Sonntag, 08.12.2019

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Über Jahre hautnah die deutsch-deutsche Grenze erlebt

Eva und Heinz-Dieter Kaufholz blicken zurück: Er war Zöllner, seine Frau kam mit zehn Jahren von Halle in den Westen - 03.10.2015 04:25 Uhr

Eva Kaufholz (77) und ihr Mann Heinz-Dieter (80) zeigen mit dem „Sachsenross“, wo sie herkommen. Heinz-Dieter Kaufholz stammt aus Northeim. © Foto: Knauber


Dann öffnete sich diese Grenze wieder. Kaufholz war inzwischen in Helmstedt eingesetzt, östlich von Braunschweig, wo sich die sowjetische und die britische Zone berührten. Dort war er einmal nach einem Privatbesuch „drüben“ auf dem Rückweg von DDR-Grenzern erkannt worden. Sie grüßten ihn überraschend: „Guten Morgen, Herr Kollege!“ So genau hatten sie ihn von ihrem Wachtturm herab fotografiert.

Das ist jetzt mehr als 25 Jahre her. Diese 25 Jahre sind auch für seine Frau Eva besondere Jahre, weil sie in Halle aufwuchs, 1948 mit zehn Jahren mit Mutter und Schwester aussiedelte („wir sind nicht geflüchtet, wir haben uns ganz normal abgemeldet“) und deshalb zu beiden „Deutschland“ eine Beziehung hat.

Wie sind heute ihre Gefühle im Blick auf die Wiedervereinigung? „Das wechselt manchmal“, sagt sie, „aber im Großen und Ganzen ist es doch schön, dass Deutschland wieder vereint ist.“ Sie machte kaum schlechte Erfahrungen. Zu diesen zählt sie folgendes Erlebnis: Sie war zu ihrer Schwester nach Amerika eingeladen, die einen US-Bürger geheiratet hatte, und traf in Californien auf frühere DDR-Bürger, die sich laut unterhielten. Dabei fiel der Satz: „In Florida hat es mir aber besser gefallen als hier.“ Eva Kaufholz empfand das als überheblich. Auch fragte sie sich, woher diese Urlauber das Geld für solch eine große Reise hatte, unmittelbar nach der Grenzöffnung. „Wir mussten uns das alles ersparen, erarbeiten. Das ist mir ein bisschen aufgestoßen. Aber ansonsten bin ich bei der Wiedervereinigung voll und ganz dabei.“

Doch das Ehepaar nutzte die plötzliche Chance, ab 1990 viel von der früheren DDR sehen zu können, wenig. Es war bisher nur in Dresden, Halle und Quedlinburg — „mehr nicht“.

Dafür lernten beide Bayern kennen, weil plötzlich ein Anruf vom Schwiegersohn kam, der bei Cherry in Auerbach arbeitete, ob sie nicht herziehen wollen. „Meine erste Reaktion war“, erinnert sich Eva Kaufholz: „Oh Gott, nach Bayern, wo alles katholisch ist, und wir als Evangelische... aber wir haben uns gut eingelebt.“

Das abgelegene Dörfchen Zogenreuth hinderte sie nicht daran, zwölf Jahre lang als Kirchenvorsteherin in der evangelischen Pfarrei von Auerbach mit ihren 900 Seelen zu wirken. Momentan ist sie noch Schriftführerin bei der Verkehrswacht. Und geht begeistert zum Tanzen. Und schätzt es sehr, dass ihr Enkel mit im Haus wohnt: „Da haben wir ein bisschen Jugend dabei...“

THOMAS KNAUBER

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