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Traktor-Marathon geht jetzt an die Substanz

Vor allem Schlafmangel plagt die protestierenden Landwirte seit Ankunft in Brüssel — Beifall vom Wegesrand - 28.11.2012 11:29 Uhr

Auf die Ankunft in Brüssel tranken sie einen Becher Bier: Matthias Trummer (v.l.) aus Penzenreuth, Manfred Albersdörfer aus Welluck, Werner Reindl (BDM NEW), Alfred Gmelch, Helmut Graf (BDM AS). Manfred und Helmut waren Fahrer.


Manfred Albersdörfer aus Welluck, Josef Rupprecht aus Penzenreuth, Thomas Braun aus Ligenz, Helmut Graf aus Lengenfeld und Manfred Rupprecht aus Habres waren die begeisterten Fahrer. Immerhin hatten sie circa 800 Kilometer mit ihren Schleppern zurückgelegt, als sie zusammen mit weiteren 900 am Montag am frühen Nachmittag in Brüssel vor dem EU-Parlament am Place du Luxembourg mit Hupen und heulenden Motoren vorbeizogen.

In der Innenstadt von Brüssel ging nichts mehr. Die Schlepper machten alle Straßen um das Regierungsviertel dicht. © Christin Schwendner


Eindrucksvoll demonstrierten die Fahrer auf Transparenten an ihren Schleppern ihre Forderungen. Drei Tage waren sie unterwegs auf ihrer Route durch Bayern, Hessen und Belgien. Sie wurden sehr gut aufgenommen von der Bevölkerung, wurden unterwegs mit Essen und Getränken versorgt, konnten dreimal bei BDM- Mitgliedern auf deren Höfen in Schlafsäcken und auch auf mitgebrachten Matratzen übernachten, um am nächsten Morgen ihre anstrengende Fahrt fortzusetzen. Überwiegend fuhren sie auf Landstraßen, vorbei an Milchbauernhöfen und durch Großstädte. Sie wurden von Fernsehteams und örtlichen Pressevertretern begleitet. Dabei gaben sie immer wieder Statements in kurzen Pressegesprächen ab.

Die Route war durchorganisiert bis aufs Kleinste. An Kreuzungen regelten sie den Verkehr selbst, indem die ersten Schlepper die Kreuzung dichtmachten, damit der Konvoi reibungslos und unfallfrei durchrollen konnte. Die deutsche und vor allem die belgische Polizei zeigten dafür Verständnis. Bis kurz vor Brüssel, dann zogen die Schlepper begleitet durch die belgische Polizei auf die Autobahn, blockierten drei oder auch alle vier Fahrbahnen. Der Verkehr kam gänzlich zum Erliegen, sowohl auf der Autobahn als auch in der Innenstadt von Brüssel. Nichts ging mehr.

Herzlicher Empfang

Die Schlepper machten alle Straßen um das Regierungsviertel dicht, stellten die Motoren ab, sperrten ihre Schlepper zu und gingen zu Fuß weiter bis zum Place du Luxembourg, wo das EMB ein Zelt aufgebaut hatte und die Großdemo begann. Herzlich wurden sie empfangen von den wartenden Milchbauern und Bäuerinnen, die bereits mit Bussen angereist waren. Der Vorsitzende des EMB, Romuald Schaber, begrüßte die Fahrer und bedankte sich im Namen aller Milchbauern von Europa für die bemerkenswerte Reise nach Brüssel. Die verantwortlichen Vertreter aus vielen europäischen Staaten machten auf die miserable Lage ihrer Milchbauern in Grußworten an die Teilnehmer eindrucksvoll aufmerksam. Dann folgten spektakuläre und spontane Abläufe und füllten den späten Nachmittag. Die belgischen Teilnehmer fuhren mit einem 30000-Liter-Milchlaster vollgetankt mit Milch vor und spritzten mit einer mitgebrachten Feuerwehrspritze den gesamten Inhalt des Lasters an die Fassade des EU-Parlamentes. Die anwesenden Milchbauern und Bäuerinnen waren genauso überrascht von der Aktion wie auch die Personen im Gebäude als auch die Passanten auf der Straße. Die Milch spritzte aus den Feuerwehrstrahlrohren und floss in Strömen an der Glasfassade herab. Wo ein Fenster offen stand oder ein Tor nicht geschlossen war, wurde hineingespritzt. Lautstark wurden die Akteure von den anwesenden Teilnehmern unterstützt und angefeuert. Danach entzündeten die belgischen Jungbauern einen auf einem Wagen aufgeschichteten und bis dahin schön getarnten Holzstoß. Das Feuer loderte bis zu zehn Meter hoch auf dem Place du Luxembourg.

Die Milchbauern forderten mit dieser groß angelegten Demonstration zum wiederholten Mal von der EU, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine geregelte Milchmarktordnung zulassen. Das Milchaufkommen oder Milchangebot müsse sich der entsprechenden Nachfrage am Markt flexibel anpassen können. Der BDM und das EMB fordern von der Politik eine Monitoringstelle einzurichten, die in zeitlich begrenzten Abständen die Lage am Milchmarkt analysiert um auf Veränderungen schnell reagieren zu können.

Mit 14 weiteren Milcherzeugerverbänden aus ganz Europa im EMB organisiert, setzt sich der Bund Deutscher Milchviehhalter BDM als einziger Verband in Deutschland ausschließlich für die Belange der Milcherzeuger ein. Die Großdemonstration in Brüssel sollte in erster Linie den europäischen Agrarpolitikern klarmachen, wie wichtig ein regulierter Milchmarkt in Europa ist. Ohne eine sinnvolle Milchmarktordnung mit einer flexibel gesteuerten Milchproduktion entsprechend der Nachfrage wird es niemals einen für die Milcherzeuger kostendeckenden Milchpreis geben.

Rund 900 Schlepper

In Brüssel tagten am Montag und Dienstag das Europäische Parlament und der EU-Ministerrat und befassten sich mit der Reform der Agrarmarktordnung über das Jahr 2015 hinaus (die NN berichteten). Dabei suchten die Verantwortlichen des EMB wieder einmal das Gespräch mit den Parlamentariern, um ihre Forderungen bezüglich einer Milchmarktreform an der richtigen Adresse anzubringen.

Annähernd 3000 Milchbauern mit rund 900 Schleppern waren an diesen zwei Tagen vor dem EU-Parlament präsent. Auch aus der gesamten Oberpfalz und Oberfranken sind drei vollbesetzte Busse und insbesondere aus dem Raum Pegnitz/Auerbach waren fünf Schlepper und etwa 30 Milchbauern und -bäuerinnen im Bus nach Brüssel gereist, um zu demonstrieren. 

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