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In neun Jahren kam nicht eine einzige Bewerbung

Warum so mancher Handwerksbetrieb vom Mindestlohn für Auszubildende keine positiven Effekte erwartet - 12.06.2019 10:00 Uhr

Der KSB-Konzern zahlt seinen Lehrlingen bereits weitaus mehr als es der Gesetzesentwurf vorgibt. Auf dem Bild erklärt Ausbildungsleiter Roland Haber (rechts) den Auszubildenden Joni Saadeh, Andreas Friede und Nico Lindner (von links) ein Werkstück. © Foto: KSB


Auszubildende verdienen Anerkennung. Deshalb brachte Karliczek ihren Gesetzesentwurf für eine Mindestvergütung auf den Weg. Der Entwurf gleiche die unverhältnismäßig große Vergütungslücke zwischen verschiedenen Ausbildungsberufen aus, erklärte die Politikerin.

"Das könnte uns helfen", sagt Heike Lindner-Fiedler von der Metzgerei Dörfler und Fiedler. "Trotzdem kommen die Gehälter nicht an die Industrie heran." Ihr Sohn machte eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Ein Freund des Sohns absolvierte eine ähnliche Ausbildung. Der Unterschied: Lindner-Fiedlers Sohn kam in der Industrie unter und der Freund in einem Handwerksbetrieb – der Lohnunterschied sei trotzdem merklich gewesen. So fordert sie, dass auch hier angesetzt wird.

"Es ist ein Anfang. Dass alles angeglichen werden muss, das steht außer Frage", sagt sie. Für die Metzgerei sei es egal, ob der Mindestlohn kommt oder nicht – es gingen so oder so noch kaum Bewerbungen bei Dörfler und Fiedler ein. Das liege daran, dass die Jugend von heute so etwas nicht mehr machen möchte. "Körperliche Arbeit ist nichts mehr für die", sagt Thomas Schmid von der gleichnamigen Metzgerei. "Ich habe aufgegeben zu suchen. In neun Jahren kam nicht eine einzige Bewerbung."

Schmid hatte bereits mehrfach Ausbildungsplätze als Metzgerlehrling ausgeschrieben und die Vergütung erhöht. Die Bewerbungen blieben trotzdem aus. "Den Gesetzesentwurf finde ich gut", sagt Schmid, "aber auch der Mindestlohn wird in unserem Handwerk keine Lehrlinge locken."

Auch die Dachdeckerfirma Lenk klagt über das Interesse der Jugend. "Bei uns liegen die Ausbildungslöhne schon weit über dem Mindestlohn", sagt Marlene Lenk, "doch die Bewerbungen bleiben aus." Der Familienbetrieb habe zwei Auszubildende und im September startet ein weiterer seine Lehre – das sei aber eher die Ausnahme. Der große Teil würde lieber einer Bürotätigkeit nachgehen und körperliche Arbeit ablehnen.

"Der Entwurf ist ein guter Vorschlag", sagt Lenk. "Aber auch mit den geforderten 515 Euro kann man keine Wohnung finanzieren." Es sei ein Ansatz, der dem Handwerk allgemein helfen könne. Nachdem es die Dachdecker-Firma nicht beträfe, da sie schon über der geforderten Mindestvergütung entlohne, sagt Lenk: "Ich spreche jetzt für andere Firmen und Handwerkskollegen, wenn ich sage, dass ich es trotzdem gut finde."

Die Auszubildenden beim KSB-Konzern müssten sich um ihre Vergütung keine Sorgen machen, so Pressesprecherin Alexandra Leiner: "Unsere Ausbildungsvergütung orientiert sich am Tarif des Bayerischen Unternehmerverbands Metall und Elektro. Alle Ausbildungsberufe bei uns erhalten die gleiche Vergütung." Auf die Frage, ob der Konzern den Gesetzesentwurf als eine gute Idee erachte, sagt Leiner: "Die Diskussion, ob der Mindestlohn für Auszubildende gut oder eher kritisch zu sehen ist, betrifft den Konzern nicht, da unsere Vergütung weit höher liegt als der angedachte." Doch gerade andere Ausbildungsberufe, wie Friseure und Dachdecker, würden vom Gesetz profitieren.

"Ich bezahle meinen Auszubildenden, was die Handwerkskammer vorgibt", sagt Manuela Wiegärtner von "Manuelas Frisierstube". "Falls der Staat einen Mindestlohn einführt, dann habe ich damit kein Problem." So erklärt sie, dass gerade Friseurlehrlinge nur einen bescheidenen Lohn erhalten. Und das obwohl die Arbeit in Praxis und Theorie recht anspruchsvoll sei. So müsse man sich gut in Chemie und mit verschiedenen Hauttypen auskennen. Sie selbst habe einen Auszubildenden, einen Flüchtling aus Afghanistan. "Ich hoffe, dass er nach seiner Ausbildung bei mir im Laden bleibt", sagt Wiegärtner.

Nicht alle im Handwerk sind mit dem Eingriff in die Gehaltspolitik glücklich. Protest kommt etwa vonseiten des Hauptgeschäftsführers der Handwerkskammer für Oberfranken, Thomas Koller: "Ordnungspolitisch ist das ein falscher Schritt. Deswegen ärgert man sich, dass der Staat sich da einmischt." Natürlich sollten die Vergütungen passen, doch würden viele Betriebe ohnehin bereits deutlich mehr zahlen als vorgegeben. "Wir wollen ja keine billigen Kräfte", sagt Koller. "Viele Betriebe zahlen mehr als 1000 Euro und trotzdem gibt es dort keine Bewerber."

Unerwünschte Einmischung

Das Geld sei schon jetzt nicht der einzige Anreiz, sich für einen Arbeitgeber zu entscheiden, betont Koller. Zudem könnten die Gewerke die Tarife viel flexibler und praxisbezogener gestalten. Es gebe immer wieder Gespräche, bei denen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer am Schluss einigten. "Das sind ja Profis", erklärt er. "Der Staat sollte sich um die Aufgaben kümmern, die er lösen kann."

MARTIN BURGER

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