Montag, 17.02.2020

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Nach 40 Jahren: Georg Neumüller macht Bäckerei zu

Auerbacher freut sich auf mehr Zeit für seine Hobbys - Marathon in Alaska statt Brötchenbacken - 17.01.2018 13:57 Uhr

Die Tage sind gezählt: Nur noch wenige Male wird Georg Neumüller in seiner Backstube die Sauerteigklumpen formen, die dann zum Brotteig in der Knetmaschine kommen. Am 3. Februar schließt der Traditionsbetrieb für immer seine Pforten. © Sabine Rühl


Vor 40 Jahren übernahm Georg Neumüller (Jahrgang 1959) die Leitung des Bäckereibetriebes von seinem Vater Alfons. Nach dem Grund der bevorstehenden Schließung befragt, sagt Georg Neumüller heute: "Das Stundenkonto ist voll, ohne Investitionen wäre eine Weiterführung nicht machbar gewesen."

Personal kam andernorts unter

Es sei auch schwer, verlässliches Personal zu finden. In Spitzenzeiten waren in der Backstube vier Mitarbeiter und weitere vier im Laden beschäftigt. Neumüller ist froh, dass sämtliches Personal andernorts untergekommen ist. Im Laufe der Zeit sei die Konkurrenz durch die Supermärkte besonders werktags immer mehr zu spüren gewesen. Wer dort einkaufte, nahm oft auch gleich Brot und Semmeln mit. Die tiefgefroren angelieferten Backwaren der Supermärkte würden mit einem hohem Energieaufwand aufgebacken, was auch qualitätsmäßig Abstriche bringe, sagt Neumüller.

Am Wochenende lief der Verkauf wie gewohnt. Besonders Mohn- und Nusszöpfe waren gefragt, ebenso Brote mit hohem Roggenanteil und Sauerteig sowie Körnerbrote nach eigenem Rezept. Der Laden ist stets ab 5.30 Uhr geöffnet. Neumüller ist bei einer 6,5-Tage-Woche immer gern in aller Früh aufgestanden, gibt aber auch zu, dass die Anspannung immer mit dabei war, weil am Sonntag schon die Vorbereitungen für Montag getan werden mussten. Bis zur Bäckerei-Schließung muss er jetzt noch 17 Mal aufstehen, hat der Auerbacher im Kopf ausgerechnet.

Seine beiden Töchter, Miriam und Ilse, hatten dem Vernehmen nach keinerlei Ambitionen in Sachen Bäckerhandwerk. Miriam ist Industriekauffrau und Trainerin bei den Schwimmern des SV 08; Ilse hat Abitur und macht gerade die Ausbildung zur Tierarzt-Assistentin. In zwei Jahren will sie ein Tierarztstudium beginnen. Georg Neumüller frönt seit Langem dem Schwimmen und Laufen. Bei Letzterem wird er oft von Hund Picco begleitet. "Das ist gut fürs Kreuz, und ich habe mich bereits zur Teilnahme am Marathonlauf in Alaska, der im Juni diesen Jahres stattfindet, angemeldet."

Neumüller ist auch schon Marathon in der Mongolei gelaufen. Nach einer Krebserkrankung vor fünf Jahren und Chemobehandlung spüre er bis heute die Nachwehen (kälte- und wärmeempfindliche Hände) und hat nur noch eine Niere. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Großvater Georg Neumüller 1919 die alte Mühle umgebaut und erweitert. Fünf Jahre später ließ er unter anderem den schönen Erkerturm errichten — als ein Geschenk an seine Ehefrau Blanka, die aus der Rheinpfalz stammte und an deren Elternhaus es auch einen Turm gab. Der Großvater gründete 1928 die Bäckerei — neben dem Mühlenbetrieb und der Landwirtschaft.

Mit Schwarzbrot angefangen

Mitten im Neumühlhof prangte ein Misthaufen; Kühe, Schweine, Pferde und Hühner tummelten sich drumherum. Im Herbst fraßen die Schweine die hergefallenen Eicheln. Gebacken wurde damals nur Schwarzbrot, das aber weithin bekannt war. Die Bauern lieferten Getreide an, erhielten dafür Brotmarken und nahmen mitunter für ihre großen Familien gleich zehn Laibe auf einmal mit. Diese kamen dann daheim in den Brotschrank.

Aus schon trocken gewordenem Brot entstand die Brotsupp’n. 1948 übernahm Sohn Alfons das väterliche Anwesen. 1955 vernichtete ein verheerender Brand große Teile der Neumühle. Kurz zuvor hatte Alfons als zweites Standbein eine Mischfutterherstellung in Betrieb genommen. Ins Hühnerfutter wurde Paprikapulver gemischt, das für besonders gelbe Eidotter sorgen sollte. 1960 zerstörte ein weiteres Feuer fast den ganzen Mittelbau der Neumühle. Im gleichen Jahr erfolgte die Ablösung des Mühlbetriebs. Ab 1970 legte Alfons Neumüller größeres Gewicht auf die Bäckerei. Tochter Christine hatte inzwischen das Bäckerhandwerk erlernt, Sohn Georg wurde Konditor. Tochter Blanka war im erweiterten Laden tätig.

Als Alfons 1983 starb, hinterließ er seiner Frau Marianne und den drei Kindern einen geordneten Betrieb, den anfangs die Witwe weiterführte, ehe ihn später Sohn Georg übernahm. Der Ruheständler in spe erinnert sich gerne an eine jahrelang gepflegte Tradition: das Schinken-im-Brotteig-Essen mit der ganzen Belegschaft und deren Anhang am Heiligen Abend sowie am Karsamstag.

Aus einem Patriziergeschlecht

Die Wurzeln der Neumüller reichen bis zum 25. November 1438 zurück, als Fritz Trautenberger und seine Ehefrau Dorothea die "Mühle in der Au" , wie die Neumühle auch genannt wurde, an Hans Müller und seine "eheliche Wirtin" Anna gegen eine jährliche Gift von elf Viertel Korn und einem Viertel Weizen übergab.

Hans wurde bald "Neumüller" genannt. Gründer der Neumühle waren laut Chronik wohl Angehörige der Familie Stromer und Trautenberger, zwei der ehemals vornehmsten und bedeutendsten Patriziergeschlechter Auerbachs.

SABINE RÜHL

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