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Menschen lernen in Arnleithen von Pferden

Mitglieder der Samain-Gemeinschaft leben in Arnleithen in Einklang mit der Natur - 26.03.2017 08:55 Uhr

Drei der Bewohner der Samain-Lebensgemeinschaft: Von links Anna Landgraf, Antje Gottron, Freundin und Bewohnerin des Samainhofes in der Oberpfalz, Gudrun Kaiser, und Dirk Schulze. © Luisa Degenhardt


Wie so oft war es die Liebe, die den Ausschlag gab. Die Liebe zur Natur, die Liebe zu Pferden. Und die Liebe zu diesem Hof, den der frühere Besitzer liebevoll restauriert hat. Zuerst kam Anna Landgraf nach Arnleithen, bis sie dann aber auf den Hof zog, dauerte es. "Ich war schon vor 20 Jahren da und sehr verliebt in den Hof", sagt sie. Zwei Jahre hatte sie eine Zweitwohnung in Arnleithen, gab sie aber wieder auf, weil ihr der Weg zur Arbeit zu weit war. "Es hat mich nie ganz los gelassen." Seit acht Jahren lebt sie nun fest hier. Anfangs konnte sie nicht schlafen "wegen der Totenstille".

"So leise ist es hier aber nicht. Man hört Uhus, Rehböcke und Käuzchen", sagt Antje Gottron. Die 50-Jährige ist seit 2003 hier und kommt aus Mainz. Irgendwann hat sich ihre Wohngemeinschaft aufgelöst, sie wechselte den Job und zog aufs Land. "Ich dachte, ich wohne schon auf dem Land, aber hier ist wirkliches Land", sagt sie. Als sie sich dann noch ein Pferd gekauft hat, ist sie "vielmehr in die Gemeinschaft reingewachsen". Ein Leben ohne Pferd kann sie sich nicht mehr vorstellen. Ein Leben in der Stadt auch nicht. Bayreuth ist für sie eine Großstadt.

Den 61-jährigen Dirk Schulze verschlug es 2006 nach Arnleithen. Er hat lange überlegt, überhaupt in eine Gemeinschaft zu ziehen. Er kannte den Hof schon vor dem Einzug, hat mitgeholfen die Weiden für die Pferde zu bauen. Lange hat er allein gelebt, am Ende fiel dann doch die Entscheidung für die Gemeinschaft.

Die vierte Bewohnerin wollte nicht in die Zeitung. Heute haben die drei Anderen Besuch von der 56-jährigen Gudrun Kaiser. Sie lebt auf dem Samainhof bei Parsberg, die Mitglieder der Gemeinschaft sind befreundet. Freundschaft, das ist überhaupt ein Wort, das hier immer wieder fällt. Freunde, über die die Bewohner nach Arnleithen gelangten. Freundschaft zwischen Mensch und Tier, Freundschaft zwischen "Samainern" und Nachbarn, Freundschaft innerhalb der Gemeinschaft.

Jeder hat seine eigene Wohnung. Eine klassische Wohngemeinschaft ist das Zusammenleben also nicht, einmal in der Woche treffen sie sich aber mindestens. Normalerweise nennen die NN ihre Protagonisten beim Nachnamen. Doch Nachnamen spielen auf dem Hof in Arnleithen keine Rolle, die Bewohner sind per Du.

Antje Gottron mit drei der vier Islandpferden, die alle isländische Namen tragen: Lökka (Glück), Ljóri (Lichtschein am Horizont), Hjalti (Mann aus Hjaltland) und Gessa (die Stürmische), die nicht im Bild ist. © Luisa Degenhardt


Hier hilft jeder jedem. Wenn ein Bewohner in den Urlaub fährt, hüten die anderen dessen Pferd. Wenn eine Koppel gebaut werden muss, hilft man zusammen. Wenn die Pferde bewegt werden müssen, werden Reitgemeinschaften mit Rackersbergern gebildet.

Die Bewohner des Hofs sind sich recht ähnlich — was laut Anna manchmal zum Problem wird —, doch mit der Zeit hat jeder seine Nische gefunden. "Der Dirk züchtet die weltbesten Tomaten", sagt Gudrun. In seinem Gewächshaus zieht der Gartenbauingenieur außerdem Paprika, Chili, Rucola und Blattkohle. Anna kocht und bewirtet gerne. Das macht sie auch an diesem Tag. In ihrer Wohnung tischt sie Kaffee und selbst gemachten Kuchen auf. Antje kümmert sich um handwerkliche Dinge. Sie hat zum Beispiel eine Abtrennung für die Pferde gebaut. Eigentlich hat sie Goldschmiedin gelernt, heute arbeitet sie als Ergotherapeutin. Gudrun ist Informatikerin und Anna als Haushälterin in Nürnberg tätig. Am meisten verbindet die Vier die Arbeit auf dem Hof, sagen sie. Sie machen gemeinsame Ausritte, pflegen die Weiden, bauen Zäune und organisieren Picknicks. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, nach Lösungen wird so lange gesucht, bis jeder zufrieden ist. Manchmal gibt es wie überall anders auch Streit. Wenn Konflikte nicht zu lösen sind, findet eine Supervision statt: Gemeinsam mit befreundeten Samain-Anhängern treffen sie sich zum Gruppengespräch samt Psychotherapeut.

Was noch etwas trist aussieht, wird im Sommer zum Idyll: Der Teich, in dem Kröten bereits gelaicht haben. © Luisa Degenhardt


Zurzeit scheint der Hof noch nicht aus seinem Winterschlaf erwacht zu sein. Im Sommer weicht der braune Erdfleck im Garten einem großen Tipi, Pflanzen gedeihen im noch leeren Gewächshaus. Es gibt Lagerfeuer und Trommelnachmittage. Die Nachbarn bekommen vor solchen Events Bescheid.

Früher hatte die Bevölkerung schon Vorbehalte, "inzwischen sind die Leute offen", sagt Antje. Doch man sei jetzt 20 Jahre hier mit wechselnden Bewohnern. Anna meint: "Wir pflegen eine gute Nachbarschaft. Es ist uns wichtig, dass wir ein gutes Verhältnis haben, wir sind ja ganz normale Menschen." Als es im Winter so bitterkalt war, brachte der Nachbar die vier Bergziegen der Gemeinschaft in seinem Stall unter. Dass die "Samainer" mittlerweile akzeptiert werden, liegt laut Antje sehr an der Pferdehaltung. "Die Pferde verbinden." Anna meint, dass die Leute auf dem Land mehr aufeinander angewiesen sind. Und Dirk sagt: "Wir kaufen unseren Honig beim Nachbarn." Den Pferdemist nutzt ein Nachbar als Dünger.

Im Leben der Bewohner dreht sich vieles um ihre Vierbeiner. Neben dem Haus ist eine Rundbahn, dort wird mit den Tieren Bodenarbeit gemacht. Die vier Islandponys sind das ganze Jahr über draußen und gucken an diesem Tag trotz des Regens freundlich drein. Auch auf dem Samainhof bei Parsberg leben nur Islandpferde. Das hat seinen Grund. Sie haben einen guten Charakter, sagt Anna. Sie sind neugierig und wach, sagt Dirk. Sie sind sehr zugewandt, sagt Antje. Inspirieren lassen haben sich die Samain-Anhänger von den "Immenhof"-Filmen aus den 50er bis 70er Jahren, sagt Gudrun.

Die Pferde sind den Bewohnern auch Lehrer. Laut Gudrun lehren die Pferde einem das Beisichsein. Antje meint, dass sich die Anspannung des Menschen sofort im Pferd widerspiegele. Gudrun: "Es ist eine tolle Basis, sich vom Pferd spiegeln zu lassen."

Das Leben in der Gemeinschaft verändere einen, sagt Gudrun. "Ich gehe anders auf die Leute zu." Die "Samainer" scheinen glücklich und zufrieden, ein anderes Leben möchten sie nicht mehr führen. Deshalb haben Anna, Antje und Dirk den Hof 2014 gekauft. "Das ist unsere Alters-WG", meint Anna und lacht. Sie sind gekommen, um für immer zu bleiben.

An Stiftung vermachen

Und sie haben sich schon Gedanken gemacht, wie es mit der Lebensgemeinschaft weitergehen soll, wenn einer von ihnen stirbt. Dann würde der Anteil des Verstorbenen an die Erben gehen. Deshalb wollen sie den Hof der Samain-Stiftung vermachen. "Damit die Idee des Gemeinschaftshofes weiterlebt und die Verbindung zu den Pferden", sagt Gudrun. Auch diese Entscheidung war eine gemeinsame, so Anna. Die 59-Jährige möchte im Alter nicht alleine sein. Sie sieht das an der Generation ihrer Eltern und möchte das für sich selbst vermeiden.

Der gemeinsame Kauf hatte noch einen Vorteil: Jeder allein könne sich so einen Hof nicht leisten, gemeinsam war das Finanzielle und ist die Arbeit aber zu stemmen. Auch für Gudrun ist Arnleithen ein ganz besonderes Fleckchen Erde. "Das ist ein Paradies." 

Luisa Degenhardt Redaktion Nordbayerische Nachrichten Pegnitz und Auerbach E-Mail

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