Mittwoch, 20.11.2019

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Irrflug in den Osten: Piloten verwechselten die Funkfeuer

Vor 50 Jahren verschwanden in der Region zwei Jets: Statt des Heimatflugplatzes Memmingen Grafenwöhr angesteuert - 02.02.2010

Vor einem halben Jahrhundert stieg am Morgen eine Rotte von zwei Jagdbombern des Typs «Thunderstreak« vom Memminger Fliegerhorst zu einem Instrumentenübungsflug auf. An Funkfeuern entlang navigierend sollten die Maschinen in etwa 10000 Metern Höhe ein Viereck über Frankfurt, Bitburg und Rottweil zurück ins Allgäu fliegen.

An Bord waren die Piloten Helmut Kraus und Rolf Hofmann, beide zwar jung, aber mit ausreichend Flugstunden. Gegen 10 Uhr meldete Rottenführer Kraus der Flugkontrollstelle Fürstenfeldbruck, dass Hofmann Probleme mit dem Sauerstoffgerät habe.

Er bat um Erlaubnis, den Auftrag abbrechen zu dürfen. «Kehren Sie zurück« befahl die Leitstelle. Die Rotte drehte um und peilte das Funkfeuer Memmingen an. Um 10.27 Uhr kam es zu einem letzten Funkkontakt, der Flugplatz Memminger Berg war bereit zur Landung. Doch der Himmel blieb leer.

Es begann eine fieberhafte Suche. Berechnungen ergaben, dass die Jets möglicherweise nach Osten statt nach Süden geflogen waren. Überall in Nordostbayern melden Menschen Beobachtungen. Ein Förster aus Rehau wollte in der Nähe der tschechischen Grenze eine Detonation gehört haben, eine Frau sah vom Ochsenkopf aus einen Rauchpilz. Mehrere «Zeugen« berichteten, sie hätten (trotz dichten Nebels!) farbige Notsignale von Flugzeugen gesehen.

Soldaten, Polizisten und Forstleute durchkämmten, unterstützt von amerikanischen Hubschraubern, die Wälder des Fichtelgebirges. Der Steinwald wurde tagelang durchsucht, der Rauhe Kulm und die Gegend um Grafenwöhr. Es fand sich keine Spur. Nach Einstellung der Suche mehrten sich die Spekulationen. Ein Absturz über Hessen wurde angenommen, gar ein Irrflug in die Schweiz.

Das Zentralorgan der SED «Neues Deutschland« behauptete dreist, amerikanische Jagdflugzeuge hätten die Maschinen abgeschossen. Nahe liegender war die Vermutung, die Jagdbomber wären jenseits der tschechoslowakischen oder der sowjetzonalen Grenze abgestürzt.

Das Verteidigungsministerium unter Franz Josef Strauß dementierte energisch, ebenso Prag und Ost-Berlin. Eine Woche später musste Strauß einen möglichen Absturz hinter dem «Eisernen Vorhang« kleinlaut eingestehen. Waldarbeiter aus Mähring direkt an der Grenze berichteten, sie hätten am Tag des Verschwindens um 10.35 Uhr zwei Düsenjäger in die CSSR fliegen sehen. Eine amerikanische Radarstation bestätigte diese Sichtung. Prag stellte sich weiterhin ahnungslos. Da die BRD zu dieser Zeit keine diplomatischen Beziehungen zu Ostblock-Staaten unterhielt, konnten Sondierungen nur über inoffizielle Kanäle und amerikanische Konsulate erfolgen.

Eine Woche später berichtete Strauß dem Verteidigungsausschuss in geheimer Sitzung, dass sich die Flugzeuge samt ihren Piloten tatsächlich in der CSSR befanden. Er behauptete, man besäße «niederdrückendes Material« über die Behandlung der Soldaten und spekulierte, die Maschinen wären von tschechischen Leitstellen absichtlich über die Zonengrenze gelockt worden.

Später erklärte das Ministerium noch, einer der beiden Flieger wäre schwer verletzt. Nichts davon entsprach der Wahrheit, es war die übliche Propaganda des Kalten Krieges, von beiden Seiten. Prag hatte die Piloten mittlerweile doch «gefunden« und schwadronierte ausführlich über die «militärischen Provokationen der westdeutschen Revanchisten«.

Doch es war weder Provokation noch bewusste Fehlleitung. Zum Absturz führte ein simpler Navigationsfehler. Kraus und Hofmann hatten das Memminger Funkfeuer mit dem in Grafenwöhr verwechselt, welches auf gleicher Frequenz ähnliche Signale sendete. Als sie im Sinkflug die dichte Wolkendecke durchbrachen, erblickten sie nicht die lieblichen Hügel des Voralpenlandes sondern die rauen Höhen des Böhmerwaldes. Ihre Maschinen streiften bereits die Baumspitzen, in allerletzter Sekunde konnten sie den Schleudersitz betätigen.

Die unverletzten Piloten wurden ins Prager Gefängnis geschafft, ausgiebig verhört, aber ansonsten korrekt behandelt. Es folgte ein tagelanges Gezerre um die Modalitäten der Auslieferung. Der Grenzübergang Waidhaus wurde regelrecht von Reporterscharen belagert, man wusste aus Erfahrung, dass unabsichtliche Grenzverletzer immer dort «zurückgegeben« wurden.

Jeden Morgen versammelten sie sich am Schlagbaum, doch es dauerte bis zum 3. Dezember, bis die NN in fetten Lettern «Jabo-Piloten sind frei!« melden konnten.

Vor der Pressekonferenz wies das Ministerium, dem die ganze Geschichte offenbar peinlich war, die Piloten an, möglichst Fliegersprache oder bayerischen Dialekt zu verwenden, um die Frager zu verwirren: Sie berichteten im NATO-Kauderwelsch. Pressechef Schmückle klärte die Journalisten auf: «Die Piloten können natürlich nicht mehr perfekt Deutsch!«

Klaus Lehnberger

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