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Streik: "Schulreform hat Dorffrieden zerstört"

Vor 50 Jahren probten Eltern in Kühlenfels und Oberailsfeld den Aufstand - Dorfschulen aufgelöst - 09.09.2019 13:06 Uhr

In Oberailsfeld weigerten sich die Eltern, ihre Kinder mit dem Schulbus nach Kirchahorn zu schicken. © Claus Volz


In Kühlenfels schlugen die Wellen hoch. Eltern setzten sich in einer eilends einberufenen Versammlung dafür ein, dass die erste bis vierte Klasse am Ort bleibt. Den ortsansässigen Arbeiterfamilien mit ihren vielen Kindern seien die schulischen Neuordnungen nicht zuzumuten, wurde argumentiert. Nachkommenden Generationen gegenüber sei es unverantwortlich, wenn den Beschlüssen der Schulrefom zugestimmt werde.

In Kühlenfels konnte auch Hauptlehrer Alfred Tietze (Mitte) die aufgebrachten Bürger nicht beruhigen. © Piper


Der Hintergrund: Mit Rechtsverordnung vom 2. Juli hatte die Regierung von Oberfranken die Volksschule Kirchenbirkig als Übergangslösung mit dem Sprengel für die Schüler Jahrgänge eins bis acht der Gemeinden Kirchenbirkig, Kühlenfels, Leienfels und Regenthal errichtet. Um den Kühlenfelser Kindern den Wechselunterricht von drei Klassen in nur zwei Schulsälen zu ersparen, sollten reine Jahrgangsklassen gebildet werden, wobei die zweite und vierte Klasse in Kühlenfels bleiben, der Rest aber in Kirchenbirkig unterrichtet werden sollte.

Der Schulstreik mobilisierte in Oberailsfled die Eltern. © Claus Volz


Für die Kühlenfelser war dies Anlass, am Vortag des Schulbeginns vor der Wohnung von Bürgermeister Hofmann zu demonstrieren. Die ohnehin schon gespannte Atmosphäre im Dorf hatte sich verschlechtert, so berichteten Einwohner, als Möbel aus der Kühlenfelser Schule ohne Vorwarnung nach Kirchenbirkig abtransportiert werden sollten. Der Transport wurde verhindert. Die Bürger fühlen sich von den Behörden „überrollt". Man habe sie absichtlich spät und nicht umfassend genug über die Konsequenzen der Schulreform informiert, um die staatlichen Pläne leichter realisieren zu können, wurde vermutet. Gemeinderat Neuner stellte bekümmert fest: „Die Schulreform hat unseren Dorffrieden zerstört."

Befremden im Schulamt

In der Schulabteilung des Landratsamtes hat die Initiative der Kühlenfelser Elternschaft Befremden ausgelöst. Die von der Regierung beschlossene Schulordnung sei monatelang vor Inkrafttreten der Rechtsverordnung in demokratischer Weise mit der Gemeinde Kühlenfels erörtert worden. Um so erstaunlicher sei, dass sich die EIternschaft einen Tag vor Schulbeginn zu Kampfmaßnahmen entschlossen habe. Dieses Vorgehen richte sich im Grunde gegen eine verbesserte Schulbildung, die der Staat den Schülern auf dem Lande mit der Volksschulreform anbiete.

Die Forderung der Eltern, die Klassen eins bis vier am Ort zu belassen, wurde im Landratsamt als Rückfall bezeichnet. Denn in der Kühlenfelser Schule müssten dann jeweils zwei Schülerjahrgänge in einem Klassenzimmer unterrichtet werden. Gerade gegen diese der Bildung abträglichen Verhältnisse wende sich die Schulreform. Im übrigen würden den Kühlenfelser Schulkindern mit der Neuordnung keine nennenswerten Unbequemlichkeiten aufgebürdet, befinde sich doch die Schule in Kirchenbirkig in räumlicher Nähe von Kühlenfels. Nicht zuletzt deshalb hegte der Bürgermeister und Schulverbandsvorsitzende Hans Bauernschmitt aus Kirchenbirkig die Hoffnung, dass sich die Mehrheit der Kühlenfelser Eltern bei Schulbeginn doch vernünftig verhalten und vom Schulstreik absehen werde.

Ohne Erfolg. Der von den Eltern beschlossene Schulstreik wurde in die Tat umgesetzt. Lediglich die neunte Klasse besuchte den Unterricht in Pottenstein.

Die Auswirkungen der Schulreform brachten die Eltern in Kühlenfels und Oberailsfeld in Aufruhr. © NN-Bildarchiv


Die Schulabteilung im Landratsamt hat sich unverzüglich mit den Streik-Gründen beschäftigt und nach einer Lösung gesucht. Der Forderung der Kühlenfelser, die Klassen eins bis vier am Ort zu belassen, konnte jedoch „beim besten Willen“ nicht entsprochen werden. Im Einvernehmen mit der Regierung von Oberfranken wurde der Gemeinde ein Kompromissvorschlag unterbreitet. Demnach sollten die Klassen eins bis drei in der Kühlenfelser Schule unterrichtet werden. Die Jahrgänge eins und zwei müssten hierbei eine Gemeinschaftsklasse bilden. In der Kirchenbirkiger Schule sollten mit Ausnahme der dritte Klasse entsprechende Jahrgangs-Parallelklassen von den restlichen Gemeinden des Schulsprengels beschickt werden.

"Größter Schulverband vor der Auflösung"

Auch in Oberailsfeld hielten Eltern ihre Kinder vom Unterricht fern. Zwei Drittel der Schüler der Klassen fünf bis acht blieben zu Hause, anstatt den Schulbus nach Kirchahorn zu besteigen. Die Oberailsfelder argumentierten, dass ihr bisheriger Schulverband mit 120 Kindern der größte im Ahorntal gewesen sei. Nun stehe man plötzlich vor der Auflösung und müsse die Kinder in der Gegend herumfahren.

Man habe bei der Regierung und beim Gemeindetag protestiert, doch keine Antwort erhalten. Man stelle sich nicht gegen eine neue Schulkonzeption, doch sollten dafür erst die baulichen Voraussetzungen geschaffen werden, hieß es. Als weiteres Argument führte man an, dass die zweiklassige Schule Poppendorf weiterbestehen könne. Außerdem sei man in Oberailsfeld bereit, notfalls auf eigene Kosten einen weiteren Schulsaal anzubauen, damit man wie in Elbersberg eine vierklassige Schule behalten könne.

Ein durchschlagender Erfolg war den Eltern nicht vergönnt, wie man heute weiß. Keine dieser Dorfschulen hat überlebt, die in Kühlenfels nicht und auch nicht die in Kirchenbirkig. Auch nicht die in Oberailsfeld, Poppendorf oder Elbersberg. Die Folge: Die Kinder werden heute alltäglich stundenlang durch die Gegend gefahren und niemand protestiert.  

rr/jp/vz

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