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Noch schützt die Ausbildung vor Abschiebung

Afghane Abdul Hadi fürchtet um seine Sicherheit, falls er seine Abschlussprüfungen nicht schafft - 23.06.2019 09:00 Uhr

Die Ungewissheit, wie sein Leben weitergeht, ist Abdul Hadis ständiger Begleiter. Er hofft auf eine sichere Zukunft — muss aber damit rechnen, nach Afghanistan abgeschoben zu werden. © Foto: Julian Seiferth


Abdul Hadi sitzt an einem heißen Nachmittag in seinem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft am Kleinen Johannes in Pegnitz. Der junge Mann lächelt, fast während des kompletten Gesprächs. Doch was er sagt, ist nicht fröhlich. Im Gegenteil – es zeichnet das Bild eines verängstigten Mannes.

Hadi geht mit großen Schritten auf das Ende seiner Ausbildung als Systemgastronom zu. Anfang Juli hat er seine letzte mündliche Prüfung, dabei wird er auch erfahren, ob er es geschafft hat. "Wenn ich bestehe, will mein Chef mich übernehmen", sagt er. "Ich weiß aber noch nicht, ob ich dann hier bleiben darf. Ich verstehe das nicht."

Abdul Hadi ist vor fast vier Jahren aus Afghanistan geflohen. Seitdem wurden seine drei Asylanträge allesamt abgelehnt. Die Begründung: Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland. Seine Heimatstadt Herot liegt in der Nähe der Grenze zum Iran im Westen des Landes und ist ähnlich groß wie Nürnberg. "Wir schauen hier ja auch Nachrichten, da ist immer die Rede von der Hauptstadt. Aber Kabul und Herot liegen in ganz unterschiedlichen Teilen des Landes", erklärt Hadi in seinem akzentuierten, aber flüssigen und verständlichen Deutsch. Zwischen Herot und Kabul liegen 800 Kilometer, die Fahrt dauert über zwölf Stunden.

Sollte er nach Afghanistan abgeschoben werden, fürchtet Hadi um sein Leben: "Wenn ich in Kabul aussteige, bin ich schon nach zwei Metern nicht sicher. In der Stadt gibt es jede Woche Anschläge. Es gibt dort keine Sekunde Sicherheit." Was würde er tun, wenn er zurück müsste, wenn er keine Wahl hätte? Nach knapp zehn Minuten des Gesprächs unterbricht Hadi zum ersten Mal eine Frage und wird laut: "Das kann ich nicht! Ich bin geflohen, weil ich in meiner Heimat keine Zukunft hatte – für ein sicheres Leben."

Abdul Hadis Anwalt habe ihm gesagt, dass seine einzige Chance, in Deutschland zu bleiben, die Ausbildung sei. Wenn die Ausländerbehörde seinen Antrag annimmt, erhält er für zwei Jahre eine Arbeitserlaubnis. Über eine langfristige Aufenthaltserlaubnis wird erst nach dieser Zeit entschieden. Hadis Zukunft, vielleicht sein Leben, hängt an dieser Ausbildung.

Der junge Mann leidet unter dem Druck. "Als die Nachricht kam, dass mein dritter Asylantrag abgelehnt worden war, musste ich gerade für meine Prüfung lernen. Da war auf einmal alles weg." Er habe in der Prüfung Probleme mit der Konzentration gehabt. Die Angst habe ihn beeinträchtigt, auch auf der Arbeit vergesse er immer wieder Dinge, schläft kaum, träumt schlecht. "Ich muss bestehen. Wenn ich den Abschluss nicht melden kann, muss ich nach Afghanistan." Immer wieder kommt er während des Gesprächs darauf zurück. "Man kann nicht einfach bei uns in die Schule gehen und etwas lernen." Die Gefahr sei zu groß. "Wenn du zur Schule gehst, dann kann es sein, dass jemand dich entführt oder dass jemand mit einer Waffe kommt. Und einfach schießt. Man weiß nicht, wer es ist und was er macht, oder warum. Ohne Grund."

Ein Teil seiner Familie lebt noch in der Heimat, viele seiner Geschwister sind ins Nachbarland Iran geflohen. "Die können sich dort nicht frei bewegen. Wenn die Polizei sie erwischt, werden sie einfach abgeschoben." Das schätze er so an Deutschland – wenn er nach Bayreuth will, kann er sich frei bewegen, einfach in den Zug steigen.

Die Sprache sei zu Beginn noch ein Hindernis gewesen, inzwischen beherrscht er sie. Das führt Hadi nicht nur auf seinen Deutschkurs zurück, sondern auch auf soziale Kontakte: "Von der Arbeit kenne ich bestimmt die Hälfte der Jungs von Pegnitz. Ich gehe oft mit ihnen weg, ins Kino oder die Disko.

Zum Ende des Gesprächs erzählt Abdul Hadi von einem Freund, der ebenfalls in der Unterkunft am Kleinen Johannes wohnt. Der junge Mann habe hier, in Pegnitz, eine schwere Depression entwickelt, aus Angst vor der Abschiebung. "Er kann nicht arbeiten, er kann nicht in die Schule, er kann sich auf nichts konzentrieren." Manchmal sei er ganz normal, könne sich in die Gruppe einfügen – dann, auf einmal, ginge es ihm schlecht, als sei ein Schalter umgelegt worden. "Dann kann ihm nur noch sein Bruder helfen." Anderen sei es schon ähnlich ergangen. Die seien aber inzwischen nicht mehr im Heim, sondern in Behandlung.

Wie lange er hier bleiben will, weiß der junge Afghane nicht. "Wenn es morgen Frieden in meiner Heimat gibt, dann gehe ich morgen zurück, zu meiner Familie." Die Angst um ihre Sicherheit lasse ihm keine Ruhe. Sollte er eine Arbeitserlaubnis bekommen, will er sich eine Wohnung in der Gegend suchen, in Pegnitz oder Bayreuth – Hauptsache, die Arbeit ist erreichbar. Abdul Hadi mag die Stadt, die Region, das Land. Rassismus habe er hier keinen erlebt. "Ich verstehe mich mit allen gut. Warum sollte ich nicht? Wir sind doch alle Menschen."

  

JULIAN SEIFERTH

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