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Jagd auf Eichhörnchen: 50 Pfennige Abschussprämie

Ein gutes halbes Jahr nach dem Kriegsende prägten den kühlen Sommer 1919 Nahrungs- und Wohnungsnot - 16.07.2019 19:44 Uhr

War 1919 eines der größten Geschäfte in Pegnitz: Der Kaufladen von J.G. Bauer, wo Beamte und Ärzte nach Genehmigung durch das Ministerium ein Paar Schuhe erstehen durften. Im Vordergrund ist Auguste Bauer zu sehen. © Repro: Peter Spätling


Zwar war schon Anfang März die Räteregierung in München durch Reichswehrtruppen gestürzt worden und die Regierung Hofmann konnte von Bamberg nach München zurückkehren, doch die Krise war noch lange nicht ausgestanden. Erst Ende Juli wurde die Verfassung in Weimar verabschiedet, wohin die Reichsregierung aus Berlin hatte flüchten müssen.

Doch betraf das überhaupt den Alltag der Menschen in einem kleinen Städtchen wie Pegnitz? Zweifelsohne standen die Alltagssorgen im Kampf ums Überleben nach etwas mehr als einem halben Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges im Vordergrund. Noch immer wurde die Landwirtschaft staatlich kontrolliert. Der freie Handel mit Nutzvieh war verboten, Fett – dazu gehörten alle Arten von Rohfett der Schlachtungen – und Milch mussten abgeliefert werden. Verbraucher bekamen sie nur durch zugeteilte Lebensmittelmarken. Da diese Lebensmittel ebenso knapp wie wichtig waren, wurde sogar Ziegenmilch eingezogen.

Andererseits wurden bei Nichterfüllung der Abgaben Strafen ausgesprochen. Bauern, die ihrer Pflicht nicht nachkamen, wurden bestraft und namentlich in den Amtsblättern veröffentlicht und somit an den Pranger gestellt. Besonders rigoros ging man dabei in Pottenstein vor.

Hühner, Enten und Gänse durften nicht frei auf den Felder laufen, damit sie keine Saatkörner oder Austriebe des Getreides abfraßen. Dazu wurden weitere, heute skurril anmutende Verordnungen getroffen: Gegen Spatzen sollte mit allen Mitteln vorgegangen, deren Bruten und Nester zerstört werden. Noch unglaublicher war die Aufforderung, Eichhörnchen zu "vertilgen", was mit einer Abschussprämie von 50 Pfennigen pro Tier honoriert wurde.

Der Mangel an Nahrungsmitteln hatte auch Auswirkungen auf einen möglichen Fremdenverkehr in der Fränkischen Schweiz. "Fremde dürfen sich nur zu Kur- und Erholungsaufenthalten längstens eine Woche" einfinden, hieß es in den Vorschriften. Gaststätten durften nur ein Zehntel aller vorhandenen Betten belegen. Die Gäste sollten "tunlichst" ihr eigenes Brot mitbringen.

Kurs im Schuhmachen

Viele weitere Dinge des täglichen Bedarfs waren ebenfalls rar oder überhaupt nicht zu bekommen. Kleidung wurde nur gegen Bezugsscheine ausgegeben. Es wurde öffentlich im Amtsblatt ausgeschrieben, wann wieder "Männer- und Knabenkleidung aus Zeltleinen und Frauenblusen und -röcke" eingetroffen waren. Für das Schuhwerk fand am 10. und 14. Juni ein "Straßenschuhkurs" im "Gasthof Goldener Stern" statt, wo man lernen konnte, wie man sich "elegante Straßenschuhe mit Absätzen" selbst herstellt. Beamte und Ärzte durften sich nach Genehmigung durch das Ministerium ein Paar Schuhe – soweit vorhanden – im Geschäft von J. G. Bauer in Pegnitz kaufen. Dieses war eines der größten in der Stadt und wurde im Juli 1919 von J.G. Bauer an Andreas Güttinger übergeben, lief aber unter altem Namen weiter. Heute ist in dem Gebäude die Löwen-Apotheke untergebracht.

Nicht unähnlich zu 2019 sind zwei Verordnungen zur "Bekämpfung von Wohnungsnot und Mietwucher", von dem vor allem kinderreiche Familien betroffen waren. Aus der Gastronomie gab es dagegen Erfreuliches zu vermelden: Der "Gasthof zum Hirschen" (die heutige Hirschen-Apotheke) wurde von seinem Besitzer Karl Hösch wieder eröffnet, nachdem das Haus während des Krieges ein Lazarett beherbergt hatte.

Auch darüber hinaus schien der Alltag langsam wieder in der Stadt einzukehren. Der "Touristenclub Pegnitz" lud zu einer Wanderung vom Posthalter (Gasthof Schwarzer Adler in der Altstadt) nach Bronn ein mit anschließendem "Tanz-Kränzchen" im "Glenk-Saal" in Bronn. Der "1. Radfahrerclub Pegnitz" bot ebenfalls Abwechslung vom tristen Alltag: Am Sonntag, 13. Juli, fand im Posthaltergarten ein Gartenfest statt, und am Abend zuvor wurde im Kolbsaal (Gasthof Weißes Lamm) ein Theaterabend abgehalten. An gleicher Stelle fanden regelmäßig an den Wochenenden Stummfilm-Vorführungen der "Lichtspiele Pegnitz" statt.

Allerdings schien der Obrigkeit das Bedürfnis der Bürger nach Unterhaltung zu weit zu gehen: "In Anbetracht des abgeschlossenen niederschmetternden Gewaltfriedens und mit Rücksicht auf die infolge der ungünstigen Witterungsverhältnisse drängenden landwirtschaftlichen Arbeiten (. . .) sind Tanzlustbarkeiten in erheblichem Maße einzuschränken", hieß es in einer Verordnung des Stadtmagistrates. Einzige Ausnahme war der Tanz zur Kirchweih.

Trotz allem dachten die Menschen an die Realisierung großer Projekte. So gab es am 2. Juli ein Bürgermeistertreffen am Pegnitzer Bahnhof, wo über den Bau einer Lokalbahn von Pegnitz über Bronn nach Pottenstein beraten wurde. Die Trasse sollte südlich von Neudorf nach Bronn und dann durch das Weihersbachtal nach Pottenstein geführt werden. Besonders Besitzer von Eisenerzfeldern und Kalkwerken sollten davon profitieren. Der Plan zerschlug sich aber.

Über allem hing große politische Unsicherheit. Es wurde befürchtet, dass wieder Unruhen ausbrechen könnten. So wurde wöchentlich bei den jungen Männern für den Eintritt in die Reichswehr geworben. Auch paramilitärische Einrichtungen, wie die "Brigade Danner" oder das "Bayerische Totenkopf-Jägerkorps" in Erlangen, das im Weißen Lamm in Pegnitz eine Meldestelle unterhielt, suchten mit teils martialischen Sprüchen nach Rekruten: "Arbeiter, Bauern, Bürger, Studenten, Offiziere, Mittelschüler! Die Ehre der deutschen Frau steht auf dem Spiele. Es gilt unsere Mütter, Schwestern und Bräute vor der Durchführung kommunistischer Wahnideen zu schützen! Noch ist es nicht zu spät!" Fast wöchentlich erschienen derartige ganzseitige Anzeigen im Pegnitzer Amtsblatt. 

PETER SPÄTLING

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