Dienstag, 20.10.2020

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So üben Orchester in der Corona-Zwangspause

Wegen Corona muss jeder Orchestermusiker für sich alleine neue Stücke einstudieren. - 02.04.2020 17:52 Uhr

Musiklehrer Markus Backer nimmt mit mehreren Mikrofonen und einer Kamera Videos für die Musiker der Jugendbergmannskapelle und seine privaten Musikschüler auf, schneidet sie und stellt sie den Nachwuchs-Schlagzeugern zur Verfügung.

© Foto: privat


Auch wenn jeder Musiker sein Instrument nur für sich alleine spielt und unterschiedliche Noten hat, zählt nur das Gesamtwerk des Orchesters. Damit das klappt, proben Orchester mehrfach in der Woche; nach Instrumenten getrennt und gemeinsam. Momentan spielt aber jeder nur für sich alleine — oder vor seinem Smartphone.

Das Konzert zum 60-jährigen Bestehen der Knabenkapelle Auerbach wurde eigentlich für den 16. Mai festgelegt. Weil wegen der Corona-Pandemie noch nicht feststeht, ob und wie das Konzert stattfinden kann, üben die Bläser die Stücke mit Audiodateien des Verlags, von dem die dazugehörigen Noten stammen. "Das passt original zum Stück", sagt Dirigent Ludwig Riedhammer. Zwar gebe es auch auf Videoplattformen Interpretationen von Liedern, die beim Konzert in Auerbach gespielt werden sollen, aber die seien ungenau.

Riedhammer habe von einem Musiker gehört, dass dieser momentan täglich 1,5 Stunden übt. "Viele sind eifrig dabei, aber sie müssen auch für die Schule lernen", gibt er zu bedenken. Videoproben und Unterricht per Webcam hat er schon ausprobiert, "das bringt aber nix", findet er und erklärt, dass die Zeitverzögerung ein gemeinsames Musikmachen nicht ermöglicht.

Mit den Videos und Audio-Aufnahmen der Ausbilder üben die Musiker der Jugendbergmannskapelle, so auch der Sohn des Vorsitzenden, Michael Adelhardt.

© Foto: Klaus Adelhardt


Sollte sich nach den Osterferien herausstellen, dass das Konzert stattfinden kann, wäre dann vermutlich noch ausreichend Zeit, damit die Musiker sich zu Gesamtproben treffen können. "Das Gesamtbild muss passen, auch wenn alle alleine proben", stimmt der Vorsitzende der Knabenkapelle Elmar Hamerla ihm zu. Deshalb könnte es schon sein, dass das Konzert abgesagt wird.

Ohne Seminar

Zumal auch ein zweitägiges Probenseminar Corona-bedingt weggefallen ist und er nicht an ein schnelles Ende der Krise glaubt. Er ist der Meinung, dass die Kapellenmitglieder trotzdem weiter proben sollen, damit sie nach der Ausgangsbeschränkung nicht wieder bei Null anfangen. Denn acht oder neun der insgesamt zwölf Stücke sitzen bereits.

Eine 14-tägige "Quarantäne-Challenge" bestreiten aktuell die Musiker der Pegnitzer Jugendbergmannskapelle. Jeden Tag spielen sie "Es tönen die Lieder der Frühling kehrt wieder" in anderen Variationen: schneller, rückwärts, in einer anderen Tonart.

Auch das Putzen der Instrumente oder Singen des Textes gehört dazu. Am letzten Tag, das wird der kommende Sonntag sein, sollen die Musiker das Lied dann aus dem geöffneten Fenster für die Nachbarn spielen.

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Finger- und Ansatzübungen machen viele der Musiker der Jugendbergmannskapelle im Austausch mit ihren Ausbildern, sagt der Vorsitzende Klaus Adelhardt. Das laufe über Videoanrufe, Whatsapp und das Internet. Dort gebe es schon einige Videos, auf die die Musikschüler zurückgreifen können. "Und was es nicht gibt, machen wir selbst. Die Not macht erfinderisch", so Adelhardt weiter.

So zum Beispiel Ausbilder und Schlagzeuglehrer Markus Backer aus Gößweinstein: "Ich habe sie in vier Leistungsgruppen eingeteilt. Zweimal wöchentlich bekommt jede Gruppe zwei Videos: Eins zum Aufwärmen und eins zum Üben." Er hat zu Hause ein Studio, in dem er ohne störende Nebengeräusche aufnehmen kann. Mit verschiedenen Medien zur Videotelefonie arbeitet er nicht so gerne, weil die Mikrofone der Laptops zu schlecht sind, um die Laute ordentlich aufzunehmen. Deshalb habe er sich entschlossen, "lieber gute Videos als mittelmäßige Skype-Unterhaltungen" anzubieten.

Vorteil von Videos sei, dass Musikschüler diese auch anhalten und zurückspulen könnten. 16 Videos habe er in den vergangenen beiden Wochen schon gedreht. Für jedes braucht er ungefähr zwei Stunden.

Teilweise erhält Backer selbstgedrehte Videos von den Nachwuchs-Schlagzeugern zurück. Es entstehe ein reger Austausch, auch wenn er sich noch mehr Rückmeldungen wünsche. Den Schülern gibt er Feedback zu den Übungen und lobt vor allem, dass sie trotz der Ausgangsbeschränkung zu Hause weiter üben.

"Wir halten sie gut bei Laune", findet auch Klaus Adelhardt und ruft die Musiker der Jugendbergmannskapelle dazu auf, weiter zu machen. Sollte die Ausgangssperre noch länger dauern, sieht er zumindest für den Probenbetrieb keine Probleme: "Wir haben noch Munition", sagt er augenzwinkernd. Ausweichtermine für Konzerte und Freiluftveranstaltungen haben die Verantwortlichen noch nicht. "Es wird darauf hinaus laufen, dass es irgendwann an einem Tag fünf Veranstaltungen pro Ort gibt, weil alle wieder raus dürfen und alles nachgeholt werden kann", vermutet Hamerla.

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Viele Termine geplant

Und Riedhammer gibt zu Bedenken, dass im Herbst die Veranstaltungshallen von den Sportlern für den Trainings- und Spielbetrieb benötigt werden. Aktuell stehen die Termine für das Kreismusikfest und die Musiknacht der Knabenkapelle im Juni noch. Die Planungen für Veranstaltungen im Sommer und Herbst laufen auch bei der Jugendbergmannskapelle. "Es wäre ärgerlich, wenn die Open-Air-Veranstaltungen und die Kirchenkonzerte ausfielen", betont Adelhardt. Denn trotz Corona haben die Kapellen Ausgaben wie beispielsweise für das Vereinsheim.

Ohne Einnahmen aus den Konzerten werde es schwer, die Fixkosten zu decken. Das Frühjahrskonzert, das für 9. Mai angedacht war, ist aber bereits abgesagt. "Wir haben überlegt, es darauf ankommen zu lassen", gibt der Vorsitzende zu, "aber die Mehrheit des Publikums gehört zur Risikogruppe." Deshalb denkt die Jugendbergmannskapelle derzeit eher an spontane Konzerte und Veranstaltungen im Winter. "Aber momentan können wir nicht mehr machen als abwarten und Tee trinken. Und daheim bleiben", resümiert sein Auerbacher Kollege Hamerla.

KERSTIN GOETZKE

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