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Nasnitz: Diese Liebe ist eine Familienangelegenheit

Wolfgang Kraus sammelt Oldie-Traktoren — Sein Enkel ist begeistert — Mit 20 Stundenkilometern zu Schauen - 03.06.2016 08:55 Uhr

Das Gefährt ist älter als sein Fahrer: Wolfgang Kraus hat diesen Bulldog mit Baujahr 1938 seit drei Jahren. Der Lanz braucht 15 Minuten bis er fährt. Zuerst muss der Sprit erhitzt und das Lenkrad in die Seite gesetzt und gedreht werden.

02.06.2016 © Andrea Munkert


Mit Oldtimertraktoren ist es ein wenig so wie mit Frauen: Sie haben alle ihre Besonderheit, ihre spezielle Schönheit, ihren ganz eigenen Klang und wollen sich bitten lassen, bevor sie auf Touren kommen. „Man braucht das richtige Händchen“, sagt Wolfgang Kraus. Er liebt jedes Husten, jedes Klopfen und jedes Tuckern seiner Lieblinge. Die sind schnittig und haben breite Hinterteile, können schwere Last tragen und bringen einen voran.

Dass sie einige Jahre auf dem Buckel haben, sieht man ihnen dank der Liebe und Pflege aber nicht im Geringsten an. Im Gegenteil: Sie sehen aus wie neu, ihr Alter verraten sie erst, wenn die Motoren laufen: Die Luft riecht nach Abgasen, die Schlote pusten kleine dunkle Wolken in die Höhe. Kraus erkennt seine Lieblinge blind: Während der Motor des alten Lanz klingt, als würde jemand stoisch mit dem Hammer auf Metall klopfen, rattert der Eicher wie ein lautes Uhrwerk.

Angefangen hat Wolfgang Kraus’ Sammelleidenschaft mit einem Familienerbstück, der Vater seiner Frau hat den alten blaugrauen Eicher mit Baujahr 1956 an die nächste Generation weitergegeben. Vor inzwischen vier Jahren hat Kraus den alten Eicher in Pop-Art-Lackierung von Grund auf restauriert, die Technik zum Laufen und die Schönheit des Bulldogs wieder zum Vorschein gebracht. Heute blitzt der Eicher in der Sonne, auf den Seitenbänken neben dem Fahrersitz kann der Beifahrer bequem sitzen. „200 Stunden habe ich in ihn locker investiert.“

Mehrere Lieblinge

Fünf Oldtimertraktoren besitzt Kraus inzwischen: zwei Lanz (1938 und 1942), einen Fendt Farmer (1959) und eine kleineren Fendt fix (1959) sowie den blaugrauen Eicher (1956). Die Sammelleidenschaft hat Kraus an seinen Enkel weitergegeben, ihn regelrecht infiziert. Das Hobby ist also eine Familienangelegenheit. Der 13-jährige Alexander schraubt und tüftelt an den Fahrzeugen, die Generationen vor ihm zum Leben erweckten, fast schon so professionell wie sein Opa Wolfgang. Manchmal übertrumpft er ihn sogar. Denn wie der alte Lanz-Bulldog aus dem Jahr 1938 zu befeuern ist, damit er fährt: Alexander hat das Gespür und weiß, wenn der Druck nicht stimmt. Denn der alte Breitreifer hat keinen elektrischen Anlasser wie moderne Traktoren.

Dieser Eicher wurde im Jahr 1956 gebaut. Er ist ein Familienerbstück. Mit ihm hat die Liebe zu den alten Karrossen begonnen.

02.06.2016 © Fotos: Andrea Munkert


„Wir können ihn nicht einfach starten, es dauert mindestens 15 Minuten bis man damit losfahren kann“, sagt Wolfgang Kraus. Erst muss die Flamme blau und der Sprit so erhitzt sein, damit der alte Karren zu rumoren und sein Schlot zu husten beginnt, die Luft riecht nach Ruß und heißem Benzin. Auch die Kupplung und den Gang des 78 Jahren alten Gefährts beherrscht der Teenager so als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Denn beim Lanz klinkt man das Lenkrad aus, wenn die Lötlampe mit dem glühenden Sprit und brennendem Glühkopf ans untere Ende der Motorhaube angedockt ist, und kurbelt den Motor an, indem man das Lenkrad auf der Seite dreht. Dafür braucht man Feingefühl und die exakt richtige Technik.

In eine Lötlampe füllen die Krauses Sprit, deren Glühkopf dann entzündet wird. Leuchtet der Sprit blau, wird die Lampe unter den Motor gesetzt und befeuert ihn.

02.06.2016


Zwar hat der Heranwachsende freilich noch keinen Führerschein, doch auf dem ein Hektar großen Grund von Opa Wolfgang fährt er die alten Bulldogs. „Was rastet, das rostet“, erklärt der 56-Jährige. „Er fragt viel, will viel wissen“, fügt er hinzu und ist sichtlich stolz, seinem Enkel Wissen zu vermitteln und mit ihm die Leidenschaft zu teilen. Fast jeden Tag in der Woche schaue Alexander bei ihm vorbei. „Das Hobby hat uns noch mehr zusammengeschweißt“, sagt der Nasnitzer mit strahlendem Gesicht. „Er weiß, welches Werkzeug er wann und wo holen muss.“

Kraus, selbst Baujahr 1959 wie die beiden Fendt, die in seinem Fuhrpark stehen, hat durch seinen Job als Metallverarbeiter bereits einen Grundstock an Wissen, den er gut für sein Hobby verwenden kann. Das restliche Wissen und die Ersatzteile tauscht er mit anderen Oldtimer-Sammlern oder mit einer Internetgemeinde aus.

Zweimal im Jahr fährt er auf Schauen — zum Beispiel nach Plech oder Ligenz. Der Weg zieht sich allerdings ein bisschen, weil die alten Traktoren trotz großen Hubraums und Mordsgepolter nur rund 20 Stundenkilometer auf die Straße bringen. Immer an seiner Seite: sein Enkel.

Es ist ein teures Hobby, gesteht Wolfgang Kraus. „Vor ein paar Jahren sind die Oldtimer für Schleuderpreise auf den Markt geworfen worden, heute ist deren Sammlung schwer in Mode, die Zahl der Modelle auf dem Markt hat abgenommen, sie gibt es nicht mehr wie Sand am Meer. Und damit steigt der Preis. Chromleisten und Co, alles gibt es im Internet für teuer Geld.“

Wie ein Kleinwagen

So einer wie sein alter Lanz Ursus mit Baujahr 1942 und dem faltbaren Regenverdeck sowie einem Schornstein zum Anheizen des Motors koste locker so viel wie ein Kleinwagen, für 25.000 Euro wechsle so ein Modell schon den Besitzer. Mit einem Zwinkern sagt der Firmeninhaber: „Meine Frau steht aber dahinter.“ Noch vor wenigen Jahren, fügt Alexander hinzu, habe man Modelle noch für rund 6000 Euro kaufen können.

Was die Oldtimer-Bulldogs haben müssen, damit sie im Kraus’schen Schuppen einen Ehrenplatz bekommen, fassen Opa und Enkel knapp zusammen: „Sie müssen selten sein“, sagt Alexander. „Sie müssen unser Herz einfach begeistern“, findet Wolfgang Kraus.

ANDREA MUNKERT

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