Freitag, 17.01.2020

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In Auerbach schwiegen im Advent die Glocken und die Orgel

Vor 50 Jahren verhängte Pfarrer Johann Ritter nach Aufhebung des Tanzverbots Kirchenstrafen - 14.12.2019 18:00 Uhr

Vor 50 Jahren konterte Pfarrer Johann Ritter die Aufhebung des Tanzverbots durch den Stadtrat mit Kirchenstrafen. © NN/pe


Mit jährlicher Routine landete im Oktober 1969 auf dem Tisch der Stadtverwaltung der Antrag eines Auerbacher Gastronomen, der die Aufhebung einer Stadtverordnung aus dem Jahre 1963 forderte. In ihr waren für die Advents- und Fastenzeit Tanzveranstaltungen in der Berg-Stadt verboten worden. Zwar neigten neuerdings immer mehr Räte dazu, diesem alten Verdikt die Billigung zu entziehen, doch zu einer Abschaffung hatte es auch diesmal nicht gereicht. Mit 7 zu 6 Stimmen wurde der Antrag abgelehnt. Die CSU-Fraktion stimmte geschlossen, von der SPD Karl Ficker und Ludwig Preis für das Verbot.

Erich Popp hatte zuvor darauf hingewiesen, dass es wohl nicht der angenehmste Punkt sei, den man sich für eine Beratung vorstellen könne. Doch seien schließlich alle Gastwirte und nicht nur der Antragsteller von der Verordnung betroffen. Zu rechtfertigen sei sie, das müsse er einräumen, allerdings nur aus christlichen Erwägungen heraus. Fasten- und Adventszeit seien eben einmal Begriffe, die dem christlichen Kalender entstammten. Dem Kalender, der noch immer für die überwiegende Mehrheit der Auerbacher Bürger gelte.

Die Wähler verlangten, dass auch den christlichen Grundsätzen in der Öffentlichkeit Rechnung getragen werde. Er sei, so beteuerte Popp, nicht gegen Feste, aber, so forderte er, eine gewisse Zeit des Jahres müsse auch der Besinnung dienen. Das Tanzverbot müsse bestehen bleiben, wenn man die Grundsätze des Christentums aufrechterhalten wolle. Eine andere, zwingende Notwendigkeit zur Aufhebung der Verordnung sehe er nicht.

Für den Antrag plädierte Josef Weiß. Er meinte, christliche Erwägungen könnten bei der Beratung dieser Angelegenheit dahingestellt bleiben. Weitgehend sei das eine Gewissensfrage für den einzelnen. Ein guter Christ gehe einfach aus eigenem Entschluss nicht zum Tanz. Außerdem habe es sich eingebürgert, dass die Jugend während der Advents- und Fastenzeit eben in die Nachbarstädte ausweiche.

Zweiter Bürgermeister Ficker sprach sich für das Tanzverbot aus, weil er, so seine Begründung, während der Advents- und Fastenzeit eine Lärmbelästigung der Anwohner befürchte. Stadtrat Josef Sichelstiel bekräftigte die Argumentation seines Kollegen Weiß. Auch er sehe im Tanzverbot eine Gewissensfrage für den einzelnen. Im übrigen müsse man an die Gefährdung der Jugend im Straßenverkehr denken, wenn sie zum Vergnügen in andere Städte fahren müsse.

Während Hans Schriefer den Kompromiss eines nur 14-tägigen Tanzverbots anregte, setzte sich Bürgermeister Emil Kreuzer für eine völlige Aufhebung der Verordnung ein. Er sehe im Verbot eine Bevormundung der Jugend. Leute, die man zum Tanzverbot zwingen müsse, seien ohnehin schlechte Christen

Gastwirt beantragte Teilaufhebung

Mitte November 1969 befasste sich der Stadtrat ernet mit dem leidigen Thema. Der Besitzer des Cafe de la Musica, Neukunft, hatte eine Teilaufhebung des Verbotes beantragt. Dem stand ein Schreiben von Oberamtmann a. D. Grüner entgegen, der auf die starke Lärmbelästigung der Anwohner durch das Tanzcafe hinwies. Grüner meinte darin, es gehe nicht an, dass noch bis 2 oder gar 3 Uhr müde Bürger durch Musik, lautes Geschrei oder das Zuschlagen von Autotüren aus der Ruhe gerissen würden. Je länger gezecht würde, desto mehr Räusche gebe es auch und das könne sich verheerend auf den Verkehr auswirken. Er forderte, die Polizeistunde nicht zu verlängern. Der Besitzer des Cafes müsse außerdem zuerst seinen Auflagen nachkommen, so etwa die Fenster mit Glasbausteinen verkleiden und den Saal durch eine Klimaanlage entlüften.

Stadtrat Popp (SPD) empfahl den Anwohnern, bei Ruhestörung den zivilrechtlichen Weg zu gehen, also die Polizei zu alarmieren. Popp erklärte, er stimme für die Teilaufhebung des Tanzverbotes, denn auch in der Weihnachts- und Fastenzeit sei Tanzen ein geradezu harmloses Vergnügen.

Sein Fraktionskollege Weiß war der gleichen Meinung. Er fügte noch hinzu, die Ausführungen von Oberamtmann a. D. Grüner entbehrten offenbar jeglicher Grundlage. Demgegenüber erklärte Stadtrat Popp, er werde seine Meinung nicht ändern. Er legte er den Stadträten ans Herz, auch wenn „Kirchenstrafen" zu erwarten seien, sich frei nach Ihrem Gewissen zu entscheiden.

Gesinnungswandel über Nacht

Bürgermeister Kreuzer warf ein, das Ordinariat Passau habe seinerzeit der Stadt Regen keine Schwierigkeiten bereitet, als diese das Tanzverbot aufgehoben hatte. Stadtrat Haberberger gab seiner Verwunderung Ausdruck, auch die SPD habe einmal dem Verbot zugestimmt, und nun müsse er sich fragen, was denn wohl „über Nacht" den Gesinnungswandel herbeigeführt habe. Das Verbot habe der Demokratie keinen Schaden angetan, man wolle nicht etwa die Jugend schulmeistern, es sei ihr jedoch zuzumuten, nachdem sie das ganze Jahr über tanzen könne, in der Advents- und Fastenzeit von solchen Lustbarkeiten fernzubleiben.

Stadtrat Schrüfer erhitzte mit einer Erklärung die Gemüter: In diesem Streit seien nun schon viele böse und schmutzige Worte gefallen. Ursprünglich habe er — einen Fraktionszwang gäbe es nicht — für die Kompromisslösung der Teilaufhebung stimmen wollen. Jetzt aber sei auch er für die Beibehaltung des Verbotes. Stadtrat Weiß warf ein, in dieser Partei bestünde offenbar doch Fraktionszwang. Die Äußerung von Schrüfer ließe darauf schließen.

Für die CSU wiesen die Stadträte Haberberger und Popp diesen „Missgriff" zurück. Sie müssten sich schärfstens gegen diese Unterstellung verwahren. Nach diesem Disput schritten die Stadtväter zur Abstimmung. Mit acht zu sechs Stimmen wurde die Teilaufhebung des Tanzverbotes beschlossen.

Stadtpfarrer Johann Ritter konterte wenige Tage später mit den befürchteten Kirchenstrafen. Durch den Mehrheitsbeschluss im Stadtrat aufgeschreckt, kündigte er im Sonntagsgottesdienst an, dass in der stillen Zeit in Auerbach keine Glocken läuten werden, dass nur stille Messen ohne Orgelklang abgehalten und dass er keine Handkommunion mehr austeilen werde.

Der Stadtpfarrer, der den „Nordbayerischen Nachrichten" wegen „schlechter Erfahrungen" jegliche weitere Auskünfte verweigerte, hatte sich über den Mehrheitsbeschluss im Stadtrat geärgert, durch den das Tanzverbot teilweise aufgehoben wird. Als Seelsorger sehe er sich genötigt, zu solchen Maßnahmen zu greifen. Den Gläubigen rief er zu, sie sollten an die Stadträte herantreten, sollten sie in Zukunft besser anschauen. 

Tatsächlich schwiegen schließlich die Glocken und die Orgel der Auerbacher Kirche. Während des Gottesdienstes wurde kein Lied gesungen. Damit wollte er den Stadtrat zwingen, seinen Beschluss zu revidieren.

Pfarrgemeinderat rüffelte Pfarrer

Auch der Pfarrgemeinderat Auerbach hat sich daraufhin mit dem Stadtratsbeschluss beschäftigt. Das Gremium missbilligte die Reaktion des Pfarrers. Die Missbilligung wurde mit großer Mehrheit bei drei Stimmenthaltungen ausgesprochen. Der Pfarrgemeinderat war allerdings auch nicht mit dem Stadtratsbeschluss einverstanden. Daher beschloss das Gremium, die Mitglieder des Stadtrates zu einer Aussprache einzuladen, die für die teilweise Aufhebung des Tanzverbots votiert haben. Der Pfarrgemeinderat hoffte, die acht Stadtratsmitglieder wieder umstimmen zu können. Bürgermeister Emil Kreuzer meinte dazu lakonisch: "Bis jetzt haben wir noch keine Einladung bekommen. Ich erachte diese auch für vollkommen zwecklos."

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