Mühsamer Weg zu fairem Handel: Stadt Auerbach wartet auf "Fairtrade-Town"-Zertifizierung

13.6.2021, 14:55 Uhr
Im November 2013 wurde der Weltladen im Untergeschoss von Haus Emaus eingerichtet. Ehrenamtliche wie Martina Heberl (2.v.r.) verkaufen bereits seit 1990 fair gehandelte Lebensmittel und spenden den Erlös.

Im November 2013 wurde der Weltladen im Untergeschoss von Haus Emaus eingerichtet. Ehrenamtliche wie Martina Heberl (2.v.r.) verkaufen bereits seit 1990 fair gehandelte Lebensmittel und spenden den Erlös. © Foto: Brigitte Grüner

Fairtrade-Town Auerbach! Klingt gut, ist aber noch lange nicht Realität, obwohl der Stadtrat voll dahintersteht. Während im Rathaus immerhin fair gehandelter Kaffee getrunken wird, ist die erwünschte Zertifizierung noch nicht auf den Weg gebracht worden. Liegt das nur an Corona, oder ist den Handelnden der Schwung aus dem Vorwahlkampf abhanden gekommen?

Für Bürgermeister Joachim Neuß ist die Pandemie Schuld daran, dass seit dem eindeutigen Beschluss im Stadtrat im Januar 2020 keine weiteren Schritte eingeleitet wurden. Ein nächster Schritt wäre eine öffentliche Versammlung mit allen Gewerbetreibenden in Auerbach gewesen.

Eine schriftliche Abfrage erschien dem Rathauschef aufgrund des hohen Erklärungsbedarfs ebenso wenig zielführend wie eine Online-Besprechung.  Bürgerversammlungen waren Pandemie-bedingt ebenfalls noch nicht möglich. Auch die erforderliche Steuerungsgruppe sei bislang nicht festgeschrieben.

Appell des Bürgermeisters

Es werde wohl Eine-Welt-Promotorin Dr. Catharina Denk dabei sein, aber auch Vertreter aus dem Stadtrat sowie von Betrieben, Vereinen und Organisationen. Ob Auerbach die erste Fairtrade-Town im Landkreis wird oder nicht, spielt für Joachim Neuß keine Rolle: "Wichtig ist, dass wir etwas für fairen Handel, Nachhaltigkeit und Klimaschutz tun."

Herbert Appl kann nicht einmal den Ansatz für einen ernsthaften Anlauf erkennen. "Dies lässt sich auch nicht durch die Beschränkungen wegen Corona erklären", bedauert der CSU-Sprecher. Seit dem Beschluss Anfang 2020 habe er nichts mehr vom Thema Fairtrade-Town gehört. Seine Fraktion stehe nach wie vor voll und ganz hinter der Initiative. "Ich erinnere daran, dass unser früherer Stadtrat Arthur Schriml es war, der das Thema in den Stadtrat gebracht hat."

Schriml habe eine Beteiligung der Stadt an der Fairtrade-Initiative der Mittelschule angeregt. Das wurde damals vom Bürgermeister und der Stadtratsmehrheit ohne formellen Beschluss abgelehnt, so Appl. Nachfragen bei Händlern oder Gastronomen sind ihm nicht bekannt.

Auch mit der Kolpingsfamilie, die seit vielen Jahren ausschließlich fair gehandelten Kaffee ausschenkt, wurde kein Kontakt aufgenommen. Die Information und Einbindung der Bürger ist für Appl wichtig. "Das ist leider bislang nie erfolgt." Die SPD stehe noch immer hinter der Idee und dem Projekt "Fairtrade Town", bestätigt Sprecher Dr. Edmund Goß. Ohnehin habe seine Partei den vollmundigen Worten auch echte Taten folgen lassen.

Die Genossen haben initiiert, dass Produkte aus dem Weltladen unabhängig von den Öffnungszeiten im Bürgerhaus gekauft werden können. Auch habe die SPD im Vorjahr fair gehandelte Präsentkörbe an die Parteijubilare verschenkt. "Soweit mir bekannt ist, sind wir die einzige politische Gruppierung, die diesbezüglich etwas Konkretes unternommen hat", so Goß. 

Ebenfalls noch hinter der Sache stehen CUU und JAU. Ein aktueller Stand ist den Stadträten aus dem Umland nicht bekannt, da seit dem Beschluss im Januar 2020 im Gremium nicht mehr darüber gesprochen wurde. Wenn das Projekt aktuell stockt, sei es wohl der Pandemie geschuldet, meint Sprecher Josef Lehner. Maria Regn (CUU) hatte damals schon darauf hingewiesen, dass Fair-trade am besten mit heimischen Produkten zu realisieren wäre, erinnert sich der Ortlesbrunner. Hier könne man die Bürger wohl am leichtesten gewinnen, "Fairtrade" zu leben.

FW-Sprecher Holger Eckert, dessen Fraktion den Antrag gestellt hatte, erklärt, dass sich aufgrund der Situation die Prioritäten in den letzten Monaten massiv verschoben hätten. Daher wurde auch das Thema Fairtrade-Zertifizierung nicht wie ursprünglich geplant vorangetrieben. Aus Einzelhandel und Gastronomie hatten bereits einige ihre Unterstützung des Projekts zugesagt.

Durch die Pandemie habe es dann andere Prioritäten gegeben. Gerade jetzt hätten viele Menschen das bisherige wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhalten hinterfragt, auch im Hinblick auf Lieferketten, Just-in-Time-Produktion und weitere Abhängigkeiten, findet Eckert. "Deshalb ist nach der Pandemie die Chance sehr wahrscheinlich noch größer, dass das Thema Fairtrade und damit vor allem auch Regionalität auf mehr fruchtbaren Boden fällt."

Vorbild für Bürger

Bernd Scheller und seine Partei stehen nach wie vor hinter der Zertifizierung. Es wäre ein wichtiges und richtiges Zeichen an die Bevölkerung und hätte sicher auch noch die angestrebte Vorbildfunktion im Landkreis, meint der Stadtrat. Die Bildung der Steuerungsgruppe war schon beim ersten Vorstoß der Grünen im Jahr 2012 der Knackpunkt.

Der Ansatz sei gewesen, eine Steuerungsgruppe unter Mitwirkung aller Fraktionen, aber unter "neutraler" Leitung zu bilden. Trotz zweier Infoveranstaltungen konnte das Projekt mangels Steuerungsgruppe nicht weitergeführt werden. Umso erfreuter habe er den Antrag der FW aufgenommen. Es sei wohl Anfang 2020 der bevorstehenden Stadtratswahl geschuldet gewesen, dass keine Partei im Vorfeld einbezogen wurde, meint Scheller. "Bleibt zu hoffen, dass den vollmundigen Versprechungen nun endlich Taten folgen, denn ein weiteres Scheitern wäre nicht nur beschämend für die Antragsteller, sondern auch ein Armutszeugnis für die Stadt Auerbach."

Seit 31 Jahren kümmert sich der Dritte-Welt-Verein in Auerbach um den Verkauf fair gehandelter Lebensmittel und spendet regelmäßig den Erlös für soziale Projekte. "Wir haben uns beim letzten virtuellen Treffen auch gefragt, was aus der Bewerbung geworden ist", berichtet Martina Heberl vom Weltladen-Team. 

Bei einem ersten Treffen mit Catharina Denk und anderen Vertretern haben die Ehrenamtlichen des Vereins ihre Mitarbeit angeboten. Damals sei festgestellt worden, dass durch die Vorarbeit schon viele Voraussetzungen erfüllt sind. Leider seien dem Weltladen wegen Corona viele regelmäßige Lieferungen weggebrochen, beispielsweise der Kaffeeverkauf in der Flembachhütte oder im Kolpinghaus oder die Verkaufsstände in der Auerbacher Mittelschule und am Pegnitzer Gymnasium.

Ein Geschenkkistchen mit fair gehandelten Produkten als mögliches Präsent zu Geburtstagen wurde schon im Vorjahr im Rathaus vorgestellt. "Aber dann kamen die Kontaktbeschränkungen und es gab keine Geburtstagsbesuche mehr."

Keine Kommentare