Donnerstag, 13.05.2021

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Senivita-Einrichtungen in neuen Händen

Die Einrichtungen sind verkauft, das Insolvenzverfahren läuft und die Anleger brauchen viel Geduld - 10.04.2021 07:55 Uhr

Schulen und andere Einrichtungen des Senivita-Konzerns sind in anderen Händen; die Insolvenzverfahren laufen.

09.04.2021 © Foto: Dieter Koechel


Nach der Insolvenz zweier Firmen des Bayreuther Senivita-Konzerns von Dezember und Januar sind die Einrichtungen fast alle in neuen Händen. Dies bestätigt Hubert Ampferl, Insolvenz-Verwalter aus Nürnberg. "Sie sind fast vollständig verkauft", sagt er. Wie viel Geld dafür geflossen ist, sagt er nicht. Für alle Einrichtungen gebe es eine "Fortführungs-Lösung". Vereinzelt sei es zu Kündigungen gekommen, allerdings hätten die Mitarbeiter andere Stellen angeboten bekommen.

Nur die Hauptverwaltung des Konzerns in Bayreuth sei "stark reduziert" worden. Vor allem die Mitarbeiter, die sich um die Entwicklung der Immobilien kümmerten. Es bestehe, so Ampferl, noch eine "Restmannschaft". Mitfirmengründer Dr. Horst Wiesent hat keine Funktionen mehr, steht allerdings im Fokus staatsanwaltlicher Ermittlungen. Nach Informationen der Presse soll er Ende November oder Anfang Dezember neben einer nicht genehmigten Immobilien-Transaktion (elf Millionen Euro) noch etwa eine Million Euro von seiner angeschlagenen Firma an eine andere seiner Firmen überwiesen haben.

Diese Transaktionen waren nicht genehmigt und hatten mit zu seiner Abberufung durch den Aufsichtsrat geführt. Dies bestätigte der Aufsichtsratsvorsitzende Hartmut Koschyk schon Anfang des Jahres auf Nachfrage. Wohin von diesem Betrag etwa fünf Millionen Euro geflossen sind, ist noch nicht geklärt.

Buchhalterisch gesehen könnte Dr. Wiesent die Millionen-Überweisung so ausgelegt werden, dass er versucht hat, die eine Firma zu "retten" – und so zumindest den Bankrott der angeschlagenen Firma in Kauf zu nehmen. Die Million fordert die eine Firma zurück von Dr. Wiesent.

Die Staatsanwaltschaft in Hof, die auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert ist, bestätigt Ermittlungen gegen ihn: Wegen des Verdachts auf Untreue, auf gemeinschaftlichen Betrug und Bankrott.

Und noch ein weiterer Senivita-Mitarbeiter steht im Visier der Ermittler: Manfred Vetterl, Rechtsanwalt und CSU-Stadtrat aus Pegnitz. Er war nach dem Rauswurf von Dr. Wiesent aus der angeschlagenen Firma Anfang Dezember Geschäftsführer. Gegen ihn wird wegen des Verdachts auf Betrug und Bankrott ermittelt. Im Hinblick auf das laufende Verfahren möchte sich Vetterl nicht äußern.

Bei beiden gab es Hausdurchsuchungen Ende März. Dies bestätigt Dr. Matthias Goers, Staatsanwalt als Gruppenleiter bei der Staatsanwaltschaft in Hof. Ob noch gegen weitere Personen aus dem Umfeld ermittelt wird, könne aus ermittlungstaktischen Gründen nicht öffentlich gemacht werden.

Ermittlungen "üblich"

Ermittlungen sind im Umfeld von Insolvenzen üblich, sagt ein am Verfahren Beteiligter. Dass es wie bei ähnlichen Verfahren zu keiner Untersuchungs-Haft gekommen ist, deutet darauf hin, dass die Ermittler nicht davon ausgehen, dass sich Beteiligte persönlich bereichert haben.

Insolvenz-Verwalter Ampferl weist auch darauf hin, dass es "normal" sei in einem großen Unternehmens-Gefüge, mit Geldbewegungen für nötige Liquidität zu sorgen. Das sei längst kein Anzeichen für falsches Verhalten. Aber Gegenstand einer juristischen Prüfung.

Inzwischen sind die Insolvenzverfahren aller beteiligten Firmen des Senivita-Konzerns eröffnet. Jetzt geht es darum, den Gläubigern ihr Geld zurückzuzahlen. Dazu gehören auch die Anleger – von denen es zwei Sorten gibt. Zunächst diejenigen, die Genuss-Scheine gekauft haben. Hierbei handelt es sich um sogenannte nachrangige Anlagen. Zunächst werden also alle anderen Gläubiger bedient, bevor sie an die Reihe kommen. Was Fachleute für unwahrscheinlich halten. Auf Deutsch: Das Geld könnte weg sein, etwa 20 Millionen Euro.

Firmenstruktur "sehr komplex"

Dann gibt es die Anleger mit den gesicherten Anleihen. Darunter sind viele Kleinanleger, die um ihr Geld fürchten. Insgesamt geht es um etwa 44 Millionen Euro. Ob sie jemals ihr Geld oder einen Teil davon sehen? "In diesem Stadium nicht vorhersehbar", sagt Gustav Meyer zu Schwabedissen, Anwalt aus Düsseldorf, der die Anleger vertritt. Er weiß, dass die vielen Firmen unter dem Senivita-Dach und die vielen Firmen, die beim Betreiben der Heime mit an Bord waren, zu "sehr komplexen Strukturen" führten. Auch bei der eventuellen Frage nach der "Haftbarkeit" sieht es komplex aus.

Anleger-Vertreter Meyer zu Schwabedissen sagt, es könnten Haftpflicht-Prozesse drohen. Dafür muss allerdings erst festgestellt werden, wer haftbar sein könnte: vielleicht Dr. Wiesent, vielleicht die Treuhand-Gesellschaft, vielleicht der Aufsichtsrat. "Wir müssen erst mal prüfen", sagt der Anwalt, "keiner ausgenommen". Auch zu prüfen sei, ob die Anleger "irregeführt" worden seien. Ob nicht deutlich gemacht worden sei, wie defizitär und sanierungsunfähig die Firma wirklich gewesen sei. Gegen Dr. Wiesent hat er Anzeige erstattet.

Laut Anleger-Anwalt habe die geringe Auslastung der Heime dazu geführt, dass sie in der Summe defizitär waren. "Jede Woche wurde Geld verbrannt", sagt er. Bereits im April vergangenen Jahres habe er vor einer drohenden Insolvenz gewarnt.

Im August kam es zum Bruch mit Dr. Wiesent. "Keine Information, die uns zufriedengestellt hat", sagt er. Also habe er eine "eigene Truppe von Fachleuten aufgestellt, die die Heime und Firmen durchwühlt haben". Das Ergebnis sei "schlimm" gewesen.

Laut Meyer zu Schwabedissen sei ab August pro Monat eine Million Euro Verlust aufgelaufen. Eine frühere Insolvenz hätte sogar zehn Millionen gespart. Trotzdem habe Senivita weiter saniert, obwohl die "Maßnahmen nicht funktionierten". Das hält der Anwalt für "sehr sehr komisch". Nach Recherchen der Presse ist der Aufsichtsrat im vergangenen Jahr 20 Mal zusammengetreten.

OTTO LAPP

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