Kaum junge Erzieher

Personal wird immer knapper: Kitas in der Krise

Volontärin beim Verlag Nürnberger Presse
Jana Vogel

Volontärin Lokalredaktion Pegnitz

E-Mail zur Autorenseite

26.10.2021, 15:00 Uhr
Immer mehr Kinder werden immer länger in Kindestagesstätten betreut. Doch je mehr Einrichtungen eröffnet werden, desto knapper wird das Personal – weil nicht ausreichend junge Erzieher nachkommen.

Immer mehr Kinder werden immer länger in Kindestagesstätten betreut. Doch je mehr Einrichtungen eröffnet werden, desto knapper wird das Personal – weil nicht ausreichend junge Erzieher nachkommen. © Foto: imago images/imageBROKER/JanxTepass

Zuvor hatte ein personeller Engpass dazu geführt, dass Eltern gebeten wurden, ihre Kinder selbst zu Hause zu betreuen. Bislang scheint dies eher ein Einzelfall zu sein, doch auch die anderen Kindertagesstätten von Auerbach bis Kirchahorn haben zunehmend zu kämpfen, um genug Erzieher zu rekrutieren.

Noch sei man personell ganz gut aufgestellt, meint Beverly Zeitler, Leiterin der Katholischen Kinderkrippe Spatzennest in Pegnitz: "Wenn alle da sind, geht es uns super. Wenn eine der täglich arbeitenden Fachkräfte ausfällt, wird es knapp." Die Einrichtung hat nur eine Kindergruppe und damit wenig Spielraum, Engpässe auszugleichen. In größeren Kindergärten können dagegen manchmal Mitarbeitende in anderen Gruppen aushelfen, und so beispielsweise Krankheitsfälle ausgleichen.

Das funktioniere aber nur bis zu einem gewissen Punkt, erklärt Kerstin Wagner. Sie ist Bereichsleiterin beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der unter anderem die Kindertagesstätten Rasselbande und St. Kunigund in Pottenstein sowie die Kinderkrippe Kirchahorn betreibt. Grundsätzlich seien im Anstellungsschlüssel einige Pufferstunden eingeplant, damit Erzieher bei Bedarf zusätzliche Stunden arbeiten können, erläutert Wagner. "Wenn eine Fachkraft fehlt, ist immer Puffer da. Wenn ein aggressiver Virus durch die Kita geht und drei bis vier Leute fehlen, das kann man nicht durch Puffer abfangen, das wäre wirtschaftlich nicht leistbar."

Eltern stoßen an ihr Limit

Dass die Eltern gebeten werden, ihre Kinder zuhause zu betreuen, sei ein Weg, den man sehr ungern gehe. Das sei auch nur sehr selten nötig, "aber in der Laufbahn eines Kindes passiert das sicher mal", meint Wagner. Meistens seien bei einer Krankheitswelle aber auch viele Kinder betroffen, die dann ohnehin zuhause bleiben. Dass der Fall in Betzenstein hohe Wellen geschlagen hat, hängt ihr zufolge auch mit Corona zusammen, als die Kinder teils monatelang zuhause waren: "Die Eltern sind vermutlich an ihr Limit gestoßen."

Schwierig wird es dann, wenn Fachkräfte dauerhaft gehen und die Einrichtungen keine Nachfolger finden. Beim Evangelischen Wiesweiher Kindergarten in Pegnitz hat man im Moment ein "konstantes und stabiles Team", wie die stellvertretende Leiterin Irene Biersack erklärt, auf Krankheiten oder Schwangerschaftsvertretungen könne man gut reagieren. Das liegt aber auch daran, dass die Mitarbeiterinnen nach ihren Worten "gerne bereit sind, vom Dienstplan abzuweichen", wenn es nötig wird. "Wenn man spontan jemand neuen braucht, schaut es schwierig aus", so Biersack.

Auch Kerstin Wagner sieht, dass das Rekrutieren von Nachwuchs schwierig ist: "Auf dem Arbeitsmarkt gibt es im pädagogischen Bereich lukrativere Angebote, ob in Heimen oder auf Ämtern." In den letzten Jahren hat sich dieses Problem zunehmend verstärkt, weiß Beverly Zeitler vom Spatzennest: "Die Kindertagesstätten wurden ausgebaut, neue Krippen sind überall aus dem Boden geschossen, dazu kommt die Schulkindbetreuung. Da fehlt an allen Ecken Personal." Angesichts der vielen Möglichkeiten könnten sich Bewerber "fast die Stelle aussuchen".

Dem entgegenwirken soll nicht zuletzt das Angebot des Berufsschulzentrums in Bayreuth, das seit dem Herbst 2020 an seiner Fachakademie für Sozialpädagogik Erzieher ausbildet. "Oft ist Wohnortnähe zentral", meint Kerstin Wagner, "deshalb habe ich Hoffnung, dass sich die Fachkräftesituation im Landkreis mit der Fachakademie entspannt." Insgesamt 15 Schüler haben im vergangenen September die Ausbildung begonnen, erklärt Schulleiter Martin Abt, in diesem Jahr sind es weitere 25. Viel mehr können es derzeit auch nicht werden, dann müsste die Regierung genehmigen, dass eine zweite Klasse gebildet wird.

Allein an der Verfügbarkeit von Ausbildungsplätzen liegt es aber nicht. "Die lange Dauer der Ausbildung schreckt im Vergleich mit anderen Ausbildungsberufen vielleicht ab", vermutet Beverly Zeitler. Immerhin könne man anderswo nach drei Jahren schon voll verdienen und am beruflichen Aufstieg arbeiten. Tatsächlich hat sich in dieser Frage schon etwas bewegt.

Kürzere Ausbildung, mehr Gehalt

Bis vor kurzem dauerte es mindestens fünf Jahre – zwei Jahre für die Ausbildung zum Kinderpfleger, gefolgt von zwei Jahren an der Fachschule und einem praktischen Anerkennungsjahr – bis man sich Erzieher nennen konnte. Mit dem Sozialpädagogischen Einführungsjahr anstelle der zweijährigen Ausbildung zum Kinderpfleger kann man das Ziel nun in vier Jahren erreichen. An privaten Schulen musste man zudem früher Schulgeld bezahlen. Das fällt mittlerweile weg, aber für Prüfungen fallen noch immer Kosten an. "Verdienen tut man eigentlich auch erst im letzten Jahr", stellt Anke Griesbeck fest. In den ersten zwei Jahren bekomme man nur ein Praktikantengehalt, während der Jahre an der Schule gar nichts. "Da gehört über eine durchgängige Ausbildungsvergütung gesprochen", findet die Leiterin der Städtischen Kindertagesstätte Pfiffikus in Auerbach.

Im Moment sei man dort personell gut aufgestellt, sagt sie: "Wir hatten riesiges Glück, dass wir im September vergangenen Jahres so unkompliziert Personal für die zwei neuen Kindergruppen gefunden haben." Doch das sei nicht die Regel. Die Attraktivität des Berufs sei in den Schatten gerückt: "Die jungen Leute erkennen, welche Leistungen bei uns gefordert sind, und dass die Bezahlung dem nicht entspricht." Gerade im Vergleich zu dem, was Lehrer verdienen, seien Erzieher sehr niedrig im Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes eingruppiert – obwohl "wir ja eigentlich den Grundstein legen".

Ob das relativ niedrige Gehalt Hauptgrund für den Erziehermangel ist, darüber herrscht keine Einigkeit. Martin Abt zufolge entscheiden sich die meisten Interessenten "aus Überzeugung" für die Ausbildung. Tatsächlich, sagt er, gebe es an seiner Schule ausreichend Bewerber für die Ausbildung als Kinderpfleger, aber nicht immer würden die Qualifikationen passen. "Wir wollen ja nicht einfach Arbeitskräfte, wir wollen Fachkräfte, die auch gut sind", betont auch Kerstin Wagner vom ASB.

Sie findet, dass der Staat noch mehr tun müsse, immerhin seien Kindergärten ebenso Bildungsstätten wie Schulen, würden aber nicht kostendeckend gefördert. Martin Abt hält es außerdem für wichtig, soziale Berufe mehr zu bewerben, beispielsweise an weiterführenden Schulen. Er kann sich vorstellen, ein duales Studium für Erzieher ins Leben zu rufen, das dann auch für Abiturienten interessant wäre.

Selbst wenn mit solchen Maßnahmen mehr qualifizierte Bewerber gewonnen werden könnten, bedeutet das aber keine schnelle Abhilfe. Es gibt nämlich noch ein weiteres Nadelöhr: Um mehr Plätze an beruflichen Schulen zu schaffen, werden auch mehr Lehrer benötigt. Diese werden in Bayern jedoch einzig an der Universität Bamberg ausgebildet, erklärt Schulleiter Martin Abt. Und auch dort sind die Plätze begrenzt. Deshalb werden die Einrichtungen in der Region wohl noch lange mit dem Mangel leben müssen.

0 Kommentare