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Dienstag, 13.04.2021

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Nach 34 Jahren und einem Umzug: Ehepaar schließt Zahnarztpraxis in Pegnitz

Das Ehepaar Gaebler war gerade erst in neue Räumlichkeiten eingezogen - 05.04.2021 13:32 Uhr

Ingrid und Benvenuto-Gérard Gaebler stellen sich zum letzten Erinnerungsfoto in der Zahnarztpraxis. Viele ihrer Patienten haben ihre Trauer über die Praxisschließung kundgetan. Von einigen haben sie sogar Abschiedsgeschenke erhalten.

05.04.2021 © Foto: Kerstin Goetzke


"Setzen Sie sich jeden Tag beim Aufstehen auf die Bettkante und sagen Sie sich ,ich bin jung, ich bin jung‘. Die Zeit vergeht so schnell", sagt Dr. Benvenuto-Gérard Gaebler. Nach 34 Jahren gibt er seine Zahnarzt-Praxis auf und geht in den Ruhestand. Beim Abschiedsgespräch meint er bescheiden, dass er eine "normale Arbeit" gemacht habe und dass es ihm vorkomme, als hätte er erst kürzlich die Praxis von Dr. Ernst Köberlin an der Mühlbachstraße übernommen. Das war zum 1. April 1984. "Emotional ist der Rückblick wie eine Ziehharmonika. Das muss man erst auseinanderziehen", gibt er zu. Erst nach und nach realisiere er, was gerade passiert.

Während der Unterhaltung im Aufenthaltsraum der Praxis ist auch seine Frau Ingrid dabei, die ihn seit 31 Jahren als Handlangerin und Sekretärin unterstützt. Nach und nach fallen ihr und ihrem Mann Anekdoten aus den vergangenen drei Jahrzehnten ein. Sie schwelgen nach der Abrechnung in Erinnerungen.

Immer erreichbar

"Wir waren 24 Stunden am Tag, und sieben Tage pro Woche für die Patienten erreichbar", erklärt Benvenuto-Gérard Gaebler (65). Und nicht nur für diese waren er und seine Frau da. Auch für die Auszubildenden. "Wir hatten in dieser Zeit acht bis zehn Auszubildende. Eine junge Frau hat sogar mal einen Preis als Jahrgangsbeste erhalten, weil wir gemeinsam zufällig genau das gelernt haben, was dann in der Prüfung dran kam", sagt der Zahnmediziner, der mit seiner Praxis zum 1. Januar 1995 in die eigenen Räume an der Fuchshofstraße umgezogen ist. Er klingt dabei etwas stolz.

Sein Anspruch sei immer gewesen, dass es in seiner Praxis nicht aussehe und rieche wie in einer klassischen Zahnarztpraxis. Deshalb hängen an den Wänden unzählige Fotos, Teller und andere Erinnerungsstücke; aus dem Privatleben der Gaeblers, von Marine-Besuchen (Gaebler war 1981 bis 1982 bei der Marine und ist Flottillenzahnarzt) und Zeitungsausschnitte. Das Behandlungszimmer ziert ein Gemälde der Tochter.

Es zeigt den Familienhund Orlando als Welpen. "Keine Ahnung, was jetzt mit den ganzen Sachen passiert", sagt Ingrid Gaebler (67) etwas wehmütig. "Wir werden aussortieren müssen", entgegnet ihr Mann.

Er müsste eigentlich noch ein paar Jahre arbeiten. Aber im Sommer müsste die elektronische Patientenakte Einzug in die Praxis halten. Das ist dem Ehepaar Gaebler zu viel Aufwand. Die Bürokratie sei ohnehin schon ausufernd im Praxisalltag: Dokumentation, Datenschutz, Verordnungen – und seit einem Jahr auch noch die Corona-Auflagen.

Weil Gaeblers Frau und rechte Hand 50 Jahre gearbeitet hat, hat das Ehepaar sich zur Schließung der Praxis entschieden. Einen Nachfolger hat es bislang nicht gefunden. "Es ist schwierig, jemanden für eine kleine Praxis zu finden. Der Trend geht auch bei den Zahnärzten hin zu Großpraxen", meint Dr. Gaebler. Er bedauere, dass das "lebendige Pegnitz" nach und nach ausstirbt. Charakteristische Geschäfte, Läden und Apotheken schließen, es komme nichts nach. "Das ist eine leichte soziale Verarmung. Und wir reihen uns leider ein." Auch Bürgermeister Wolfgang Nierhoff finde es schade, dass wieder ein Teil der ärztlichen Versorgung wegfalle. "Aber ich gönne den beiden den wohlverdienten Ruhestand."

Eine Zeit lang möchten Gaebler und seine Frau noch warten, ob sich vielleicht doch noch ein Nachfolger findet. "Wir würden uns sehr über einen Nachfolger freuen", sagen sie.

Wenn sich niemand findet, würden sie die Geräte vermutlich an eine gemeinnützige Organisation spenden und eine Wohnung aus der Praxis machen. "Das wäre schade, weil wir über Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Meine Frau hat ein besonderes Gespür für die Patienten entwickelt. So konnten wir individuell auf jeden eingehen", sagt der scheidende Zahnarzt.

Er sei aber auch froh, dass der bürokratische Aufwand bald vorbei sei. Doch die Patientendaten müssen über mehrere Jahre aufgehoben werden. Wer einen neuen Zahnarzt gefunden hat, kann eine Freigabe seiner Daten erteilen, damit der neue Behandler die Patientenakte bei Gaebler anfordern kann.

Wenn der Papierkram erledigt ist und alle Abmeldungen getätigt sind, kehrt irgendwann tatsächlich Ruhe ein in den Ruhestand von Ingrid und Benvenuto-Gérard Gaebler. Was sie mit der neu gewonnenen Zeit anfangen, wissen sie noch nicht. Ihr schwarzer Labrador wird sich aber freuen, dass die Herrchen bald mehr Zeit zu Hause verbringen werden. Bei ausgiebigen Spaziergängen kann das Paar dann in Erinnerungen an die gemeinsame Praxiszeit schwelgen.

KERSTIN GOETZKE

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