"Mit einem Verein musst du verheiratet sein"

7.5.2021, 17:49 Uhr
Erwin Geier auf dem Rasen des FC Troschenreuth. Als Spieler hat er dort Grätschen verteilt. Seit knapp 50 Jahren sorgt er dafür, dass der Platz in gutem Zustand bleibt.

Erwin Geier auf dem Rasen des FC Troschenreuth. Als Spieler hat er dort Grätschen verteilt. Seit knapp 50 Jahren sorgt er dafür, dass der Platz in gutem Zustand bleibt. © Foto: Markus Maisel

"Ein Wochenende ohne Fußball, das ist einfach nichts", sagt Geier mit oberpfälzischer Färbung in der Stimme. Über ein Jahr ist es her, dass der 67-Jährige das letzte Mal einen Fußball über den Platz hat rollen sehen. Trotzdem ist er zurzeit fast jeden Tag hier.

Seit 1972 ist Geier beim FC Troschenreuth tätig. Als er dort begann, lag der Sportplatz noch am anderen Ende des Dorfes. Umgezogen haben sich die Spieler vor dem Spiel nicht in beheizten Kabinen – sondern in der Bäckerei des Gasthauses "Drei Linden". Als Spieler war Geier ein eisenharter Verteidiger, an dem sich die Stürmer die Zähne ausbissen. Denn bevor er lange weiße Linien über den Troschenreuther Rasen zog, machte Geier vor allem eines: darauf grätschen.

Egal wie talentiert der gegnerische Neuner war, Geier wusste, wie man ihn stoppte – ob mit fairen oder unfairen Mitteln: In einem Spiel gegen den SC Eschenbach brachte Geier drei Angreifer zur Verzweiflung: "Die sind alle raus, weil sie nicht an mir vorbeikamen." Allgemein sei der Amateurfußball in den Siebzigern rauer gewesen. Wortgefechte, Tätlichkeiten und Raufereien standen auf der Tagesordnung. Auch Geier machte mit. Beim Eckball stand er den Gegnern oftmals auf den Füßen, damit sie nicht zum Kopfball steigen konnten – der Schiedsrichter hat das meistens übersehen.

Damals musste Geier sich den Respekt noch erspielen – auch innerhalb der Mannschaft. "Als ich mit 18 in die Vollmannschaft kam, waren die Spieler alle über 30, die fragten, was ich dort will." Erst als er die Mitspieler mit seinen Leistungen in der Abwehr überzeugte, wurde er respektiert. "Erwin, du hast recht, spiel so weiter", sagten Kameraden dann zu ihm.

Aus dem respektierten jungen Verteidiger wurde ein Vereinsurgestein. Als die Knöchel 1986 Probleme machten, hörte Geier mit dem Fußballspielen auf. Seitdem unterstützt er den Verein als Platzwart und helfende Hand. Jahrzehntelang streute Geier sonntagmorgens die Linien des Platzes. Mittlerweile unterstützen ihn dabei die Jüngeren – unter anderem der ehemalige Vollmannschaftsspieler Kilian Dettenhöfer.

Ansonsten findet das Vereinsurgestein immer eine Aufgabe rund um den Sportplatz: Geier verlegt Kabel, er hängt Tornetze auf, streicht das Sportheim, schrubbt die Kabine, baut Festzelte auf und ab – oder schaut der Vollmannschaft am Sonntagnachmittag beim Fußballspielen zu. "Mir macht der Sportverein einfach Spaß."

Fast jeden Tag läuft Geier von seinem Zuhause eineinhalb Kilometer zum Sportplatz und macht seinen Rundgang. Wenn etwas nicht passt, wird es passend gemacht. "Der Erwin ist da, wenn man ihn braucht und unersetzlich für uns", sagt der Vorsitzende Roland Laier.

Doch nicht nur vereinsintern wird Geiers Arbeit wertgeschätzt. "Vor ein paar Tagen ist ein Radfahrer am Sportplatz vorbeigefahren, der hat gemeint, der Sportplatz sieht aus wie das Olympiastadion."

Damit der Sportplatz am Ende gut aussieht, muss Geier viel Zeit investieren: "Du musst mit einem Sportverein verheiratet sein", meint Geier. Jeden Tag dort sein und Arbeit verrichten, das funktioniere eben nur, wenn man dafür lebt. Geier selbst lebt den Verein jedenfalls wie kaum ein Zweiter. "Du musst erst einmal so einen alten Depp suchen wie mich, der das alles macht", scherzt er.

Auch wenn die Knochen mit zunehmendem Alter immer mehr schmerzen: Der Rentner sieht sich auch in Zukunft auf dem Rasen oder in der Kabine. "Ich kann das machen, bis ich 90 oder 100 bin – dann mache ich das eben alles etwas langsamer."

INFO: Es gibt sie in jedem Verein: die Menschen, ohne die es einfach nicht läuft. Wir wollen diese stillen Helferinnen und Helfer in unserer Serie "Die Seele des Vereins" würdigen und brauchen dazu Ihre Hilfe: Schlagen Sie uns Frauen und Männer vor, die es Ihrer Meinung nach verdient hätten. Schreiben Sie uns eine E-Mail mit kurzer Begründung an lokalsport@pressenetz.de

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