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Pegnitz: Weitgehend unterschätzte Gefahr durch Unwetter

Viele Menschen in der Region sind unzureichend versichert - 19.08.2019 07:56 Uhr

Wenn sich nach Starkregenereignissen – hier in Pegnitz nach dem Unwetter im Juni 2018 – die Straßen in Bäche verwandeln und die Keller der Häuser geflutet werden, dann sind die Schäden erfahrungsgemäß immens. Eine sogenannte Elementarversicherung kann helfen, den Ruin abzuwenden. © Feuerwehr Pegnitz


Schlammlawinen, die sich ihren Weg durch geschlossene Fenster und Türen bahnen, oder Wassermassen, die durch Toiletten und Abwasserschächte ins Haus drücken: Es sind Horrorszenarien, die bei lokal begrenzten Unwettern theoretisch überall auftreten können und die doch die meisten Menschen weit von sich schieben, wie Roland Rupp vom gleichnamigen Versicherungscenter in Pegnitz berichtet.

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"Viele wiegen sich auch in trügerischer Sicherheit mit ihrer Gebäudeversicherung", sagt Rupp. "Es ist ja ein weit verbreiteter Irrglaube, dass diese bei Schäden durch Hochwasser und Starkregen einspringt." Dabei beschränke sich der Schutz einer Gebäudeversicherung auf Schäden durch Hagel, Sturm und Leitungswasser; für Schutz vor weiteren Naturgewalten, wie etwa auch Schneedruck, brauche es zusätzlich eine Elementarschadensversicherung, wird der Experte nicht müde zu betonen.

Loch in der Familienkasse

"Die meisten Schäden, die wir im Elementarbereich regulieren, sind durch lokal begrenzte Starkregen entstanden", berichtet Rupp. Mit dem Einsatz von Trocknungsgeräten, etwaiger Dekontamination – wenn etwa der Öltank losgerissen wurde und Öl ausgelaufen ist –, dem Austausch von aufgeweichten Böden und Möbeln oder zerstörten Fliesen könnten da die Kosten schnell in die Tausende gehen: "Ein Elementarschaden reißt ein großes Loch in die Familienkasse und noch dazu unerwartet", so Rupp, der für die Versicherungskammer Bayern und damit dem, nach eigenen Angaben, größten Gebäudeversicherer in dem Bundesland tätig ist.

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"Ein Glücksspiel"

Dabei könnten mit vergleichsweise geringen Beiträgen Elementarschäden in eine bestehende Gebäudeversicherung eingeschlossen werden. Doch viele Menschen glaubten – trotz der jüngsten Unwetterhäufung auch in der Region – dass es sie schon nicht treffen werde. "Dann ist es ein Glücksspiel", sagt der Pegnitzer Unternehmer.

Rupps Einschätzung deckt sich mit der neuesten Statistik des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), wonach zwar 93 Prozent der Wohngebäude in Deutschland gegen Sturm und Hagel versichert sind, aber nur 43 Prozent gegen Elementarschäden. An dieser vergleichsweise niedrigen Absicherung werde auch die seit Juli dieses Jahres geltende Regelung, dass bei Hochwasser der Freistaat keine Soforthilfe mehr zahlt – sofern die Schäden versicherbar waren – nichts ändern, glaubt der Experte.

Ohnehin seien staatliche Leistungen vom Umfang her nie mit der Schadensregulierung durch eine Versicherung zu vergleichen. "Das war mehr eine psychologische Geschichte und Kosmetik", sagt Rupp. "Der Freistaat hat die Verantwortung an die Bürger abgegeben." Zumindest herrschten jetzt klare Verhältnisse; in der Vergangenheit hätten es Betroffene manchmal als willkürlich erachtet, wann der Staat einsprang und wann nicht.

Bundesweit betrachtet war die Wohngebäudeversicherung für die Anbieter vergangenes Jahr mit vielen Unwettern defizitär; die Schaden-Kosten-Quote lag laut GDV bei 108 Prozent. So haben sich die Versicherungsleistungen in dem Bereich 2018 um rund 1,1 Milliarden Euro auf 6,3 Milliarden Euro erhöht, was einem Plus von 20 Prozent gegenüber 2017 entspricht.

"Insgesamt ist schon deutlich mehr Bewusstsein für die Problematik da", resümiert indes Klaus Liebig, einer der beiden Geschäftsführer der vfm Versicherung + Finanz Makler GmbH aus Pegnitz. Gut drei Viertel der Kunden der bundesweit tätigen Agentur – und damit deutlich mehr als im Deutschland-Durchschnitt – hätten inzwischen eine Elementarversicherung. "Wir legen das unseren Kunden seit Jahren ans Herz", betont Liebig. "Es wird auch immer verrückter, was da so alles passiert."

Bei der Hausratversicherung sollte ebenfalls an einen Einschluss von Elementarschäden gedacht werden. "Da ist eine Doppelabsicherung sinnvoll, insbesondere bei Einbaumöbeln oder wenn beispielsweise eine Sauna im Haus ist", zumal da die Übergänge zwischen Hausrat und Gebäudesubstanz fließend seien, sagt der Experte. "Prinzipiell gilt aber die Faustregel: Alles, was ich raustragen kann, ist Hausrat."

Kanalisation kommt nicht hinterher

Bernd Meyer von der gleichnamigen R + V Generalagentur in Pegnitz spricht noch ein weiteres Problem an: die zunehmende Versiegelung in den Städten durch Bebauung – in Pegnitz etwa durch Einkaufsmärkte auf der grünen Wiese und Parkplätze – sowie veraltete Kanalisationen. Beides mit der Folge, dass Wassermassen dann teils nicht schnell genug abfließen und durch Rückstau in Häuser wie Wohnungen gedrückt werden können. Eine Elementarversicherung im Wohngebäudebereich ist übrigens auch für Vermieter sinnvoll; diese können die Kosten dafür auf ihre Mieter umlegen, betonen die Experten.

Problematisch seien weiter Talsenken wie in der Lohesiedlung oder mitunter Lagen am Ortsrand, wo etwa von benachbarten, leicht erhöhten Feldern Schlamm in die Gärten und Häuser gespült werden könne. "Wenn man so etwas einmal gesehen hat, zum Beispiel in Nemschenreuth, dann schüttelt man mit dem Kopf und denkt: Das gibt es doch nicht", berichtet Rupp. In den betroffenen Häusern sei die angeschwemmte Erde schnell zu einer harten Masse getrocknet, die nur mühselig zu beseitigen war.

"Nach 35 Jahren Versicherungstätigkeit kann man auf einige Schadensfälle zurückblicken", sagt der Agenturinhaber, der ebenfalls bei seinen Kunden keinen nennenswerten Anstieg von Elementarversicherungen seit 2018 festgestellt hat. "Der Großteil unserer Kunden hat diese Deckung inzwischen", berichtet Meyer. "Wir haben in den vergangenen zehn Jahren bestimmt fünf bis zehn Aktionen dazu durchgeführt. Wer von unseren Kunden heute keine Elementarversicherung hat, hat entweder keine direkte Gefahr oder erkennt diese nicht an."

Zürs-Zonen als Orientierung

Dabei sind sich die drei befragten Versicherungsdienstleister einig: "In Pegnitz sind wir generell von Unwettern weitestgehend verschont", wie es Meyer formuliert. Die sogenannten Zürs-Zonen (Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen), mit denen die Versicherer auf einer vierstufigen Skala das Risiko eines Elementarschadenseintritts klassifizieren, lägen denn in der Stadt auch durchgehend bei eins oder zwei. Aber es könne eben immer solche lokal begrenzten Naturgewalten geben, bei denen sich etwa kleine Flüsse in reißende Bäche verwandeln, Zisternen überlaufen oder Kleinkläranlagen nicht mehr hinterherkommen. 

ASTRID LÖFFLER

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