Sonntag, 05.04.2020

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Pfarrer erzählt: So hält er Gottesdienste in Zeiten von Corona

Kirchen sind geschlossen - digitale Lösungen sind jetzt gefragt - 24.03.2020 05:33 Uhr

Noch zeichnet Pfarrer Hannes Schott (rechts) mit Dekanatskantor Michael Dorn Gottesdienste aus der Katharina-von-Bora-Kirche in Bayreuth-Meyernberg auf. Am 1. August wechselt er in die St. Jakob Gemeinde nach Nürnberg.


Wie viel Zeit verbringen sie gerade vor dem Computer oder am Telefon?

Hannes Schott: Sehr viel! Nur mit dem Telefon, Computer und Smartphone kann ich gerade mit meinen Gemeindemitgliedern kommunizieren.


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Wie halten Sie den Kontakt mit den Gemeindemitgliedern?

Schott: Wir haben gerade erst ein Video von unserem ersten Meyenberger Youtube-Gottesdienst hochgeladen. Unser Dekanatskantor und ich haben den Gottesdienst mit den einfachsten Mitteln, einem Handy und einem Stativ gedreht. Dafür ist er erstaunlich gut geworden.

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Wie sieht ein virtueller Gottesdienst bei Ihnen aus?

Schott: Ich habe ihn von der Empore abgehalten und spreche direkt in die Kamera. Wir haben auf das Singen verzichtet, das wäre nicht sehr hörenswert gewesen. (lacht) Ich habe aber die Texte der Lieder vorgelesen und Gebete gesprochen. Der Organist hat dazu gespielt. Insgesamt kam ein runder Gottesdienst-Video von 16 Minuten dabei raus.


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Haben Sie bereits Rückmeldungen zu ihrem ersten Online-Gottesdienst bekommen?

Schott: Ja, auf meiner Facebook-Seite haben sich innerhalb weniger Stunden sehr viele Menschen positiv dazu geäußert. Und das, obwohl wir wirklich mit den einfachsten technischen Mitteln gearbeitet haben. Ich glaube auch mit minimalem Aufwand kann man eine Botschaft ins Netz stellen, die die Menschen erreicht. Mein Ziel ist es momentan Trost zu spenden und in diesen unsicheren Zeiten ein Fels in der Brandung zu sein.

Gibt es gerade eine verstärkte Nachfrage der Menschen nach Trost und Beistand?

Schott: Ich habe das Gefühl, gerade sind noch viele relativ gut versorgt. Ich denke, die Nachfrage nach Trost und Beistand wird noch gewaltig ansteigen, wenn die Ausgangssperre anhält und sich die allgemeine Lage verschlechtert.

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Was bedeutet es für die Menschen, nicht mehr in die Kirche gehen zu können und mit dem Pfarrer persönlich über ihre Ängste reden zu können?

Schott: Die Gottesdienste sind zentraler Bestandteil unseres Gemeindelebens. Dort kommen die Leute zusammen. Die jetzige Situation macht uns alle sehr traurig und auch ein bisschen ratlos. Gleichzeitig entsteht auch eine große Kreativität und das Bedürfnis, die Menschen zu erreichen. Immer mehr Pfarrerinnen und Pfarrer stellen Online Angebote ins Netz, wohlwissend natürlich, dass wir einen Teil unserer Zielgruppe nicht erreichen.

Schott ist auch als Kabarettist, unter anderem mit dem kirchlich-bayerischen Pfarrkabarett “Das weißblaue Beffchen”, unterwegs und übersetzt im Radio Geschichten aus der Bibel in fränkischer Mundart. © Privat


Wer ist dieser Teil?

Schott: Ich mache mir natürlich große Sorgen um die alleinstehenden und einsamen Personen, die ich gerade überhaupt nicht erreiche. Ich habe mir überlegt, ob ich ihnen Zettel in den Briefkasten schmeiße. Es ist teilweise eine traurige und frustrierende Situation, nicht in vollem Umfang für die Menschen da sein zu können, wie ich es gerne möchte. Wir hoffen darauf, dass Kinder oder Enkel den älteren Gemeindemitgliedern die Videos zeigen. Ich kenne aber auch viele über 70-Jährige, die ein Smartphone haben und so erreichbar sind.

Wie war es für Sie, in der leeren Kirche einen Gottesdienst aufzuzeichnen?

Schott: Ich bin öfters auf Bühnen unterwegs, werde dabei gefilmt und bin es gewohnt, von unserem Pfarrer-Kabarett Videos online zu stellen, insofern ist da eine gewisse Ahnung dagewesen. Ich war auch nicht vor einem leeren Altar und musste zu leeren Bänken sprechen, sondern habe das oben auf der Empore gemacht. Unser Dekanatskantor war neben mir an der Orgel, da habe ich mich nicht einsam gefühlt. Aber insgesamt ist es schon ein komisches Gefühl.

Hilft Humor in dieser Zeit vielleicht am Besten?

Schott: Humor hilft immer, man sollte alles mit einer gewissen Portion Humor nehmen, sonst geht man irgendwann ein. Glaube und Humor gehen Hand in Hand. Wenn wir in dieser schwierigen Zeit Humor und auch noch Glauben verbreiten, den Menschen ein Lächeln schenken und Trost sowie Hoffnung spenden können, dann haben wir als Kirche ziemlich viel erreicht.


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Die Kirche lebt vom Zusammensein, was muss jetzt passieren?

Schott: Wir müssen gerade alle vorsichtig sein. In der Kirche ist die Gemeinschaft ganz wichtig und die fehlt uns gerade. Der Händedruck, das persönliche Gespräch. Wir müssen gewaltig umdenken aber jede Krise ist natürlich auch eine Chance. Ich glaube, es kann ganz viel Positives aus dieser Situation gewonnen werden, wenn wir sie alle gesund überstanden haben. An Nächstenliebe und Hilfe mangelt es nicht, ganz viele Menschen vernetzen sich gerade, wollen etwas für andere machen. Wichtig ist gerade wirklich, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen. Dennoch darf man keine Furcht und Panik verbreiten, das bringt nichts.

Sie sind in den sozialen Medien aktiv, treten Sie auch so mit ihrer Gemeinde in Kontakt?

Schott: Auf Facebook habe ich über 1500 "Freunde", die ich teilweise gar nicht persönlich kenne. Ich nehme normalerweise jede Freundschaftsanfrage an, wenn mir das Profil nicht völlig suspekt ist. Das ist auch schon eine Art Gemeinde. Ich sehe das auch als Potential, die Menschen zu erreichen. Mir schreiben einige, die Rat suchen. Da passiert gerade ganz viel.

Ist Corona die Chance, die Kirche zu digitalisieren?

Schott: Ich glaube, diese Krise schafft einen Schub bei der digitalen Kirche. Als ich ein junger Theologiestudent war, dachte ich, die Zukunft der Kirche liegt in den Medien aber ganz viel läuft immer noch in der Gemeinde, unter den Menschen. Gerade weil sich so viel in die Medien verlagert ist es wichtig, dass man ein Gesicht vor Ort hat. Die Kirche wird auch noch weiter analog bestehen bleiben, nicht nur digital. Das ist ihre große Stärke, wenn sich vieles anderes digitalisiert.

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Was hilft Ihnen gerade?

Schott: Ich bin natürlich auch jemand, der sich Sorgen macht. Durch meinen Glauben versuche ich, diese Zeit gut zu überstehen.Was mir hilft, sind alte Bibeltexte oder Gesangbuchlieder. Um mich aufzubauen schaue ich einen lustigen Film oder lese ein spannendes Buch. Ich telefoniere auch viel, denn andere zu trösten gibt einem auch selber Trost. Der erste den man erreicht mit einer tröstenden Botschaft ist man immer selber.

Was raten Sie Menschen, die nicht wissen, wie sie in den nächsten Wochen mit ihren Ängsten umgehen sollen?

Schott: Jemanden anzurufen hilft. Die Familie, den Bekanntenkreis, die Pfarrerin oder den Pfarrer oder die Telefonseelsorge kontaktieren. Überlegen, was bisher im Leben Halt gegeben hat. Beten, Singen, Lesen, oder meinen Youtube-Gottesdienst schauen. (lacht) In diesen unsicheren Zeiten ist es mir ein Anliegen zu sagen: Fürchte dich nicht!

Den ersten Meyenberger-Gottesdienst finden Sie auf dem Youtube-Kanal "Bibel auf Fränkisch".


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