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Plötzlich Bürgermeister. Wie die Neulinge das erste Jahr im Amt sehen

Vier Rathaus-Chefs aus der Region erzählen von ihren ersten Monaten im Amt - 21.04.2021 18:03 Uhr

Der Pegnitzer Bürgermeister Wolfgang Nierhoff (PEG) beim Ablegen seines Amtseids vergangenes Jahr in der Wiesweiherhalle Pegnitz . Am 1. Mai ist er ein Jahr in Amt, das ihn auch heute „noch viel Freude bereitet“.

21.04.2021 © Foto: Archiv/Klaus Trenz


Kurios und surreal", so beschreibt Bernhard Köller (FW) aus Königstein sein erstes Jahr als Bürgermeister. Nur wenige Wochen vor seinem Amtsantritt brach die erste Welle der Corona-Pandemie aus. "Es mag sich jetzt vielleicht komisch anhören, aber dadurch hatte ich sogar deutlich mehr Zeit", sagt Köller. Keine öffentlichen Auftritte, keine Termine und nur wenige Sitzungen – Köller nutzte die Gelegenheit, um sich einzuarbeiten. Das sei auch nötig gewesen, selbst wenn er zuvor sechs Jahre Marktgemeinderat gewesen war.

Vorgänger half bei Fragen

Sonst bereiten Seminare und Tagungen neu gewählte Bürgermeister auf ihre neue Aufgabe vor; doch wegen der Pandemie fielen viele Termine aus. "Ich hätte gerne deutlich mehr davon besucht", sagt Köller. Manche Dinge lerne man eben erst, wenn man sich mit ihnen befassen muss. Hilfreich sei dabei vor allem sein gutes Verhältnis zu seinem Vorgänger gewesen. "Ich konnte Hans Koch jederzeit fragen, wenn ich etwas wissen wollte", erzählt Köller.

Zufrieden mit erstem Jahr

Er ist zufrieden mit seinem ersten Jahr als Bürgermeister. Zumindest, was seine Arbeit betrifft. "Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich durch meine Wahl Freunde verliere", sagt der Rathauschef. Zwar sei es ihm gelungen, schnell neue Netzwerke zu knüpfen, aber ihm ist anzumerken, dass die Erfahrung ihn schmerzt. Auch sonst sei es nicht einfach, als "der Neue" durchzusetzen: "Ich lerne gerade, dass ich meinen Ellenbogen öfter einsetzen muss." Inzwischen gelinge ihm das allerdings immer besser. "Wir sind auf einem guten Weg in Königstein. Ich wünsche mir, dass wir auch im nächsten Jahr im Gemeinderat weiter zusammen an einem Strang ziehen", sagt der hauptberufliche Gerichtsvollzieher.


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"Ich wache auch heute noch manchmal auf und realisiere erst, dass ich jetzt Bürgermeister bin", sagt Wolfgang Nierhoff (PEG). Dass ihn bei der Wahl so viele Pegnitzer das Vertrauen ausgesprochen haben, rühre ihn immer noch. Eine Veränderung habe er bei den Menschen nicht wahrgenommen. "Wenn mir jemand begegnet, sind immer alle sehr freundlich und offen. Das finde ich gut, denn ich möchte ein nahbarer Bürgermeister sein", sagt Nierhoff.

Der Einstieg in sein neues Amt sei durch Corona nicht einfacher geworden, aber Nierhoff sieht darin sogar einen Vorteil: "Ich war gezwungen, sofort 100 Prozent zu geben". In einige Themen habe er sich stärker einarbeiten müssen als in andere – trotz seiner Erfahrung als Zweiter Bürgermeister. "In viele Dinge hat man ja keinen Einblick, die bekommt man erst mit, wenn man dafür verantwortlich ist", sagt Wolfgang Nierhoff. Für sein zweites Jahr wünscht er sich, dass "die Menschen dafür Verständnis haben, dass die Stadt an vielen Ecken sparen muss". Das sei notwendig, um irgendwann wieder stärker in neue Projekte investieren zu können.

Jahr schnell vergangen

"Verrückt, wie schnell das Jahr vergangen ist", meint Thomas Thiem (CSU), der seit einem Jahr Bürgermeister von Waischenfeld ist. Die Pandemie habe die Gemeinde vor große Herausforderungen gestellt. Gerne hätte er sich zu Beginn seiner Amtszeit einen besseren Überblick verschafft, Menschen getroffen und neue Kontakte geknüpft. Doch Corona habe das alles erschwert.

An seine neue Aufgabe musste sich Thiem erst noch gewöhnen. "Es war schon eine Umstellung, plötzlich jeden Tag im Rathaus zu sein", erzählt er. Geholfen hätte ihm dabei seine Erfahrung als stellvertretender Landrat und Zweiter Bürgermeister – und seine Zeit als leitender Angestellter bei der Sparkasse. "Da gibt es viele Überschneidungen. Bei einer Bank geht es auch häufig um Finanzen und Mitarbeiterführung", meint er.

Keine Anlaufprobleme

Anlaufschwierigkeiten habe er nicht gehabt, schließlich sei er in der Region bereits gut vernetzt gewesen. Inzwischen würden sich allerdings deutlich mehr Menschen bei ihm melden. "Ich habe den Eindruck, dass die Menschen sich durch die Pandemie wieder stärker für ihre Heimat interessieren", sagt er. Oft dreht es sich dabei um Probleme, die von der Pandemie verursacht werden. Aber nicht nur: "Viele Anrufer melden sich auch, weil ihnen etwas an einem Gebäude aufgefallen ist, oder weil sie die Wanderwege verbessern wollen".

Für sein zweites Jahr als Bürgermeister wünscht sich Thiem vor allem eines: "Dass die Pandemie bald vorbei ist, und die Menschen endlich wieder ein leichteres Lebensgefühl haben." Die durch die Krise schwer getroffene Gastronomie und den Einzelhandel wolle er unterstützen, "soweit das auf kommunaler Ebene möglich ist".

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Florian Questel (Grüne), Bürgermeister in Ahorntal, hatte es leichter als seine Kollegen: Er trat sein Amt noch vor Corona an. "Niemand wünscht sich, während einer so schwierigen Zeit Bürgermeister zu werden", betont Questel. Aber auch er habe es zunächst nicht immer einfach gehabt. Als er Anfang 2019 neuer Rathaus-Chef wurde, fehlte der Gemeinde ein Geschäftsstellenleiter. "Dadurch musste ich mich erst einmal selbst einarbeiten". Bis zu 70 Stunden in der Woche habe er sich damit beschäftigt.

Mit der Zeit habe er sich in seiner neuen Aufgabe immer besser zurecht gefunden. Dennoch war er lange der Neue im Amt, ein Quereinsteiger, der deutlich jünger ist als viele seiner Amtskollegen. Ist ihm seine Rolle schwergefallen? "Eigentlich nicht. Ich denke, es ist sogar von Vorteil, weil man damit frischen Wind und eine gewisse Dynamik in die Kommunalpolitik bringt", meint Questel. Zudem verschaffe man sich Respekt durch Engagement und gute Ideen.

CHRISTIAN WEIDINGER

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