Dienstag, 20.10.2020

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Pegnitz als Eishockey-Nachwuchszentrum für Nordbayern?

Der neue sportliche Leiter Alexander Herbst setzt radikal auf die Jugend, die auch verlieren darf - 09.10.2020 14:05 Uhr

Für die Kleinsten des EV Pegnitz (hier ein Archivbild) gibt es ganz neue Perspektiven: Der Verein will künftig radikal auf den Nachwuchs setzen und sogar ein Ausbildungszentrum für ganz Nordbayern werden.

© Kay Grünzig


Am 16. Oktober startet mit dem Auswärtsspiel in Haßfurt die Eishockey-Landesligasaison für die Ice Dogs aus Pegnitz, an diesem Sonntag in Amberg bestreitet der EVP sein letztes Vorbereitungsspiel gegen die Stiftland Dragons aus Mitterteich. Der neue Sportliche Leiter des Vereins erklärt, warum er sehr optimistisch in die neue Runde geht.

Herr Herbst, Sie sind jetzt etwa ein Dreivierteljahr im Amt – bemerken Sie einen Wandel?

Herbst: Das wäre fast untertrieben. Ganz ehrlich: Ich bin hammer-zufrieden, wie es läuft. Das war für mich nicht zu erwarten, dass wir nahezu 100 Prozent Trainingsbeteiligung verzeichnen. Die Mannschaft hat in den Vorbereitungsspielen einen starken Eindruck hinterlassen und auch im Umfeld ist nach dem Wechsel an der Führungsspitze eine unglaubliche Aufbruchstimmung zu beobachten. Wir haben zwei Leute, die den EVP auf Facebook und bei Instagram enorm gut präsentieren – und auch die Reaktionen darauf sind hervorragend.

Sie selbst waren Profi, in Pegnitz wollen Sie vor allem auf den Nachwuchs setzen. Woher kommt diese Erkenntnis?

Herbst: Ich verfolge mit Schrecken, dass wir Jugendliche teilweise über 15 Jahre lang glänzend ausbilden, drei bis viermal die Woche trainieren lassen, bis die Talentiertesten den Sprung beispielsweise in die Nachwuchs-Bundesliga DNL schaffen. Und danach finden diese Spieler keinen Platz in der Oberliga oder Bayernliga, weil die von Altstars und abgetakelten Ausländern besetzt sind – das darf doch nicht wahr sein! Die Jungs stranden dann in irgendwelchen Hobbyligen.

 

Als Spieler hat es Alexander Herbst bis zum DEL-Profi beim ESV Kaufbeuren geschafft, ist davor und danach wie viele in der Branche durch die Republik getingelt: Duisburg, Wilhelmshaven, Adendorf bei Lüneburg, Timmendorfer Strand, aber auch Weiden und Bayreuth waren Stationen. Zurück in der Heimat, will der 44-Jährige jetzt aber ein fast nostalgisch klingendes Konzept umsetzen, das auf Identifikation mit dem Verein beruht.

© Foto: Andreas Beil


Und das wollen Sie ändern?

Herbst:  Genau. Wir haben ja durchaus den Vorteil, dass wir relativ zentral zwischen Standorten wie Nürnberg, Bayreuth, Selb, Weiden und Amberg liegen. Mittelfristig ist es mein Ziel, dass Pegnitz zum Ausbildungszentrum für ganz Nordbayern wird. Hier sollen die Talente wirklich Eiszeit bekommen und nicht alibimäßig für die Quote irgendwo in der vierten Reihe auf dem Spielberichtsbogen stehen. Ich weiß, das wird ein zähes Ringen und kein leichter Weg, aber ich denke, das ist für uns das Beste.

Stehen die Youngsters ständig auf dem Eis, ist aber doch zu befürchten, dass man vielleicht viele Spiele verliert – und nach der Last-Minute-Rettung in der vergangenen Saison wollen Sie doch bestimmt nicht schon wieder Abstiegskampf, oder?

Herbst: Definitiv nicht. Aber ich bin das sehr optimistisch nach den Testspielen. In Schweinfurt haben wir bei einem Bayernligisten sogar gewonnen, in Amberg, das heuer in der Bayernliga große Ambitionen hat, nur mit einem Tor verloren. Und der Gegner hat mir versichert, dass wir mit diesem Kader keine Bedenken haben sollten. Der habe Potential für mehr.

Der ist ja relativ groß mit 26 Spielern . . .

Herbst: Das habe ich bewusst so gemacht. Denn in den vergangenen Jahren waren oft nicht genug Leute für ein richtiges Trainingsspiel im Stadion. Jetzt ist immer volles Haus. Unser Ziel ist es, so oft wie möglich mit vier Reihen aufzulaufen, damit alle reichlich Spielzeit bekommen. Denn auf der Bank ist noch kein Eishockeyspieler besser geworden.

Die Mannschaft ist extrem verjüngt worden, Trainer Markus Hausner soll viel Zeit bekommen, die Talente aufzubauen. "Wir machen erst nach drei Jahren den Strich", haben sie mehrfach betont.

Herbst: Dabei bleibe ich auch. Wir haben keinerlei Druck. Wir wollen aber erreichen, dass die jungen Spieler durch die gewonnene Erfahrung Jahr für Jahr besser werden und uns in der darauffolgenden Saison noch mehr helfen, erfolgreich zu sein.

Wie groß ist denn der Anteil an echten Pegnitzer "Jungs"?

Herbst: Da haben wir schon sieben oder acht im Aufgebot, und das sollen auf Dauer noch mehr werden, wenn unsere Nachwuchsarbeit Früchte trägt. Heuer sind schon einige aus der U 20 im Aufgebot, von denen Verteidiger Nico Stachowski, Goalie Kilian Schauer, Leo Schmidt, Lukas Penning und Felix Scholz sicherlich ihre Chance bekommen werden. Allerdings hat die U20 Vorrang, wenn sie gleichzeitig spielt, denn sie hat keinen allzu großen Kader.

Bei allem Respekt vor dem Jugendstil: Ziehen bei diesem Konzept die alten Hasen denn mit? Im Fall von Misserfolg sind Konflikte ja programmiert.

Herbst: Das ist die Aufgabe vom Trainer, der Mannschaft unsere Vorgaben klar zu machen. Und das bekommt er hin. Im Moment sind die Routiniers jedenfalls Feuer und Flamme, ihr Wissen und Können an die Jungen weiterzugeben. Die identifizieren sich voll mit dem Verein. Und wenn es im Spiel mal hart auf hart geht, muss der Trainer entscheiden, wie wichtig der Sieg ist. Absteigen wollen wir natürlich nicht.

Und aufsteigen – ist das zumindest mittelfristig eine Option?

Herbst: Eigentlich sind wir in der Landesliga gut aufgehoben – allein schon wegen unseres Stadions. Aber natürlich würde ich wie jeder Sportler nicht nein sagen, wenn es klappen sollte. Aber das ist aktuell nicht unser Thema.

Das offene Stadion ist ja ein Dauerthema. Sehen sie da Chancen?

Herbst: Auf Dauer ist ein Neubau natürlich unabdingbar für unsere Pläne. In Pegnitz ging da zuletzt nicht viel voran, dabei wäre es in unserer kleinen Stadt sowohl für die Politik als auch für den Verein gut, das Thema anzugehen. Wir sollten ja Hand in Hand arbeiten. Es wird ja nicht nur Eishockey gespielt – der freie Eislauf am Samstag ist mit allwöchentlich 300 jungen Gästen eines der größten Events im Umkreis. Und im Moment erleben wir auch beim Eishockeynachwuchs einen Boom, was ich als Trainer der Kleinsten aus nächster Nähe berichten kann. 60 neue Kinder sind zur neuen Saison gekommen. Und daher stehen wir kurz davor, erstmals nach vielen Jahren wieder einen hauptamtlichen Jugendtrainer einzustellen.

Das klingt ja perspektivisch sehr erfreulich. Wie sieht es denn tagesaktuell aus mit ihrem Gefühl angesichts der bevorstehenden Saison?

Herbst: Für die Landesliga bin ich weitgehend optimistisch. Da wird es sicherlich mal ab und zu eine Quarantäne geben, aber da kann man nach hinten ausweichen – natürlich nicht unbegrenzt, denn im Mai zahlt keine Kommune mehr das Eis. Aber in allen Ligen darüber wird es ganz schwierig, denn die Kosten für Spieler, Trainer und Fahrten übersteigen die Einnahmen bei weitem, weil ja bisher kaum Zuschauer in die Stadien dürfen. Ich glaube fast nicht, dass ab Oberliga aufwärts eine Saison gespielt wird.

Wie viele Zuschauer dürfen denn ins Pegnitzer Stadion?

Herbst: Nach einem Ortstermin mit dem Ordnungsamt haben wir grünes Licht für 200 Zuschauer. Das ist besser als nichts, aber gerade bei Derbys nicht optimal. Unser Ziel ist es natürlich, auf Dauer wieder mehr Fans zu gewinnen, die hoffentlich dann kommen, wenn unsere Mannschaft wieder aus vielen Einheimischen besteht und nicht aus Legionären.

INTERVIEW: HOLGER PETER

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