Freitag, 16.04.2021

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Senivita-Insolvenzen: Verdächtiges Geschäft mit Immobilien

Aufsichtsratsvorsitzender Hartmut Koschyk redet Klartext - Vorwürfe gegen Parteifreund Vetterl - 09.02.2021 17:28 Uhr

Hartmut Koschyk: Der Verkauf von Wohnungen der SSE AG im Wert von 11,4 Millionen Euro könne nicht als „ordnungsgemäßes Rechtsgeschäft“ bezeichnet werden.

08.02.2021 © Foto: privat


Erst der Rauswurf aus seiner eigenen Firma, dann zwei seiner Firmen in der Insolvenz. Aber nicht nur die Anleger in den beiden Firmen fürchten um ihr Geld. Deutlich mehr als 60 Millionen Euro hat Wiesent eingesammelt. Jetzt fordert sogar seine eigene Firma Senivita Social Estate AG (SSE AG) von ihm 6,4 Millionen Euro ein. Und hat deshalb gegen ihren Ex-Vorstand rechtliche Schritte eingeleitet.

An eigene Firma verkauft

Hintergrund ist ein Immobiliengeschäft, das Wiesent im Zeitraum von September bis Oktober vergangenen Jahres getätigt hat. Er hat nach Recherchen der Redaktion neun Objekte in Weidenberg und Königsberg, in denen Senioren wohnen und in die Menschen für ihre Altersvorsorge investiert haben, verkauft – und zwar an eine seiner eigenen Firmen. 11,4 Millionen Euro sollten von der SSE AG, die diese Einrichtungen gebaut hat, an die BSI 50 GmbH fließen.

Erst der Rauswurf aus seiner eigenen Firma, dann zwei seiner Firmen in der Insolvenz. Aber nicht nur die Anleger in den beiden Firmen fürchten um ihr Geld. Deutlich mehr als 60 Millionen Euro hat Wiesent eingesammelt.

08.02.2021 © Foto: Roland Töpfer


Pikant an dem Geschäft sind fünf Punkte: der Aufsichtsrat hat das in dieser Form nicht genehmigt; hinter der Firma steckt eine Stiftung Wiesents und seiner Frau; statt der 11,4 Millionen sind nur fünf Millionen Euro angekommen; und der nach Wiesents Rauswurf amtierende Geschäftsführer, der Rechtsanwalt Manfred Vetterl aus Pegnitz, bezeichnete das Immobilien-Geschäft Wiesents gegenüber einem Journalisten als "ordnungsgemäßes Rechtsgeschäft". Nach unbestätigten Informationen des Kuriers soll Vetterl dieses Geschäft sogar unterschrieben haben. Und es soll eine Anzeige gegen ihn und Vetterl wegen Steuerhinterziehung vorliegen.

Von wegen "ordnungsgemäß". Dieser Aussage Vetterls widerspricht Hartmut Koschyk "vehement", und zwar "im Namen des gesamten Aufsichtsrates". Dieser Verkauf von Wohnungen der SSE AG im Wert von 11,4 Millionen Euro könne nicht als "ordnungsgemäßes Rechtsgeschäft" bezeichnet werden. "Denn die Art und Weise dieses Wohnungsverkaufes an die BSI 50 war der maßgebliche Grund, der zur Abberufung von Dr. Wiesent als Vorstand der SSE AG geführt hat." Und Koschyk wird noch deutlicher: "Alle Unterlagen in diesem Zusammenhang hat der Aufsichtsrat noch vor Weihnachten einer unabhängigen Anwaltskanzlei übergeben, die ein 15-seitiges Rechtsgutachten erstellt hat."

In Windeseile gehandelt

Damit ist klar, dass der Aufsichtsrat der SSE AG in Windeseile gehandelt haben muss: Denn erst am 4. Dezember war Wiesent aus seiner eigenen Firma hinausgeflogen. Das Gutachten kommt laut Koschyk zu dem Ergebnis, "dass dieses Immobiliengeschäft keineswegs ,ordnungsgemäß‘ zustande gekommen ist". Deshalb hätten "Aufsichtsrat und Unternehmen SSE AG gegenüber BSI 50 juristische Schritte wegen der noch ausstehenden Kaufpreissumme von 6,4 Millionen Euro sowie Schadenersatzansprüche gegenüber Dr. Wiesent eingeleitet und sich weitere rechtliche Schritte vorbehalten". Koschyk sagt auch, dass der Aufsichtsrat dieses Gutachten dem Treuhänder One Square und dem Insolvenzverwalter zur Verfügung gestellt hat. One Square berät Unternehmen, die sich umstrukturieren. Die SSE AG war chronisch klamm und immer wieder beklagten sich Anleger, die auf ihre Dividenden warteten.

Was Hartmut Koschyk, der seit mehr als zwei Jahren Aufsichtsrats-Chef der Senivita Sozial gGmbH ist, nicht sagt: Eigentlich hätte Vetterl wissen müssen, dass Wiesents Immobiliengeschäft vom Aufsichtsrat nicht abgesegnet war. Als Vorstand müsste er eigentlich auch das 15-seitige Gutachten kennen.

Keine Nachweise

Der Düsseldorfer Anwalt Gustav Meyer zu Schwabedissen, der die geprellten Anleger vertritt, hatte in einem Schreiben von Anfang Januar moniert, die Immobilien-Geschäfte seien mit GmbHs gelaufen, "von denen es keine Nachweise gibt, dass sie überhaupt mit dem Bau von Pflegeheimen irgendwelche Erfahrungen haben, und außerdem gehören diese GmbHs Stiftungen im Einflussbereich von Dr. Wiesent persönlich". Das Schreiben liegt der Redaktion vor. Die verschwundenen 6,4 Millionen vermutet Anleger-Anwalt Meyer zu Schwabedissen in "diversen Projekten", die "gegen alle Usancen der Branche sofort bezahlt" worden seien. Wer ins Handelsregister schaut, findet diese Vermutungen bestätigt. Etwa um die Zeit des Immobiliengeschäftes hat sich die Stiftung von Horst und Christina Wiesent an der BSI 50 GmbH beteiligt: Am 13. Oktober vergangenen Jahres wurde sie Gesellschafterin. Noch keine zwei Wochen vorher änderte sich der Geschäftszweck der BSI 50: Ging es bisher um Personalschulungen, Seminare und Reisen, sollte es ab September vergangenen Jahres, also mutmaßlich kurz vor dem Immobiliengeschäft, um "Erwerb, die Verwaltung und die Veräußerung von Immobilien" gehen. So der Handelsregister-Auszug.

Weiter fällt auf, dass die Stiftung der Wiesents noch nach dessen Rauswurf am 4. Dezember bei einer seiner weiteren Immobilien-Firmen Gesellschafterin wurde, der BSI Emmering GmbH: Und zwar am 16. Dezember, genau an dem Tag, an dem Wiesents erste Firma Insolvenz anmeldete. Auch hier fällt auf, dass es ab da um "Erwerb, die Verwaltung und die Veräußerung von Immobilien" gehen sollte.

Stiftung im April 2019 gegründet

Die Dr. Horst und Christina Wiesent-Stiftung wurde am 11. April 2019 als gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Bayreuth gegründet. Ihr Zweck: Die Förderung von Kinderkrankenpflege, Behindertenhilfe, Altenpflege, Forschung und Bildung in der Region. Im März vergangenen Jahres hat die Stiftung erstmals vier Organisationen aus Bayreuth mit einer Spende in Höhe von jeweils 5000 Euro gewürdigt. "Gute Bildung und soziales Engagement werden in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen und für eine gut funktionierende Gesellschaft von höchster Wichtigkeit sein", erklärte damals Vorständin Christina Wiesent die Intention der noch jungen Stiftung bei der offiziellen Spendenübergabe in Schloss Thiergarten.

"Mehrere Anzeigen"

Bei der für Wirtschaftsstraftaten zuständigen Staatsanwaltschaft lagen Ende Januar bereits "mehrere Anzeigen" gegen Wiesent vor, wie Oberstaatsanwalt Andreas Cantzler bestätigte. Alle würden sich um den Komplex Betrug oder Untreue bewegen. Sie würden "zurzeit geprüft".

Horst Wiesent steht nicht für Interviews bereit. Er sei gesundheitlich angeschlagen und seit Dezember krankgeschrieben, heißt es aktuell bei Senivita.

OTTO LAPP

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