Mittwoch, 23.10.2019

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Rechenkünstler an der Leupser Quelle

Wenn zwei dasselbe messen und trotzdem zu unterschiedlichen Ansichten kommen - 13.08.2018 10:55 Uhr

Die gemischte Quellenjury mit Übergewicht seitens der Juragruppe tagt (von links): Hans Hümmer, Frank Steffel als Vertreter des Leupser Vereins, Michael Kühlein, Daniel Hofmann und Robert Friedl sowie Daniel Ott (vorne) bei der nur zur Mittagsstunde möglichen Messung der Schüttung in Leups. © Otto Lapp


Wer je dachte, eine Schüttung zu messen sei eine hoch komplizierte Sache, nein: ist es nicht. Was sie aber nicht weniger umstritten macht. Die Mitarbeiter des Wasserversorgers Juragruppe fahren dreimal die Woche zu der kleinen Leupser Quelle, die unter Bäumen auf der Gemarkung mit der Flurnummer 99 sanft plätschert. Fast ein bisschen so, wie wenn eine Badewanne in einem Altbau langsam vollläuft.

Mitarbeiter eins stellt den Bottich aus Metall unter den Strahl. 49,3 Liter. Mitarbeiter zwei drückt auf die Stoppuhr. Und wenn der Bottich von Mitarbeiter eins voll ist, stoppt Mitarbeiter zwei die Stoppuhr. Dann rechnet er: eine Minute, zehn Sekunden für etwa 50 Liter. Macht: 0,714 Liter frisches umstrittenes Leupser Wasser in einer Sekunde. Jetzt schüttet Mitarbeiter eins den Bottich aus und alles geht von vorne los. Und auch beim zweiten Mal steht auf dem Taschenrechner 0,714. Und am Ende ist der Bottich aus Metall wieder leer.

Ausgeliterte Wanne

Beobachtet hat die Szene Frank Steffel vom Verein Pro Leupser Quellwasser. So simpel sieht die Messung aus — und die will er nicht glauben? "Wir machen eine Gegenmessung", sagt er und holt seinen eigenen Bottich, der an einem Nagel am Baum hängt. Kunststoff, 65 Liter gehen da rein. "Eine ausgeliterte Wanne der Juragruppe", sagt Steffel.

Wasser läuft. Und läuft. Und läuft über. Steffel stoppt die Uhr auf seinem Handy. 89 Sekunden für 65 Liter macht 0,73 Liter pro Sekunde. Das sind 0,016 Liter in der Sekunde weniger als die von der Juragruppe gemessen haben. Noch nicht mal ein Schnapsglas weniger.

Geht es wirklich nur um ein Schnapsglas? Und darüber streiten die sich jetzt? Um ein Schnapsglas, das ausschlaggebend sein soll für ein 2,5 Millionen teures Projekt, für das mehr als fünf Kilometer Leitungen gelegt werden und bei dem Leups an das Wassernetz der Juragruppe angeschlossen werden soll. Es fallen Beleidigungen, es geht um angebliche Lügen, um Täuschung, es geht darum, dass die Juragruppe doch nur Förderung kassieren will, es geht um falsche Messungen, falsche Schlüsse und doch auch um etwas ganz Anderes.

Denn die kleinen Zahlen seien ja "bedeutungslos". Das sagt Anja Lüthje, die Sprecherin des Leupser Vereins. Sind sie? Nicht für die Juragruppe. Werkleiter Hans Hümmer sagt: "Sie sind sehr wohl von großer Bedeutung – der weiter prognostizierte Klimawandel wird die Zahlen weiter verkleinern." Einig ist man sich darüber, "dass das Wasser im Sommer rückläufig ist". Klar auch, dass eine Trockenperiode wie die jetzige der kleinen Quelle schwer zusetzt. "Trotzdem reicht das Wasser", sagt Lüthje. Sagt auch der Mann mit dem Plastikeimer, Frank Steffel. "Die Quellschüttung ist immer konstant."

Hümmer sagt, "im April lag der Wert bei 1,42 und jetzt bei 0,7". Doppelt so schnell also war der Bottich im Frühjahr voll. Und Hümmer sagt auch, der niedrigste Wert komme laut Statistik erst im Oktober. Steffel sagt: "Für uns unbedenklich, 64 Kubikmeter am Tag sind ausreichend." Kein Problem also, solange aus der Quelle mehr Wasser komme, als die Leuper brauchen. An manchen Tagen seien das nur 35 Kubik.

Hümmer widerspricht: Für einen Wasserversorger müsse immer der Tag mit dem höchsten Verbrauch zählen, an einem Tag seien es rund 57 Kubikmeter gewesen. Danach müsse die Leistungsfähigkeit einer versorgungssicheren Anlage ausgelegt sein.

Steffel dagegen: Der Spitzenwert dürfe doch nicht als dauerhafter Verbrauch gesehen werden. "Wir hatten noch nie das Problem, dass die Quelle versiegt war und wir kein Wasser hatten." Hümmer: "Die Schüttung wird weiter zurückgehen." Er verweist auf eines der trockensten Jahre: "Da kann kein Mitarbeiter der Juragruppe was dafür, dafür ist der Herrgott zuständig".

Die Argumente fließen auf beiden Seiten, die Zahlen, alle schon zigmal gehört. Alle stehen im Internet. Eigentlich ist alles gesagt. Steffel wünscht sich trotzdem "einen runden Tisch", findet es schade, dass dafür ein Anwalt nötig sei. Hümmer sagt, man habe sich doch schon dreimal getroffen. Steffel: Das war nur eine Informations-Veranstaltung. Hümmer: "Die Verbandsversammlung hat dreimal einstimmig beschlossen, aus Gründen der Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität, Leups ans Juragruppen-Netz anzuschließen".

Grundlage dieser Beschlüsse sei die langfristige Sicherstellung der Wasserversorgung für die Leupser Bürger. Hümmer weiter: "Hierzu wurden gutachterliche externe Stellungnahmen und auch externe Kostenermittlungen für die Sanierung oder Erneuerung der Leupser Anlage eingeholt."

Es gab die Möglichkeit, die Leupser Anlage mit einem ermittelten Kostenaufwand von zirka 1,4 Millionen zu sanieren und gleichzeitig eine Ringleitung zur Sicherheit für 2,2 Millionen zu bauen. Dies sei, sagt Hümmer, "für die Solidargemeinschaft der Wasserverbraucher der Juragruppe bei einem solchen minimalen Verbrauch im Verhältnis zur Gesamtverbrauchsmenge nicht vertretbar".

Steffel fragt sich, warum gerade jetzt den Leupsern ihr eigenes Wasser abgedreht werden soll. "Das hätten wir gerne kommuniziert gehabt." Hümmer: "Der erste Beschluss wurde bereits 2016 gefasst." Nächstes Jahr werde der Bau beginnen, Bauzeit mindestens zwei Jahre. Die abschließenden Ausschreibungsunterlagen seien durch die eigene Planungsabteilung der Juragruppe deshalb noch nicht angefertigt worden, "weil andere Baumaßnahmen mit Versorgungsproblemen sich zurzeit in der Abwicklung befinden und hierfür alle verfügbaren Ressourcen im Einsatz sind". Eine Antwort ist das nicht auf Steffels Frage.

Im Verein glauben sie nicht an den Baubeginn. Schon einmal habe Hümmer einen falschen genannt. Sie möchten sowieso noch einiges klären. Ein Geologe soll nochmals ein Gutachten vorlegen, sagt Vereins-Sprecherin Anja Lüthje.

OTTO LAPP

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