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Montag, 20.01.2020

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Rudolf Eichmüller hört als Prädikant auf

Nach 65 Jahren: Er hat im Raum Pegnitz 275 Gottesdienste gegegeben. - 02.01.2020 11:55 Uhr

Über 65 Jahre war Rudolf Eichmüller im gesamten Dekanat Pegnitz Prädikant. Nun gibt er dieses Amt auf. Er kann sich noch genau erinnern, welches Bibelwort seiner ersten Predigt zu Grunde lag. © Foto: Frauke Engelbrecht


  Schon als kleiner Junge wollte er Pfarrer werden. "Wir waren nicht so gut begütert und konnten nicht regelmäßig ins Kino gehen oder Ähnliches machen", erinnert er sich. Darum sei er in den Kindergottesdienst gegangen. "Das war für mich der Ersatz für Theater und Film." Das war damals in Bayreuth, wo er gewohnt hat, in der Stadtkirche. "Es wurden Geschichten plastisch erzählt."

So sei er schließlich zum Glauben gekommen und zur Gemeinschaft. Sein Berufswunsch war finanziell nicht umsetzbar, und darum musste er etwas anderes machen und wurde Lehrer. Seine Ausbildung hat er in der Lehrerinnenbildungsanstalt gemacht. Vier Männer waren sie da. Sie benötigten alle eine extra Genehmigung, um dort lernen zu dürfen.

Näher an Glauben herangeführt

Während der Ausbildung hat ihn der damalige Kirchenrat Georg Peetz noch näher an den Glauben herangeführt. "Da habe ich begriffen, dass jeder getaufte Christ einen Gottesdienst halten darf", sagt Eichmüller. Heute sei das nicht mehr so, da brauche es dreijährige Lehrgänge für.

In Lindenhardt, wo seine erste Schulstelle war, fing es dann an. Er hatte gerade seine erste Lehramtsprüfung und kirchliche Prüfung zur Erteilung des Religionsunterrichts hinter sich, als er beim damaligen Pfarrer Gustav Mild zum Nachmittagskaffee eingeladen war. "Ich sagte ihm, dass ich gerne mal den Gottesdienst halten würde, und er antwortete ‚dann tun Sie es doch’."

Und so hielt er am Kantatesonntag – 16. Mai 1954 – seinen ersten Gottesdienst. Eichmüller kann sich noch genau erinnern, welches Bibelwort seiner ersten Predigt zu Grunde lag: Ich bin der Weinstock, ihr die Reben. Besonders das Wort Jesu ‚Ohne mich könnt ihr nichts tun’ habe ihn dabei beschäftigt. "So sehr, dass ich es später bei der Heirat meiner Frau Susilore als Trauspruch genommen habe."

Rund 275 Predigten hat Eichmüller in all den Jahren geschrieben. Gottesdienste hat er neben Lindenhardt in Creußen, Pegnitz, Auerbach, Bronn, Pottenstein, Betzenstein, Plech, Hüll, Birk, Seybothenreuth, Seidwitz, Schnabelwaid und in der Sana Klinik gehalten. Immer dort, wo er gerade gebraucht wurde. Seine Frau hat dann oft die Orgel gespielt.

Eichmüller zeigt einen Ordner in seinem Arbeitszimmer. Hier hat er von jeder Kirche den Ablauf des Gottesdienstes aufgezeichnet. Es ist überall etwas anders. Und er hat alle Predigten natürlich noch, abgeheftet und auf dem Computer.

"Ich bin von Predigt zu Predigt in meinem Glauben gewachsen", sagt er. Er hat sie immer auf DIN A 5 geschrieben und dann auf 120 Prozent vergrößert. Am Anfang hat seine Frau den Text immer gegengelesen. "Jahrzehntelang habe ich den Text auswendig gelernt", sagt Eichmüller.

Manuskript zum Draufschauen

Später dann nicht mehr. Da hatte er dann das Manuskript im Gottesdienst zum Draufschauen dabei, hat aber immer möglichst frei gesprochen. "Ich musste mich mit dem Text identifizieren können." Und er habe sprachlich immer sehr genau daran gefeilt. Rund drei Tage hat er immer für eine Predigt gebraucht – neben seiner Arbeit als Lehrer und Schulrat. "Ich hatte wesentlich mehr Zeit dafür, als der Pfarrer", sagt er. Er hatte aber auch nicht so viele Aufgaben, hat nur den Gottesdienst gehalten, hatte keine Gemeindeleitung.

Er hätte auch Kasualien – Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen – halten dürfen, aber es war kein Bedarf. Heute darf der Prädikant das nicht mehr. Anders als der Lektor, der die Predigten nur vorliest, schreibt der Prädikant sie selber, erklärt Eichmüller den Unterschied. Was macht er nun mit der neuen freien Zeit? "Lesen, lesen, lesen", sagt Eichmüller. Der Glaube werde ihm aber immer wichtig bleiben, auch wenn es ihn sehr schmerzt, dass er in den vergangenen paar Wochen gesundheitlich sehr stark abgebaut habe.

FRAUKE ENGELBRECHT

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