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Unvergessen: Vor 20 Jahren starb Kletterlegende Güllich

Wenn es schwierig wurde, ließ Sylvester Stallone sein Double aus Obertrubach klettern - 31.08.2012 11:30 Uhr

Mimte im Hollywood-Streifen „Cliffhanger“ einen furchtlosen Freikletterer: Für die schwierigen Szenen an den steilen Felswänden holte sich Sylvester Stallone jedoch Hilfe von Wolfgang Güllich. © Filmverleih


Als ihn der Anruf mit der Nachricht vom Tod seines Freundes erreicht, ist Norbert Bätz gerade Klettern in der Fränkischen Schweiz – dort, wo er acht Jahre lang mit Wolfgang Güllich verbracht hatte. Kein falscher Tritt, kein Absturz reißt den damals 31-Jährigen aus dem Leben – sondern ein Autounfall.

„Wir haben unser Kletterleben gemeinsam verbracht“, erinnert sich der Nürnberger Bätz. Von 1984 bis 1992 lebt er mit Güllich und einer weiteren Bergsteiger-Legende, dem vor zwei Jahren verunglückten Kurt Albert, in einer Wohngemeinschaft in Oberschöllenbach. Von dort aus gehen sie in die Fränkische Schweiz klettern, vor allem Obertrubach wird zum Zentrum der Kletterszene. 1991 gelingt Güllich die Erstbegehung einer Route am Waldkopf, die er daraufhin „Action Directe“ tauft: Es ist zu diesem Zeitpunkt die erste Kletterroute mit dem Schwierigkeitsgrad XI – weltweit.

Auch Norbert Bätz begleitet Güllich auf vielen seiner Erstbegehungen, zusammen klettern sie in Patagonien und den Vereinigten Staaten. „Vom Wesen her war er bescheiden und zurückhaltend, ein äußerst sympathischer, netter Mann“, so Bätz. „Wenn es zur Sache ging, war Wolfgang aber auch sehr bestimmend.“ Sobald er ein Ziel vor Augen hatte, schreibt die Zeitschrift Alpin, „umgab er sich mit einer Aureole aus unbändiger Kraft“. Er habe, so heißt es weiter, die Größe des Sportlers mit der Größe der Persönlichkeit vereint.

„Ein äußerst sympathischer Mann“: Wolfgang Güllich. © NN-Archiv


Offenbar wird Güllichs Talent bereits in jungen Jahren. 1960 wird er in Ludwigshafen geboren, seine ersten Kletterversuche unternimmt er mit 13 Jahren mit seinem Vater im Rotsandstein der Südpfalz. Bald schon klettert Güllich den lokalen Idolen hinterher – bis diese schließlich ihm hinterherklettern.

„Er war immer der Erste, der überall den Schwierigkeitsgrad noch weiter nach oben gepusht hat“, erinnert sich Bätz. Das Besondere: Güllich ist Freikletterer, besteigt also selbst die steilsten Felswände ohne Hilfsmittel, nur gesichert mit einem Seil.

Weltweite Berühmtheit erreicht Güllich bereits 1986, als er die Route „Separate Reality“ im Yosemite-Nationalpark durchsteigt. Mit dabei: der Nürnberger Stefan Koch. Der Kletterer besucht Güllich und Albert regelmäßig in ihrer WG, geht auf Tour mit ihnen. „Sie waren meine Heroes“, sagt Koch heute. Noch immer erinnert er sich, wie sich Albert und Güllich langsam an die Route „Separate Reality“ herantasten, erst mit Hilfsmitteln, dann ohne – 250 Meter über dem Boden.

Tod ist immer gegenwärtig

Jahr für Jahr legt Güllich die Latte weiter nach oben. 1988 bezwingt er mit Kurt Albert im Himalaya die Granitwand des „Nameless Towers“. Der Tod ist immer gegenwärtig. Nur „lebensmüde“, dieses Attribut will Wolfgang Güllich nicht gelten lassen. „In keiner anderen Lebenssituation bist du so lebenshungrig, lebst und empfindest du so intensiv, kämpfst und verteidigst dein Leben so hartnäckig“, sagt er einmal. Auch privat läuft es in dieser Zeit gut – 1990 lernt er seine spätere Frau Anette kennen, die er 1991 heiratet.

Dann klopft Hollywood an. Sylvester Stallone soll in der 65-Millionen-Dollar-Produktion „Cliffhanger – Nur die Starken überleben“ einen Freeclimber spielen, als Double für die Kletterszenen an den steilen Felswänden engagiert die Produktionsfirma Wolfgang Güllich. Gedreht wird in den Dolomiten, wenn die Geschichte auch in den Rocky Mountains spielt.

„Die meisten Kletterer leben von der Hand in den Mund, er war einer der wenigen, die damit Geld verdienten“, sagt Weggefährte Stefan Koch. Er besucht Güllich bei den Dreharbeiten – und erlebt einen „zwiegespaltenen“ Mann. Die Stunteinlagen machen Güllich zwar Spaß, dennoch sehnt er sich bereits danach, im Herbst mit Albert und Koch in den USA klettern zu gehen – ganz ohne Drehbuchvorgaben.

Die Dreharbeiten enden am 19. August 1992. Eineinhalb Wochen später ist Wolfgang Güllich tot. Auf dem Weg zu einem Interview in München kommt er mit seinem Auto auf der A9 von der Fahrbahn ab und verunglückt. Zwei Tage später, am 31. August 1992, stirbt er auf der Intensivstation. Die Filmpremiere von „Cliffhanger“ erlebt er nicht.

„Die Panik war groß“, erinnert sich Stefan Koch. Er weilt bereits in Salt Lake City, als ihn die Todesnachricht erreicht. Koch und Kurt Albert – der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls in den USA ist – brechen ihren Urlaub ab, beerdigen in Obertrubach gemeinsam ihren alten Freund. In dem kleinen Ort erinnert noch heute, 20 Jahre nach Güllichs Tod, vieles an den weltbekannten Kletterer. Eine Tafel im vergangenes Jahr errichteten Kletterinformationszentrum ehrt den Bergsteiger. Sein Grab ist noch immer Wallfahrtsstätte für Kletterer aus aller Welt.

Auch am Samstag kommen Güllichs Weggefährten wieder in Obertrubach zusammen. Sie erinnern an einen Freund, der nicht mehr da, aber unvergessen ist.

Güllichs Weggefährten kommen am Samstag um 16 Uhr auf dem Zeltplatz in Untertrubach zusammen. Um 18 Uhr findet ein Gedenkgottesdienst mit anschließendem Grabbesuch statt. 

VON MANUEL KUGLER

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