Sonntag, 25.10.2020

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Tiefer Brunnen trocken: Nur Pfütze erinnert an Meisterleistung

Erlanger Geologiestudenten stellen bei Karstwoche nicht nur in Betzenstein Grundwasser-Rückgang fest - 19.10.2020 11:55 Uhr

Der Betzensteiner Kultur- und Fremdenverkehrsreferent Hans Thummert (links) erläuterte den angehenden Geologen um Dr. Alfons Baier die historische Bedeutung des Tiefen Brunnens.

© Foto: Richard Reinl


Seit dem Jahr 1967 misst das Wasserwirtschaftsamt den Grundwasserspiegel. Die im Niedrigwasserdienst Bayern hinterlegten Daten sprechen eine deutliche Sprache: Zu Beginn der Erhebungen vor gut einem halben Jahrhundert notierte die Chart-Linie des Wasserstands in Betzenstein noch bei rund 445 Metern über dem Meeresspiegel, ehe er zum Ende der 1970er Jahre bis in die Nähe des heutigen Tiefstands von 428 Metern abstürzte. Hoffnung könnte man daraus schöpfen, dass es anschließend rund zehn Jahre stetig bergauf ging – bis zum Höchststand von 450 Metern um 1990. Doch seit rund 15 Jahren zeigt die Trendlinie mit kleinen Korrekturphasen steil bergab.

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"Tiefer Brunnen" in Betzenstein Meisterwerk der Technik

Neben den historischen Brunnen von Prüllsbirkig, Steifling oder Birkenreuth ist der "Tiefe Brunnen" von Betzenstein seit vielen Jahren ein fester Programmpunkt, wenn Dr. Alfons Baier vom Lehrstuhl für angewandte Geologie der Universität Erlangen mit seinen Studenten auf Karstexkursion durch die Fränkische Schweiz geht. Sechs Jahre lang wurde in dem kleinen Städtchen Mitte des 16. Jahrhunderts gegraben, um das Wasser nicht mehr mühsam kilometerweit von der Trubach oder der Achtel hertragen zu müssen. Teurer als der Bau der Stadtmauer mit ihren Türmen diente der Schacht bis 1902 als einzige Trinkwasserversorgung in Betzenstein. Heute wäre sie nach den trockenen Sommern und Wintern der vergangenen Jahre völlig wertlos, weil sich in der Tiefe von 72 Metern nur mehr eine kleine Pfütze findet. Aufgabe für die angehenden Geologen vor Ort ist es dabei immer wieder, Qualität und Menge des Grundwasservorkommens zu messen. Fotos: Richard Reinl


Die Auswirkungen sind vor Ort nicht zu übersehen. Als Dr. Alfons Baier vom Lehrstuhl für angewandte Geologie im Jahr 2013 Messungen in Betzenstein anstellte, versenkte einer seiner Studenten ein teures Messgerät im Tiefen Brunnen. Unerreichbar versank es im trüben Wasser. Als Baier heuer seinen Schützlingen die Bedeutung der historischen Wasserversorgungen vom Fremdenverkehrs- und Kulturreferenten Hans Thummert erklären ließ, sah er das wertvolle Stück tief unten am Boden liegen. Die Ursache: Wo früher am Brunnenboden das Wasser meterhoch stand, erinnert nur noch eine kleine Pfütze an die frühere Funktion dieser technischen Meisterleistung.

Baier und Thummert versuchten den angehenden Geologen die Tragweite der Entwicklung aufzuzeigen: Sechs Jahre lang wurde Mitte des 16. Jahrhunderts gegraben, um das Wasser nicht mehr mühsam kilometerweit von der Trubach oder der Achtel hertragen zu müssen. Teurer als der Bau der Stadtmauer mit ihren Türmen diente der Schacht bis 1902 als einzige Trinkwasserversorgung der Stadt. Heute wäre sie nach den trockenen Sommern und Wintern der vergangenen Jahre völlig wertlos.

"Unterirdische Badewanne"

Wer denkt, dass die Entnahmen der Großversorger schuld an dieser Entwicklung seien, den belehrt Hans Hümmer, der Werkleiter der Pegnitzer Juragruppe, die seit Jahren mit dem Erlanger Lehrstuhl kooperiert, eines Besseren: "Die unterirdische Badewanne in der Veldensteiner Mulde ist randvoll und reicht rechnerisch auch ohne jeden Niederschlag noch mindestens 100 Jahre."

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Archäologie-Taucher im tiefen Brunnen von Birkenreuth

Der Jahrhunderte alte Brunnen inmitten von Birkenreuth wurde noch nie untersucht. Das änderte sich am Wochenende, als Archologie-Taucher des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Kiel in Zusammenarbeit mit Dr. Alfons Baier vom Lehrstuhl für Angewandte Geologie in Erlangen eine eingehende Dokumentation vornahmen. Die weltweit gefragten Taucher ließen sich dabei, gesichert durch die Bergwacht, rund 40 Meter tief abseilen.


Der Überlauf daraus allerdings und die Schüttung der Oberflächenquellen gehen deutlich zurück, was die Studenten übrigens auch im Oberen Püttlachtal feststellten, wo an manchen kleinen Quellen heuer überhaupt keine Messungen mehr möglich waren.

Baier bestätigt dies aus seinen langjährigen Beobachtungen: Äußerst problematisch zu sehen sei der im Grunde seit 2013 flächenübergreifende Rückgang der Grundwassermengen, hervorgerufen durch stark verringerte Niederschlags-Summen und die Veränderung der Niederschlagsmuster. Die Schneeschmelzen sind stark zurückgegangen oder völlig ausgefallen. Dafür findet in Karstgebieten vor allem bei Starkniederschlägen und nach der Schneeschmelze ein nicht quantifizierbarer oberirdischer Abfluss über die Trockentalsysteme statt.

Konzentration der Niederschläge bereitet Sorge

Sorge bereite dabei, dass sich mitunter durchaus große Regensummen zunehmend auf wenige Tage konzentrieren. Baier erläutert dies an den Aufzeichnungen des Pegnitzer Wetterbeobachters Helmut Strobel: Demnach erreichte die Monatsniederschlagssumme im September 2020 mit 44 Litern pro Quadratmeter zwar rund 80 Prozent des langjährigen Mittels, allerdings fielen 37,1 Liter an nur zwei, sogar noch aufeinanderfolgenden Tagen. Die Konsequenz: Diese Niederschläge gehen größtenteils als Oberflächenabfluss in den Vorfluter und fehlen nahezu vollständig bei der Grundwasserneubildung.

Ein damit verbundenes Phänomen konnten die Geologen übrigens am 28. September im Püttlachtal beobachten: Am Vormittag war der Bach noch schön klar mit Sicht auf die Wasserpflanzen. Nur eineinhalb Stunden später präsentierte er sich durch urplötzlich auftretende Unmassen an eingeschwemmten Bodenpartikeln schmutzig braun und völlig undurchsichtig, um dann gegen Abend wieder weitgehend aufzuklaren.

Nur geringe Schadstoffbelastung

Der Erlanger "Karstpapst" Baier hatte nach seiner diesjährigen Exkursion immerhin auch eine gute Nachricht parat: Das Karstgrundwasser nördlich von Pottenstein weise momentan nur eine geringe Schadstoffbelastung auf – wahrscheinlich auch bedingt durch den fehlenden Regen und somit eine geringere Ausschwemmung von Schadstoffen aus den landwirtschaftlichen Gebieten, mutmaßte er.

RICHARD REINL

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