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Dienstag, 16.07.2019

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Motto der Tafel: Weitergeben, was andere wegwerfen

Vorstandsteam über Hilfe für Bedürftige und warum es einfache Dinge wie Zucker oder Mehl kaufen muss - 17.06.2019 08:00 Uhr

Kistenweise bekommt die Pegnitzer Tafel (Vorsitzende Christine Wagner und Stellvertreter Josef Deinlein im Bild) Obst und Gemüse von den Supermärkten. Doch bei der Durchsicht der Ware müssen die Helferinnen aufpassen: Nicht jeder Laden nimmt es bei der Abgabe der Waren mit der Qualität so genau. © Foto: Klaus Trenz


Frau Wagner und Herr Deinlein, was motiviert Sie, sich für bedürftige Menschen einzusetzen?

Josef Deinlein: Mein ehemaliger Arbeitgeber hat es befürwortet, dass man vorzeitig in den Ruhestand gehen kann. Mit der Auflage, dass man für einen gemeinnützigen Verein in den ersten drei Jahren im Ruhestand insgesamt 1000 Stunden arbeitet. Das war für mich der Anstoß. Aber mittlerweile mache ich es gerne. Seit April vergangenen Jahres bin ich als Fahrer bei der Tafel tätig. Als im Dezember klar wurde, dass der alte Vorstand seine Aufgaben abgeben wird, war die Frage, ob der Verein dann weiterhin bestehen kann. Daraufhin habe ich mich für den Stellvertreterposten zur Wahl gestellt. In dieser Funktion fallen immer wieder handwerkliche Tätigkeiten an, die ich neben dem Fahren gut schaffen kann.

Christine Wagner: Für mich ist es aufgrund meiner christlichen Überzeugung eine Selbstverständlichkeit, mich für bedürftige Menschen einzusetzen. Ganz egal, wo diese Menschen herkommen.

Im vergangenen Jahr wurden 213 Menschen regelmäßig von der Tafel mit Lebensmitteln versorgt. Welche Folgen hätte es gehabt, wenn der Verein sich mangels Vorstand tatsächlich hätte auflösen müssen?

Wagner: Im Moment versorgen wir etwa 230 Kunden. Für jeden Einzelnen wäre es eine schwierige Situation ohne die Tafel in Pegnitz. In Bayreuth gibt es zwar auch eine Ausgabestelle, aber ich weiß nicht, ob die Leute dorthin fahren würden, um Lebensmittel abzuholen. Viele von ihnen haben ja kein Auto.

Deinlein: Auch wenn es manchmal so dargestellt wird, dass die Tafel-Kunden ihren Mercedes um die Ecke geparkt haben: Das ist in Pegnitz definitiv nicht so. Unsere Kunden kommen zu Fuß oder mit dem Bus.

Hätte es auch Einfluss auf die Spenden der Firmen gehabt, wenn es in Pegnitz keine Ausgabestelle gegeben hätte?

Deinlein: Es gibt Pegnitzer Unternehmen, die unsere Tafel in jeglicher Hinsicht unterstützen. Die Lebensmittel bekommen wir zwar von den Supermärkten und anderen Lebensmittelgeschäften, aber auch unser Kühlfahrzeug und unser Laden müssen ja instandgehalten werden. Wenn man als Verein nicht mehr eigenständig, sondern eine Art Ableger ist, könnte man das fünfte Rad am Wagen sein, vermute ich.

Wagner: Dann würde einfach die persönliche Beziehung fehlen. Wir merken, dass Pegnitz — die Stadt, die Wirtschaft, die Kirchen und viele Menschen — hinter unserer Arbeit stehen.

Merken Sie das auch an der Spendenbereitschaft?

Wagner: Über Spenden freuen wir uns immer. Wir haben ja nur wenige feste Einnahmen wie zum Beispiel die Mitgliedsbeiträge unserer Vereinsmitglieder. Aber wenn Bedarf ist, wissen wir, dass wir uns an die Pegnitzer Institutionen wenden können.

Wo gibt es momentan Bedarf?

Wagner: Wir planen gerade unseren Schlossberg-Laden zu renovieren. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, müssen die Handwerkerrechnungen beglichen werden. Abgesehen davon suchen wir langfristig nach geeigneten neuen Räumlichkeiten, die bestenfalls keine Treppen im Eingangsbereich haben. Der Wunsch wäre auch, einen Standort zu finden, an dem es einen Kühlraum gibt.

Deinlein: Das Gebäude, in dem wir momentan sind (Am Schloßberg 17, Anmerkung der Redaktion), gehört der katholischen Kirche. Wir nutzen es zu günstigen Konditionen.

Wagner: Wir bezahlen nur die Nebenkosten. Die Miete übernehmen die örtlichen Kirchen für uns. Neue Räume müssten sehr preisgünstig sein und mit dem Bus oder zu Fuß gut erreichbar. Sie sollten aber nicht unbedingt in der Innenstadt liegen, damit unsere Kunden keine Scheu haben, bei uns einzukaufen.

Wie werden solche Projekte wie die Renovierung oder Instandhaltung finanziell unterstützt?

Deinlein: Wenn uns Firmen einen Preisnachlass gewähren oder eine Spende übergeben, bekommen sie dafür eine Spendenquittung. Somit ist es eine gute Sache für beide Seiten.

Wie können Bürger die Tafel sonst unterstützen?

Wagner: Man kann auf der einen Seite ehrenamtlich mithelfen, als Fahrer, beim Sortieren und Einräumen der Lebensmittel und an der Warenausgabe. Auf der anderen Seite ist die finanzielle Unterstützung der Tafel durch eine Mitgliedschaft im Verein möglich (Mindestbeitrag zehn Euro pro Jahr, Anmerkung der Redaktion).

Deinlein: Fahrer haben wir momentan genügend. Aber beim Vorbereiten der Lebensmittel, hauptsächlich am Tag der Ausgabe an die Bedürftigen, wird es manchmal eng.

Sind die Lebensmittel von den Supermärkten, die sie abgeben, nicht schon vorsortiert worden?

Deinlein: Da ist die Qualität stark schwankend. Manche Supermärkte sortieren sehr gut vor, bei anderen hat man bei der Durchsicht mitunter das Gefühl, dass überhaupt nicht vorsortiert wurde. Generell sind wir aber über jeden Supermarkt froh, der uns etwas gibt.

Bekommen Sie zur Weihnachtszeit mehr?

Deinlein: Nein, wir bekommen nur das, was nicht mehr verkauft werden kann. Egal zu welcher Jahreszeit.

Wagner: Wir können aber auch nicht alle Lebensmittel annehmen, da wir die Vorgaben der Lebensmittelverordnung beachten und einhalten müssen. Bei Fleisch, Fisch und Eiern gibt es das Verbrauchsdatum. Nur bis mehrere Tage vor diesem Datum dürfen wir diese Lebensmittel weiter geben.

Gibt es Lebensmittel, die Sie hinzukaufen müssen?

Deinlein: Nur wenige Produkte wie Mehl, Zucker und Nudeln kaufen wir manchmal dazu. Diese werden uns selten überlassen, weil sie sehr lange haltbar sind.

Wagner: Allzu oft kaufen wir solche Produkte nicht hinzu, weil es dem Grundgedanken der Tafel widerspricht.

Deinlein: Der Grundgedanke ist, dass man Lebensmittel, die der Vernichtung zugeführt würden, an Bedürftige weitergibt.

Können auch Privatleute Lebensmittel bei Ihnen abgeben?

Wagner: Ja. Ich habe schon einen Anruf von einer Familie bekommen, die zu viel Babynahrung vorrätig hatte. Sie wollten die Sachen nicht wegschmeißen, also habe ich sie gerne abgeholt.

Deinlein: Im Herbst hat uns ein Pegnitzer Bürger zwei Eimer voller Äpfel gebracht. Er hatte eine gute Ernte in seinem Garten und das Obst war ihm zu viel. Dass wir Lebensmittel von Privatleuten bekommen, ist aber die Ausnahme.

Hat die Arbeit bei der Tafel Ihr eigenes Konsumverhalten beeinflusst?

Wagner: Das eigene Bewusstsein wächst auf jeden Fall, wenn man sich mit der Haltbarkeit von Lebensmitteln und Wegwerfmentalität beschäftigt. Wer weiß schon, wie lange Nudeln über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus unbedenklich verzehrt werden können?

Christine Wagner (52) und Josef Deinlein (62) sind seit April das Vorstandsteam der Pegnitzer Tafel. Wagner ist Vorsitzende des 145 Mitglieder zählenden Vereins (Stand Ende 2018), Deinlein ist ihr Stellvertreter. Insgesamt sorgen etwa 70 Helfer dafür, dass Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt werden können. Der Tafelladen (Am Schloßberg 17) hat freitags von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Einkaufen darf hier, wer von Caritas oder Diakonie den entsprechenden Berechtigungsschein erworben hat. 

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