Mittwoch, 20.01.2021

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Nach Diebstahl: Gericht gibt junger Mutter allerletzte Chance

Junge Frau musste trotz ihrer Vorstrafen nicht ins Gefängnis. - 07.10.2020 12:55 Uhr

Die Angeklagte soll innerhalb eines Monats 15 Mal in einem Creußener Supermarkt geklaut haben. 

01.02.2011 © NN


S. gab sich vor Richterin Christine Breunig schockiert: "Ich will das gar nicht. Ich verstehe nicht, was ich getan habe." Was sie getan hat, das las Staatsanwältin Daniela Miklis vor: 15 Mal habe S. zwischen Ende Dezember 2019 und Ende Januar 2020 in einem Creußener Supermarkt Nahrungsmittel im Gesamtwert von rund 200 Euro gestohlen. S. räumte die Fälle am Montag ohne Widerrede ein, zweifelte aber zusammen mit Verteidiger Andreas Angerer ihre eigene Schuldfähigkeit an.

Das Zauberwort, das weder S. noch Angerer aussprachen, das aber offensichtlich gemeint war: Kleptomanie, ein inzwischen veralteter Begriff aus der Psychiatrie, der einen krankhaften Hang zum Stehlen beschreibt. "Es war ein Fehler, die Kleptomanie jemals in deutsche Gerichtssäle gebracht zu haben", sagte Gutachter Volkmar Blendl dazu später. "In der forensischen Psychiatrie gibt es diesen Begriff nicht mehr."

Blendl hält die Kleptomanie deshalb auch lediglich für einen Vorwand und betont: "Auch wenn sie heute etwas anderes sagt: Sie wusste, was sie tat." Auch den Verweis des Verteidigers auf Gehirnschäden infolge einer Vergiftung vor rund acht Jahren ließ Blendl nicht gelten. Er erklärte S.‘ Verhalten mit dem Münchhausen-Syndrom, einem Krankheitsbild, bei dem die Betroffenen Probleme oder Krankheiten erfinden und dabei auch vor Selbstsabotage nicht Halt machen.

Schrei nach Aufmerksamkeit

"Es gab und gibt in der Familie viele Konflikte, gerade von der Mutter fühlte sie sich nie akzeptiert", sagt Blendl. "Es ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit." S. sei in keiner wirtschaftlichen Not gewesen, die sie zum Klauen verleitet hätte.

"Wenn überhaupt, dann reden wir von einer Impulskontrollstörung, aber die liegt hier nicht vor. Frau S. hat sich zu jedem Zeitpunkt und überall unter Kontrolle." Heute geht S. nach eigenen Angaben nicht mehr Einkaufen, nach den Vorfällen im Winter zunächst nur noch mit dem Vater. "Außerdem liest ihr Ehemann ihr inzwischen jeden Wunsch von den Lippen ab. Sie hat die Aufmerksamkeit, die sie wollte", resümiert der Gutachter.

Staatsanwältin Miklis sieht die Anklage bestätigt. Sie beantragt für die bereits sechsmal wegen Diebstahls vorbestrafte S. acht Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Verteidiger Angerer fordert fünf Monate mit Bewährung und verweist insbesondere auf das im Frühjahr geborene Kind. Eine Argumentation, der Richterin Breunig schließlich folgt. "Das Kind ist Ihr ganzer Lebensinhalt, das fordert und gibt Ihnen die volle Aufmerksamkeit", sagt sie in Richtung der 38-Jährigen. Acht Monate Freiheitsstrafe, lautete Breunigs Urteil, mit einer Bewährungszeit von vier Jahren. "Das", sagte Breunig, "ist die letzte Chance. Eine dritte Bewährung wird es nicht geben."

JULIAN SEIFERTH

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