Donnerstag, 01.10.2020

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Sechs Tage Feuersbrunst in der Oberpfalz: So half ein Texaner

Das Bohrloch eines unterirdischen Gaslagers geriet in Brand - 12.09.2020 05:31 Uhr

Erst drei Tage nach Beginn des Unglücks in Eschenfelden entschloss sich die Ruhrgas AG dazu, sich Hilfe aus Texas zu holen.

© Archivfoto: Rudolf Contino/NN


Bis heute ist es der schwerste Gasbrand in der Geschichte der Bundesrepublik: In Eschenfelden entstand Mitte September 1970 ein Feuer an einem unterirdischen Gasspeicher. Die Flammen schlugen 30 Meter hoch und waren nachts weithin zu sehen. Mehrere Löschversuche schlugen fehl – bis der legendäre texanische Brandexperte Paul "Red" Adair kam.

Es passiert am späten Vormittag des 19. September, einem Samstag. Bei Wartungsarbeiten an einem Förderrohr bemerken zwei Arbeiter der Ruhrgas AG gegen 11.30 Uhr Gasgeruch. Diese 18 Zentimeter starke "Sonde" zapft einen 600 Meter tiefer gelegenen Speicher mit rund 170 Millionen Kubikmetern leicht entzündlichen Kokereigases an.

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Bohrloch-Feuer wütete sechs Tage: So half Red Adair der Oberpfalz

Im September 1970 geriet im oberpfälzischen Eschenfelden ein Bohrloch des unterirdischen Erdgaslagers in Brand, das erst nach sechs Tagen gelöscht werden konnte. Bei Reparaturarbeiten hatte sich an einem undichten Bohrloch das mit großer Wucht herausströmende Gas entzündet. Erst mit Unterstützung des weltbekannten US-Brandspezialisten Paul Adair gelang es, die Flammen zu ersticken.


Der drei Jahre zuvor in Betrieb genommene Speicher dient zur Abdeckung von winterlichen Verbrauchsspitzen im 40 Kilometer nordöstlich gelegenen Nürnberg und im nordbayerischen Raum. Um die Sonde "Esch 1" zu kontrollieren, entfernen die Arbeiter deren Verschluss. Im selben Moment steigt eine Druckwelle aus dem Förderrohr, die die Männer umwirft. Das ausströmende Gas entzündet sich – möglicherweise durch einen Funkenschlag des zu Boden fallenden Metallverschlusses, wahrscheinlicher aber durch Luftreibung, da das Gas mit dem Druck von 40 bar aus dem Rohr schießt.

5400 Kubikmeter Gas strömen pro Stunde ins Freie. Die Flammen reichen 30 Meter hoch in den Himmel. In der enormen Hitze von 1500 Grad knickt der Förderturm nach wenigen Stunden ein und fällt um. Zehn Freiwillige Feuerwehren aus dem Bereich Sulzbach-Rosenberg rücken an. Doch schnell wird klar, dass sie das gewaltige Feuer nicht allein bändigen können. Also werden die Berufsfeuerwehren Nürnberg und München, Regensburg und Frankfurt hinzugezogen.

Ohrenbetäubendes Rauschen

Allein die Feuerwehr Nürnberg rückt mit 120 Mann und 30 Fahrzeugen an. Am Ende sammeln sich biszu 400 Einsatzkräfte am Rande der 300-Seelen-Gemeinde Eschenfelden. Mehrere Löschversuche von Samstagabend an, unter anderem mit 15.000 Kilo Schwerschaum, bleiben erfolglos. Die riesige Fackel in dem Wiesental brennt weiter unter ohrenbetäubendem Rauschen und Zischen. Die Hitze ist so gewaltig, dass im Umkreis von 20 Metern um den Brand die Schuhsohlen der Feuerwehrleute zu brennen beginnen.

Unter anderem aus einem alten Fischteich in unmittelbarer Nähe des Bohrlochs pumpen die Einsatzkräfte Wasser, um einen kühlenden Wasservorhang über das Förderrohr und dessen unmittelbare Umgebung zu legen. Verantwortliche der Ruhrgas AG ordern parallel dazu große Mengen Schwerspat (Bariumsulfat) und Spezialton sowie ein Spezial-Einsatzfahrzeug aus Celle. Die Idee: Eine Schwerspat-Lösung (sie ist deutlich schwerer als Wasser) soll mit 60 bar in das Förderrohr gepresst werden, um das Rohr zu verstopfen und so den Gasbrand "tot zu pumpen".

Doch dieser Versuch scheitert ebenfalls. Offenbar ist das Förderrohr unter der Erdoberfläche nicht mehr so intakt wie man vermutet hatte. Drei Tage nach Beginn des Unglücks entschließt sich die Ruhrgas AG nach einigem Zögern, den Brandbekämpfungs-Spezialisten Paul Adair zu engagieren. Der zu diesem Zeitpunkt 54-Jährige hat sich damit einen Namen gemacht, dass er brennende Öl-und Gasquellen unter anderem mit Sprengladungen erstickt hat.

Schwerspat-Lösung soll helfen

Der texanische Brandexperte Paul „Red“ Adair starb im Jahr 2004.

© Archivfoto: Karl Schnörrer/dpa


Adair trifft am Mittwochvormittag an der Unglücksstelle ein. Einzelne Medienberichte behaupten, der Texaner sei zunächst in einem Gasthof eingekehrt, um zu frühstücken. Tatsächlich hat der 54-Jährige schon vor seiner Ankunft erste Vorschläge zum Löschen der Flammen gemacht, die Vorbereitungen an der Brandstelle laufen bereits. Die Nürnberger Nachrichten berichten damals, der Amerikaner habe "unmittelbar nach seiner Ankunft das Bohrloch" inspiziert.

Auch Adair will das Förderrohr mit einer Schwerspat-Lösung fluten und so den Brand "totpumpen" – diesmal aber mit noch höherem Druck und einer geänderten Mischung sowie der doppelten Menge der Schwerspat-Lösung. Sie soll unter anderem mit zwei Quellstoffen angereichert und schließlich mit 70 bar durch eine 200 Meter lange Leitung in das Förderrohr gepresst werden.

Die Vorbereitungen ziehen sich bis Freitag. Würde auch dieser Versuch scheitern, dann bliebe wohl nur noch eine Möglichkeit, heißt es in Zeitungsberichten damals: Ein Hügel, der nur 20 Meter vom Bohrloch entfernt liegt, könnte gezielt so gesprengt werden, dass Teile des Hügels als massive Erddecke mit großer Wucht auf das Bohrloch fallen und dieses kurzzeitig abdichten, so dass die Fackel erlischt.

Ein "Totpump"-Test am Donnerstag verläuft gut. Am Freitag beginnen in den frühen Morgenstunden die letzten Vorbereitungen. Die Polizei riegelt die Einsatzstelle im Umkreis von 200 Metern komplett ab. Gegen 9 Uhr startet das Unternehmen, die Schwerspat-Lösung wird mit bis zu 75 bar in die Tiefe gepumpt. Um 9.22 Uhr zieht Adair eine letzte Expertengruppe vom Bohrloch ab, dann beginnt der Löschversuch.

Minuten später sackt die riesige Flamme in sich zusammen, berichten die Nürnberger Nachrichten seinerzeit: Um 9.43 Uhr blubbert "aus der Sonde nochmals eine kleine Gasblase". Zwei Minuten später ist das Feuer endgültig gelöscht – 142 Stunden nach dessen Entstehung. Im folgenden Jubel wird Paul "Red" Adair buchstäblich auf Händen getragen.

Angeblich beträgt seine Tagesgage 10.000 Mark (nach heutiger Kaufkraft circa 17.600 Euro); das durchschnittliche Monatseinkommen liegt 1970 bei 460 Mark. Darüber hinaus spendiert ihm die Ruhrgas AG einen knallroten Mercedes 30, der einige Wochen später in die USA geschickt werden soll.

Und heute? Befindet sich der Gasspeicher Eschenfelden zum Teil im Eigentum des Regionalversorgers N-Ergie. Voraussichtlich zum 1. April 2021 soll er zumindest vorläufig vom Markt genommen werden. Aktuell, so heißt es, sei ein wirtschaftlicher Betrieb einer solchen Anlage nicht mehr möglich.


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Tilmann Grewe

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