmersdorf, Pegnitz, Plankenfels, Hollfeld, Hummeltal, Kirchahorn, Eckersdorf, Waischenfeld, Heinersreuth, Gefrees, Speichersdorf, Bad Berneck, Trockau – dazu die Feuerwehr der Stadt Bayreuth mit einem kompletten Löschzug.

Was vor Ort zu tun ist: Man merkt Hermann Schreck an, dass ihn das mitnimmt. Da ist das Fazit: "Wir haben das gesamte Paket abzudecken." Die Klassiker unter anderem: das Auspumpen von Kellern, Tiefgaragen, Betriebsgebäuden. Aber da ist eben noch weit mehr. Auch das ist "klassisch", hinterlässt aber Spuren: "Da geht es um die sogenannte Erkundung, also um die Suche nach eingeschlossenen Personen, ob lebend oder tot." Ja, man hat Menschen gefunden, "gelebt hat keiner mehr". Allein an einer "regional kleinen Stelle" gelten 43 Personen als vermisst.

Eine solche "regionale Stelle" sind auch drei Campingplätze, die "räumlich voneinander getrennt waren". Jetzt ist alles verschmolzen, hängen Wohnmobile in Bäumen fest oder liegen auf dem Dach in der Landschaft – "jeden einzelnen müssen wir untersuchen, ob sich da jemand findet". Mit lebenden Personen sei nicht zu rechnen.

Entlastung für lokale Kräfte

Was vor Ort noch zu tun ist: "Wir übernehmen hier auch den ganz normalen Dienst der lokalen Wehren, haben da einen kompletten Unterabschnitt geführt", sagt Schreck. Weil deren Aktive schlichtweg am Ende seien, körperlich wie psychisch. So stand am Mittwoch eine – auch so eine "klassische" Feuerwehraufgabe – Katzenrettung an, am Donnerstag die Überprüfung eines Gastanks. "Wir mussten auch einen eigenen Logistikbetrieb aufbauen, um zum Beispiel von unserer Unterkunft, wo gekocht wird, das Essen an die Einsatzstellen draußen weiterzuleiten", sagt Schreck. Die Kosten für all das trage Rheinland-Pfalz.

Wie nach dem Krieg: "Unsere Leute leisten hier Schwerstarbeit", sagt Hermann Schreck. Und ergänzt: "Stellen Sie sich Zeit nach dem Krieg vor, so ist das hier im Moment." Eingestürzte Häuser, von 13 Brücken über die Ahr sind nur noch zwei übrig. Öltanks, die herumschwimmen und zu platzen drohen, der Austritt aus Gastank, Unmengen an Schlamm und Dreck, der Geruch von Tierkadavern und, ja, auch von menschlichen Leichen – das sei nicht so einfach wegzustecken, das hinterlasse Spuren. All das bei stetig steigenden Temperaturen.

Wie es weitergeht: Der Einsatz der Kräfte aus der Region wurde bis heute, Freitag, verlängert, "dann gönnen wir uns eine Nacht der Ruhe, am Samstag geht es zurück", sagt Schreck. Nach mehreren 24-Stunden-Schichten. Das ist das eine. Das andere: "Wir haben so viel an Dankbarkeit erfahren, das ist der Wahnsinn." Wobei allen Hilfskräften bewusst sei: "Was wir hier leisten, ist nur klitzekleiner Bruchteil dessen, was eigentlich nötig ist, allein hier im Ahrtal sind 42 000 Menschen betroffen." Aber jede Stunde an Unterstützung helfe den Menschen weiter – "aber da wird noch viele Wochen geholfen werden müssen", so Schreck.

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