Mittwoch, 26.02.2020

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Organist Erich Sünkel sagt zum Abschied leise Servus

Seit 73 Jahren spielt Erich Sünkel Orgel. Die Jahrzehnte waren geprägt von Arbeit und Diplomatie. - 02.12.2019 18:40 Uhr

Erich Sünkel an der Dietmann-Orgel in der Bartholomäuskirche Pottenstein. Der 85-Jährige hat sein Amt nun aus gesundheitlichen Gründen abgegeben. Er spielte jahrzehntelang gerne und leidenschaftlich. © Foto: Rosi Thiem


Die ersten Gehversuche machte der 1934 geborene Steigerwälder in seiner einstigen Heimat Kornhöfstadt bei Scheinfeld. "Ich wollte ein Klavier haben, doch zur damaligen Zeit gab es nichts." Es war gerade Kriegsende. Er fing mit dem Geigenspiel an und befasste sich mit der Orgel in der Kirche. "Das Geigespielen schulte mein Gehör ungemein." Als der damalige Organist 1946 aufhörte, sagte man zu ihm, wenn du Geige spielen kannst, dann kannst du auch Orgeln. Er war 12 Jahre alt – und er wollte.

"Die Orgel hatte einen Fußbalg, und so musste immer eine meiner zwei jüngeren Schwestern "unfreiwillig" mit, um diesen zu bedienen", erinnert er sich verschmitzt. Nach dem Abitur am Gymnasium schlug er eine kaufmännische Laufbahn ein – der Orgeldienst blieb. Er nahm schließlich Orgelstunden beim Stadtkantor und Bundeschorleiter Waldram Hollfelder. Und übte und übte. "Nach dem Krieg war alles nicht so einfach", erzählt er.

Er wurde Bilanzbuchhalter und lernte 1956 im Betrieb seine heutige Ehefrau Gerlinde kennen, die gerade ihre Ausbildung absolvierte. Sie verliebten sich. Gerlinde kam aus Pottenstein und so zogen sie in die Fränkische Schweiz. 1959 heirateten sie. Der damalige Organist Hans Minderlein, der aus Altersgründen aufhörte, war froh, mit ihm einen Ersatz gefunden zu haben. Sünkel spielte stets gerne und leidenschaftlich, immer wenn er gebraucht wurde – wochentags und sonntags.

Nicht nur Organist 

"Die Orgel war meine Königin und meine zweite Königin war und ist meine Frau." Sie sind inzwischen seit 60 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder und zwei Enkel.

Sünkel ist nicht nur Organist, sondern ein Multitalent. Er ist Familienmensch, preisgekrönter Filmemacher, Fotograf, Dichter und in vielen Vereinen engagiert gewesen. So formierte er sich mit anderen Musikern Mitte der 1970er Jahre zu der kleinen Kapelle "Combo". Die Gruppe spielte wöchentlich an Begrüßungsabenden in Pottenstein.

Ehefrau Gerlinde hat ihm immer den Rücken freigehalten und ihn oft begleitet. "Wir sind dankbar und durften in all den Jahren viel Schönes erleben", sagt die Ehefrau. Dabei denkt sie auch an den Ausgleich, den sie in der Familie hatten, all den Weltreisen, die sie gemeinsam erleben durften und auch an die gemeinsamen Gottesdienste. "Mein Mann war immer im Einsatz." Der 85-Jährige baute 1978 selbst eine eigene Orgel mit 60 Register, Vollpedal und zwei Manualen für zu Hause zum Üben. "Aus 30 000 Bauteilen – Technik hat mich schon immer interessiert", verrät er stolz.

In all den Organistenjahren sah Sünkel einige Pfarrer kommen und gehen. Unter vier Priestern spielte er im Steigerwald und unter sechs in Pottenstein. Auf jeden Geistlichen musste er sich neu einstellen. "Ich habe immer einen humorvollen und diplomatischen Umgang mit den Pfarrern und Orgelkollegen gepflegt. Der harmonische Ausgleich war mir wichtig."

Es gab auch mal Meinungsverschiedenheiten. So erntete er harsche Kritik vom damaligen Pfarrer Fischer, als er Bach spielte. Für den Geistlichen war es in den 1960er Jahren "tabu", Werke eines "evangelischen" Komponisten - zu bringen. Dafür erntete er mehrmals Kritik vom gestrengen Herrn Pfarrer. Sünkel blieb und war Diplomat. Wenn eine Sonntagspredigt mal nicht zu Ende gehen wollte, tupfte Sünkel sanft auf die Taste und die Pfarrer wussten: Jetzt ist es genug.

Welche Stücke spielte er selbst am liebsten? "Man ist in der Liturgie eingebunden und passt sich an. Hier erledigte ich meinen Dienst. Am liebsten spielte ich Mozartstücke, die sind von der Satzgebung her genial und heiter." Zum Orgelspielen gehörte für ihn auch die Orgelwartung. "Ich wollte immer, dass das Instrument seinen königlichen Klang behält." Bei einer Wartungsarbeit der drei Orgelwerke rutschte er vor 20 Jahren mit der Leiter weg und brach sich den Mittelfinger. Er führte sein Lebenswerk dennoch korrekt weiter.

Brand in der Kirche

Ordnung und Gewissenhaftigkeit sind sein Markenzeichen. Gut kann er sich auch noch an einen plötzlichen Brand in der St.-Kunigund-Friedhofskirche erinnern.

Nach dem Gottesdienst kehrte er kurz in das Innere zurück und entdeckte eine enorme Rauchentwicklung. Beherzt sprang er hinaus zum Friedhof, schnappte sich zwei der Gießkannen, füllte sie mit Wasser und löschte damit das Feuer. Ein veralteter Spiralheizkörper unter der Orgelbank hatte sich überhitzt und bei den Fußpedalen einen Schwelbrand ausgelöst.

Für Sünkel gab es jetzt in der St. Bartholomäuskirche einen Abschied. Pfarrvikar Dominik Urban und Pfarrgemeinderatsvorsitzender Patrick Pospischil würdigten ihn in ihrer Laudatio für seine wertvollen Dienste und überreichten ihm eine Bistumsurkunde für die 73 Jahre Organistentätigkeit. "Ich hoffe schon, dass meine Nachfolgerin Claudia Thiem in meine Fußstapfen tritt."

Auch Pfarrsekretärin Daniela Thiem-Förster bemüht sich stets um eine Orgelbesetzung. Von ihrem Haus aus kann das Ehepaar Sünkel zur Burg blicken. Darunter ist die Bartholomäuskirche mit der so vertrauten Dietmann-Orgel aus dem Jahr 1937. Wehmut und der Abschied sind da, doch "jetzt müssen wir erst einmal an die Gesundheit denken", sagt er und weiß: Gerlinde und seine Familie sind - wie immer – da.

ROSI THIEM

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