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Start in Michelfeld mit elf taubstummen Frauen

Seit 135 Jahren prägen Dillinger Franziskanerinnen das Kloster Michelfeld - Nazis ließen Pflegebedürftige ermorden - 19.04.2019 09:25 Uhr

Zahlenmäßig deutlich größer als heute war die Zahl der Dillinger Franziskanerinnen in Michelfeld in den 70er Jahren. Oberin Madlen Kolbrand wird derzeit unterstützt von vier Mitschwestern.


Es war Regens Johannes Evangelist Wagner, der auf Bitten des Ortspfarrers Sebastian Neppenbacher und dem Bamberger Erzbischof Friedrich Schreiber im Ort eine Taubstummenanstalt ins Leben rief. Damit war der Grundstein für das Wirken der Franziskanerinnen in Michelfeld gelegt. Es war ein sehr schwerer Anfang. Gemeistert wurde dieser durch das benediktinische Losungswort "ora et labora", beten und arbeiten. M. Alphonsa Stolz wurde auf Vorschlag von Wagner für die neue Einrichtung als Oberin bestellt, begleitet wurde sie von der Lehrerin SR. M. Engelberta Eiersheim und SR Viktoria Bader.

Zeichensprache gelehrt

In dem Haus, das dem Verfall preisgegeben war, wartete auf die Nonnen eine große Aufgabe. Aus Dillingen kamen mit ihnen elf taubstumme junge Frauen nach Michelfeld. Der Auftrag der Schwestern war, die Behinderten körperlich und seelisch zu betreuen, sie in der Zeichensprache zu unterrichten und ihnen das Bewusstsein zu geben, durch Nähen, Sticken und Arbeiten im Haus gebraucht zu werden.

Wer sich dafür nicht eignete, wurde im Garten oder in der Landwirtschaft beschäftigt. In der ehemaligen Prälatur wurden Stickrahmen und Nähtische aufgestellt, und unter Leitung der Klosterfrauen entstanden kirchliche Gewänder von einfacher bis hin zu kunstvollendeter Ausführung.

Am 21. November 1884 erteilte die Kreisregierung der Oberpfalz Regens Wagner die Genehmigung zur Eröffnung einer Taubstummenanstalt in den Räumen des ehemaligen Klosters Michelfeld. An der großen Eröffnungsfeier am 14. Juni 1885 nahm auch Erzbischof Friedrich Schreiber teil, freudigst begrüßt von allen Dorfbewohnern, den Katholiken und den Protestanten.

Johann Evangelist Wagner wurde am 15. Dezember 1807 in Dattenhausen bei Dillingen geboren. Die Priesterweihe erfolgte in Dillingen am 13. Mai 1883. Zum Professor der Dogmatik wurde er 1842 ernannt; 1863 wurde er Präfekt des Priesterseminars. Dort wirkte er bis zu seinem Tod am 10. Oktober 1886.

Erzbischof Schreiber charakterisiert Wagner mit folgenden Worten: "Was ihn auszeichnete, waren nicht so sehr die Eigenschaften seines glänzenden Geistes, sondern mehr die seines glühenden Herzens, sein Seeleneifer und seine Liebe zu den Benachteiligten im Leben." So wurde bereits im Jahre 1846 im Kloster der Franziskanerinnen in Dillingen eine Taubstummenanstalt eingerichtet. Bereits 1918 gab es elf Häuser, die den Namen Wagners trugen. Wagners letzte Sorge galt Michelfeld.

Schwere Zeiten brachten die beiden Weltkriege für das Kloster, in dem Lazarette für verwundete und kranke Soldaten eingerichtet wurden. Unvergessen ist die Zeit, als die Nationalsozialisten den Abtransport vieler Pflegebedürftigen anordneten, was für die meisten den Tod bedeutete. Nach dem Krieg war der Neubau des Gutshofes unter Oberin Neria Winkelmaier aus Auerbach ein großer Fortschritt. Sie war eine starke, aber auch warmherzige Frau, die als "Mildtäterin" der Menschen bekannt war.

Jolenta Maier hochgeehrt

In guter Erinnerung ist auch noch Oberin Mirjam Dittrich, eine Schwester des ehemaligen Pegnitzer Landrats Dittrich, die sich auch der Kirchenmusik widmete. Nach dem Krieg wurde aus der ehemaligen Taubstummenanstalt ein Heim für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. Oberin Jolenta Maier setzte dafür ihre ganze Kraft ein. Unter ihrer Regie und als Leiterin der Einrichtung von 1978 bis 2002 wurden Werk- und Förderstätten gebaut. Die Ordensfrau erhielt mehrere Auszeichnungen: Bundesverdienstkreuz (1996), Paul-Harris-Fellow-Plakete der Rotarier (1997), Pro Ecclesia et Ponifice (2000).

In der Pfarrgemeinde war Lidwina Miller eine bekannte Klosterfrau. Sie besuchte die Kranken in den verschiedenen Ortsteilen, wie auch Fischstein und Horlach. Meistens war ein "Vergelt’s Gott" ihr Lohn.

Schwester Madlen Kolbrand ist seit 2000 Oberin des Konvents. Ihr wurde 2009 das Caritas-Ehrenzeichen in Gold überreicht; 2012 wurde sie mit der Auerbacher Bürgermedaille geehrt. Ihre Mitschwestern sind Elwina Schmitt, Sigbalda Kormann, Viktoria Schuierer und Margrit Schuhmann. 

VON ELSE BUCHFELDER

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