Freitag, 16.04.2021

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Iranischer Geflüchteter ist neuer Mesner in der Buchauer Kirche

Masoud Khanipour versieht ehrenamtlich in der evangelischen Kirche Buchau die Mesnerdienste - 02.03.2021 14:55 Uhr

Die beiden scheidenden Buchauer Mesnerinnen wurden verabschiedet: (von links) Ilse Rümpelein und Waltraud Bauer. Hier mit Pfarrerin Sabine Winkler und dem neuen Mesner aus dem Iran, Masoud Khanipour (rechts).

01.03.2021 © Foto: Thomas Lange/privat


Diese Tätigkeiten verrichtet der 29-jährige junge Mann tatsächlich für Gottes Lohn. Das ist zwar kein Vollzeitjob. Aber, wie der evangelische Dekan Markus Rausch beteuert: "Wir wären auch bereit gewesen, ihm etwas zu zahlen." Das sei aber angesichts des noch laufenden Anerkennungsverfahren für den iranischen Flüchtling momentan vom Staat nicht erlaubt gewesen.

Unumwunden gibt Khanipour im Gespräch zu: "Früher war ich Agnostiker." Er hat also nicht an Gott geglaubt. Allerdings sei in seinem islamischen Umfeld im Iran regelmäßig der Freitag wie ein Feiertag begangen worden. Mit Teetrinken oder einem Essen im Familienkreis.

Mit dem Christentum und dem christlichen Glauben ist der Iraner erst in Deutschland in Kontakt gekommen. Im Zuge seines Anerkennungsverfahrens hat er bereits Stationen in Passau, München und Augsburg, sogar in Hessen, absolviert. Bevor er nach Bad Berneck und Bayreuth kam. "Seit vier oder fünf Monaten bin ich in Pegnitz", verriet der Neu-Pegnitzer in oft fehlerfreiem, aber sehr vorsichtigem Deutsch.

"Mama" hilft ihm

Eine Pegnitzerin aus dem Betreuerkreis für Flüchtlinge hat ihn unter ihre Fittiche genommen. "Verraten Sie nicht ihren Namen, das will sie nicht." Und im nächsten Augenblick betont Masoud Khanipour mehrfach treuherzig: "Sie ist meine Mama." Von ihr habe er "eine ganze Menge gelernt". Auch das gemeinsame Beten. In der evangelischen Kirchengemeinde lobte der frisch gebackene Mesner die "Gemeinsamkeit".

Er mag auch das gemeinsame Singen von Liedern. Auch wenn das wegen Corona momentan leider verboten sei. So manche Aussage aus den oft Jahrhunderte alten Liedern blieb dem Iraner verborgen. "Ich kann nicht alles so gut verstehen", gibt er bedauernd zu. Das soll sich aber in Zukunft ändern. Mit anderen Iranern nimmt Masoud jeden Samstag online an Bayreuther Zoom-Gottesdiensten teil. Das sind meistens 30 bis 35 Personen.

Wichtig für sein neues Amt war der Glaubensgrundkurs, den der evangelische Dekan Markus Rausch seit letztem Juli an jedem Freitag angeboten hat. Weil er so interessiert war und so gute Fortschritte machte, "hat Markus (gemeint ist der Dekan) zu mir gesagt: ,Wir haben eine freie Stelle‘. Dafür gebe es aber kein Geld, das sei ein Ehrenamt.""

Masoud Khanipour sagte sofort zu. Seitdem "klingelt" er an Sonntagen mit Gottesdiensten im Buchauer Kirchlein die Glocken. Immer früh um 8.15 Uhr. Dazu noch einmal fünf Minuten vor dem tatsächlichen Gottesdienstbeginn. Nach kurzem Nachdenken ergänzt der Mesner: "Am Samstag muss ich unbedingt einmal klingeln." Während des Gottesdienstes mit vielleicht zehn oder 20 Buchauer Gläubigen nimmt der Mesner ganz selbstverständlich in der letzten Kirchenbank Platz. Er ist bereit, um bei "Unser Vater", also dem "Vater unser" während des Gottesdienstes erneut die Glocken zu läuten. Wie das auch in allen anderen evangelischen Kirchen praktiziert wird.

Nach dem Gottesdienst ist "Geld zählen" angesagt. Die Münzen stammen aus dem "Klingel-Geld-Beutel". Dann werden die Scherflein, alles Spenden der Kirchgänger, akribisch genau zusammen gerechnet und dokumentiert.

Einen schmucklosen schwarzen Talar – sonst allerorten das übliche Berufs-Outfit der Mesner – trägt der Buchauer Mesner nicht. Seine Erklärung: "Das haben meine Vorgängerinnen auch nicht getan."

Egal ob mit oder ohne Talar: Masoud Khanipour ist sich auch nicht zu schade, allwöchentlich jeden Samstag zusammen mit einer weiteren Helferin die Kirche in Buchau zu putzen und für den Sonntagsgottesdienst vorzubereiten.

"Er macht das wirklich gerne"

Auch wenn der nächste Buchauer Gottesdienst erst am Ostermontag stattfinden wird: Mit seiner Entscheidung für das Mesner-Amt hat Khanipour die evangelische Gemeinde aus einer echten Notlage befreit. Wie die für Buchau zuständige Pfarrerin Gerlinde Lauterbach mitteilt, habe man bereits im vorigen Herbst "hin- und her überlegt, wer das Mesneramt übernehmen könnte" – allerdings ohne Ergebnis. Da kam dieser iranische Flüchtling wie gerufen. "Er macht das wirklich gerne", so die Pfarrerin.

In dieses Loblied stimmt auch Dekan Rausch voll mit ein. "Der neue Mesner ist bereits im Jahr 2018 getauft worden." Insgesamt befänden sich acht Iraner im Glaubensgrundkurs, den der Dekan hält. Seinen neuen Mesner bezeichnete Rausch als "unglaublich gutmütigen, treuen Kerl". Deshalb hofft er – vielleicht auch aus ein kleinwenig Eigeninteresse –, dass das anstehende Anerkennungsverfahren zu dessen Gunsten ausgeht und Khanipour hier leben und arbeiten darf.

FRANK HEIDLER

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