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Nach Rissen in der Fränkischen Schweiz: Diskussion um erleichterten Wolfsabschuss

An der Ansiedlung des Canis lupus scheiden sich die Geister - 18.05.2021 07:55 Uhr

Nach dem Wolfsriss bauten Freiwillige einen Schutzzaun um das Gehege in Riegelstein. Sowohl ein mobiler als auch ein fester Zaun werden zu 100 Prozent vom Landesamt für Umwelt (LfU) gefördert.

17.05.2021 © Foto: Klaus Trenz


Vehement gegen diese Pläne sind große Teile der Landtagsopposition, Bund Naturschutz, Tierschützer und auch Umweltminister Thorsten Glauber von den Freien Wählern, der seiner Kabinettskollegin und Agrarministerin Michaela Kaniber Populismus in dieser Frage vorwarf.


Elektrozaun hat sich bewährt: Mehr Schutz vor dem Wolf im Wildgehege Hufeisen


Auslöser der neuerlichen Diskussion waren zwei Wolfsrisse in der Fränkischen Schweiz (wir berichteten). Insgesamt 25 Tiere hatten Wölfe in den Wildgehegen in Riegelstein und Illafeld Ende Februar und Anfang März getötet. Daraufhin entbrannte der seit Jahren schwelende Streit um den erleichterten Abschuss des Wolfs erneut.

Lockerungen gefordert

Kaniber fordert Lockerungen der strengen Schutzvorgaben, "weil die Ausbreitung des Wolfs nicht dazu führen darf, dass die naturnahe und tierwohlgerechte Landwirtschaft in manchen Regionen aufgegeben wird". Dagegen wehrt sich der Bund Naturschutz (BN) "mit völligem Unverständnis und harter Kritik". Mehr Sicherheit für die Weidetiere könne nur mit Herdenschutz erreicht werden, schreibt der BN. Darunter versteht man entsprechend gesicherte Zäune und den Einsatz von Herdenhunden.

Laut BN verschweige Ministerin Kaniber, dass die Gehege der gerissenen Tiere in Oberfranken "nicht wolfsabweisend eingezäunt waren". Das treffe auch auf die anderen Risse in Bayern zu. Aus diesen Rissen eine Notwenigkeit abzuleiten, Wölfe einfacher töten zu müssen, widerspreche den Vorgaben des bayerischen Aktionsplans Wolf, erklärt BN-Landesbeauftragter Martin Geilhufe.

Im Veldensteiner Forst lebt seit drei Jahren ein Wolfsrudel – lange unauffällig. Inzwischen sind die Wölfe aber immer öfter auch außerhalb des Waldgebiets unterwegs, sie wurden schon nahe von Gebäuden gesichtet und liefen durch kleine Orte. In letzter Zeit haben sie auch Jagd auf Nutztiere gemacht. Erst töteten sie ein Schaf, das sich nächtens außerhalb des Pferchs aufhielt, der es schützen sollte. Dann drangen sie binnen weniger Tage in die beiden Wildgatter in Betzenstein ein und töteten insgesamt 25 Stück Dam-, Rot- und Muffelwild. Beide Gatter waren nicht gesichert gegen Wölfe, sie hatten weder Untergrabschutz noch Elektrozaun. In der Region herrschte daraufhin helle Aufregung. Zwar sind die Veldensteiner Wölfe noch nie Menschen nahegekommen, bei zufälligen Begegnungen haben sie sich bisher immer schleunigst davongemacht. Aber die Bevölkerung ist verunsichert.

"Grenzen aufzeigen"

Einer der von den Wolfsrissen betroffenen Landwirte ist Christian Leißner. Er verlor durch den Angriff drei Stück Rotwild und vier Mufflons. "Die Wölfe sind ein Problem", sagt Leißner. "Man muss ihnen die Grenzen aufzeigen." Mittlerweile hat der Nebenerwerbslandwirt mit Hilfe eines mobilen Elektrozauns sein 3,5 Hektar großes Gelände zumindest relativ wolfssicher gemacht. Der Zaun wird so lange stehen bleiben, bis sich Leißner dazu entschließt, einen festen und tatsächlich wolfssicheren Zaun um das Gelände zu ziehen. Kosten entstehen Leißner dadurch keine. Sowohl der mobile als auch ein fester Zaun werden zu 100 Prozent vom Landesamt für Umwelt (LfU) gefördert. "Schäden, die Nutztierhaltern durch Wolfsrisse entstehen, können durch den Freistaat kompensiert werden. Wenn wie hier ein Wolfsgebiet im Sinne des Schadensausgleichs ausgewiesen wurde, haben Nutztierhalter ein Jahr Zeit, einen Herdenschutz zu errichten, um nach Ablauf der Frist weiterhin einen Schadensausgleich gewährt zu bekommen", teilt das LfU mit.

Umweltminister Glauber betont, dass Bayern beim Wolf strikt an die Vorgaben der EU und des Bundes gebunden sei. Der Freistaat selbst könne einzig im Rahmen seines "Aktionsplans Wolf" handeln, der mit Zustimmung des Agrarministeriums beschlossen worden sei. Außerdem verweist Glauber auf das Herdenschutzprogramm des Agrarministeriums. Dabei können sich Bauern beraten lassen, wie sie Rinder, Schafe und andere Nutztiere am besten schützen.


Bestätigt: Wolf tötete 25 Tiere in der Fränkischen Schweiz


Wölfe im Dreieck Veldensteiner Forst, Fränkische Schweiz und nördliche Oberpfalz werden seit Jahren immer wieder beobachtet. Ende 2020, Anfang 2021 häuften sich solche Sichtungen. In Höfen (Neuhaus an der Pegnitz) und im Pegnitzer Ortsteil Horlach wurde am helllichten Tag jeweils ein junger Wolf fotografiert und gefilmt. Die Experten des Landesamts für Umwelt (LfU), das für das Wolfsmonitoring in Bayern zuständig ist, dokumentierten im Veldensteiner Forst 2018 fünf Welpen, 2019 weitere sechs und im vergangenen Jahr vier Tiere. Insgesamt geht man derzeit von acht Tieren aus. Bis dahin war alles recht harmlos. "Das junge Tier war einfach nur neugierig", vermutete der LfU-Sprecher. Ende Februar war es dann mit der Ruhe vorbei. Durch die beiden Wolfsrisse in den Gehegen hat sich die Stimmung zumindest bei einigen Menschen nachhaltig geändert.

Rückkehr zu begrüßen

Während besorgte Bürger und Jäger jetzt "Maßnahmen" fordern, brechen die BN-Ortsgruppen Auerbach und Pegnitz eine Lanze für den Wolf. "Wir möchten aufklären, welche Funktion der Wolf für unsere Lebenswelt hat und warum er deswegen auch nach EU-Recht geschützt ist", sagt Gertrud Burger vom BN Auerbach. Man wolle klarmachen, warum eine Rückkehr dieser Tiere sehr zu begrüßen sei und wie der Mensch lernen könne, in guter Nachbarschaft mit dem Wolf zu leben, ohne Angst haben zu müssen.

Wie wirkt sich der Wolf auf den Wald und seine Bewohner aus Sicht des Forstes aus? Frank Pirner, Leiter des Forstbetriebs Pegnitz der Bayerischen Staatsforsten, bestätigt, dass Wölfe "natürlich Einfluss auf Beutetiere wie Rehe und Rotwild und damit auf die Jagd haben". Der Wolf lebe und jage aber nicht nur im 6000 Hektar großen Veldensteiner Forst. "Das Territorium eines Rudels ist deutlich größer", weiß Pirner. 

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Das Landesamt für Umwelt (LfU) rät zur Gelassenheit: "Wölfe sind grundsätzlich vorsichtig und meiden Menschen, jedoch nicht menschliche Infrastrukturen (Straßen, Wege). In ihrer Raumnutzung passen sich Wölfe normalerweise an die Aktivität des Menschen an. Bereiche ihres Streifgebietes, in denen tagsüber viele Menschen anzutreffen sind, werden nur in der Nacht genutzt. Im Schutz der Dunkelheit laufen sie durchaus auch unmittelbar an bewohnten Häusern vorbei."

Jagdtrieb ein Problem

Anders sieht dies Karl-Heinz Inzelsberger. Der Vorsitzende der Jägervereinigung Pegnitz weiß zwar, dass der Wolf unter Naturschutz stehe und nicht gejagt werden dürfe. "Wir werden uns auch hüten, dem Tier zu nahe zu kommen." Es sei aber bedenklich, wenn der Wolf seelenruhig durch die Dörfer laufe. "Wenn er zu zutraulich wird, ist das nicht in Ordnung." Der Jäger verweist auf ein weiteres Problem: den Jagdtrieb des Raubtiers. "Im Veldensteiner Forst reißen die Wölfe viel Wild und sie sind auch für die Weidetiere gefährlich, wie man ja gesehen hat." 

Die SPD-Landtagsfraktion lehnt eine Freigabe des Wolfes zum Abschuss strikt ab. Der Landesvorsitzende und Umweltexperte Florian von Brunn betont, dass der Wolf durch internationale Abkommen, europäisches Recht und das Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt ist und kritisiert die Haltung der CSU scharf: "Wer jetzt nach Abschuss ruft, fordert zum Rechtsbruch auf und ermutigt insgeheim kriminelle Wilderer!" Die Rückkehr des Wolfes ist für den Umweltpolitiker ein Erfolg der europäischen Naturschutzpolitik: "150 Jahre nach seiner Ausrottung fasst der Wolf in Mitteleuropa wieder Fuß. Das sollte man begrüßen und nach pragmatischen Lösungen für die vorhandenen Probleme suchen."

Die geltende Rechtslage zum Status des Wolfs reicht nach von Brunns Meinung aber völlig aus. Die Tötung einzelner Wölfe, die zum Beispiel immer wieder geschützte Nutztiere erbeuten oder sich dem Menschen gegenüber auffällig verhalten, sei, wenn alle andere Mittel versagen, bereits heute erlaubt.

UDO FÜRST

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