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Naturschützer wütend: Pflanzengift darf bald auf fränkischen Äckern eingesetzt werden

Frankens Bauern dürfen künftig auf umstrittene Pflanzenschutzmittel setzen - 06.04.2021 16:27 Uhr

Durch eine sogenannte Notfallzulassung dürfen mit dem Pflanzengift Thiamethoxam behandelte Zuckerrübensamen auf fränkischen Äckern ausgebracht werden.

06.04.2021 © Foto: Axel Sturm/dpa


Eigentlich soll der Ökolandbau in Deutschland deutlich wachsen. Die Bundesregierung hat sich dafür ein konkretes Ziel gesetzt: Bis 2030 sollen mindestens 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet werden. Dafür hatte sie bereits vor zwei Jahren eine "Zukunftsstrategie ökologischer Landbau" entwickelt, um zum Beispiel die Beratung von Landwirten, die ihre Höfe auf Bio umstellen, stärker zu fördern.

Doch Kritiker bemängeln, die bisherigen Maßnahmen reichten nicht. Sie fordern etwa, die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in öffentlich finanzierten Kantinen anzukurbeln und die Ausgaben für die Forschung im Öko-Bereich deutlich zu erhöhen. Denn das Ziel ist noch weit entfernt – auch durch umstrittene Notfallzulassungen von Pflanzengiften.

In diesen Tagen steht für fränkische Zuckerrübenbauern die Aussaat der Samen an. Aufgrund einer Notfallzulassung des Bayerischen Landesamts für Landwirtschaft (LfL) dürfen die Landwirte in Ober-, Mittel- und Unterfranken heuer mit dem Insektizid gebeizte Samen säen. Die Beize enthält das Neonicotinoid Thiamethoxam (siehe Kasten links).

Bis zu 45 Prozent weniger Ertrag

Wie es von Seiten des LfL heißt, sei die Notfallzulassung in Franken notwendig, da "das Vergilbungsvirus regional zu gravierenden Pflanzenschäden und Ertragsverlusten führt". Konkret nennt das LfL Ertragsrisiken zwischen 20 und 45 Prozent. In Bayern seien die fränkischen Zuckerrübenanbaugebiete besonders betroffen. Die Zulassung wurde in Franken für eine Fläche von 20 600 Hektar erteilt. Das ist etwa ein Drittel der Anbaugebiete der Südzucker AG.

Diese Entscheidung stößt auch bei den Grünen auf harsche Kritik. "Nach einer Mehrheitsentscheidung hat der Landwirtschaftsausschuss im Landtag der Notfallzulassung für Neonics in den fränkischen Zuckerrübenanbaugebieten zugestimmt. Es ist für uns Grüne ein echter Hammer, dieses Bienengift durch die Hintertür erneut auf die fränkischen Äcker zu bringen", sagt Paul Knoblach, unterfränkischer MdL und selbst Landwirt. Susanne Bauer, Sprecherin der oberfränkischen Grünen aus Pegnitz, erklärt: "Mit dem erfolgreichsten Volksbegehren Bayerns ‚Rettet die Bienen‘ hat die Bevölkerung deutlich gezeigt, dass sie Artenvielfalt schützen will. Die Regierungskoalition muss sich nun an ihren Entscheidungen messen lassen – die Ernsthaftigkeit ihrer Bekundungen ist mit dieser Entscheidung konterkariert."

Die entsprechenden Flächen erstrecken sich über sämtliche fränkische Bezirke. Der Aussage, zum Erhalt der fränkischen Zuckerrübenproduktion wäre der Einsatz des Pestizids alternativlos, setzt Heidi Deffner, Sprecherin der Grünen Mittelfranken, entgegen: "Auf den Nachbaräckern gedeihen Ökozuckerrüben völlig ohne Neonics, völlig ohne Pestizide." CSU und Freie Wähler würden Zug um Zug aufweichen, was "Artenschutz 2.0" werden sollte, kritisiert Susanne Bauer.

Der Einsatz des Insektizids sei für die Zuckerrübenbauern alternativlos, sagt dagegen Klaus Ziegler vom Verband der Fränkischen Zuckerrübenbauer. Von der Südzucker AG heißt es auf Anfrage: "Zu diesem Wirkstoff gibt es zurzeit keine Alternative. Andere Pflanzenschutzmittel wirken nur ungenügend." Das Unternehmen sieht keine Gefahren für die Bienen durch die Aussaat des gebeizten Samens. "Der Einsatz von Neonicotinoiden ist für Bienen und andere Bestäuber nicht gefährlich, da sie auf Zuckerrübenfeldern nicht mit dem Mittel in Berührung kommen", heißt es.

Weinbauern ebenfalls skeptisch

Dem widerspricht der Imkerbund. Durch die Guttation, also die Abgabe von Wasser über die Blätter, könnten Bienen durchaus das Insektizid aufnehmen. Das bestätigt auch die Landesanstalt für Wein und Gartenbau in Veitshöchheim (LWG). "Die Bienen verlieren dauerhaft die Orientierung und finden nicht zurück in den Stock", beschreibt Annette Seehaus-Arnold, die Präsidentin des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes (DBIB). Auch für Vögel seien die mit dem Pflanzenschutzmittel gebeizten Samenkörner giftig. Deshalb heiße es in der Notfallzulassung auch, dass die Landwirte das Saatgut vollständig in den Boden einbringen müssen.

Negativbeispiel Rheingraben

Das Verbot der Neonicotinoide rührt von einem großen Bienensterben im Rheingraben vor einigen Jahren. Das Insektizid war damals dem konventionellen Maissaatgut beigemischt worden. Selbst nach der Maisernte fand sich der Wirkstoff im Ackerboden. Dennoch haben die Brüsseler Behörden nun die Notfallzulassungen auf mehrere Anträge der Mitgliedsstaaten hin ermöglicht.

"Dass dies jetzt auch ausgerechnet Bayern durchsetzt, ist schon irgendwie typisch für die Staatsregierung: Erst großspurig den Naturschutz ankündigen und dann genau das Gegenteil tun", kritisieren die Grünen.

UDO FÜRST

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