14°

Donnerstag, 04.06.2020

|

Vier Freunde starben: Gänsehüten rettete Buben das Leben

Der frühere Mesner Ambros Käfferlein erinnert sich an ein grausiges Unglück vor 75 Jahren - 12.05.2020 19:23 Uhr

Traurige Erinnerungsarbeit: Unser Bild zeigt Georg Schmitt, dem das Waldstück gehört, auf dem vor 75 Jahren das Explosions-Unglück geschah. © Foto: Rosi Thiem


Sprengkörper zerrissen die jungen Körper der Klassenkameraden in einem Waldstück bei Haßlach. Was war geschehen? Hans und Otto Hölzel, Konrad Deinhardt und Georg Hesel, alle im Alter zwischen 10 und 15 Jahren, wurden gesehen, wie sie an diesem Tag das Dorf Rackersberg Richtung Haßlach verließen. "Ich war auch mit auf dem Weg und wollte mitgehen", erzählt Ambros Käfferlein, der damals der Jüngste der Gruppe mit seinen sieben Jahren war.

"Meine Mutter Barbara Käfferlein war streng und rief mich zurück: Du bleibst bei den Gänsen! An diesem Tag durfte ich nicht mit. Meine Gänse haben mir das Leben gerettet, kann ich jetzt im Nachhinein sagen", skizziert der heute 82-Jährige auf, der nicht auf ein Bild möchte.

Suchaktion der Dorfbewohner

An jenem Tag musste Käfferlein auf 50 Gänse aufpassen, wie oft schon vorher auch, damit sie auf dem Weg und den Wiesen blieben und nicht in die Getreidefelder gingen, um Schaden anzurichten. Als am Abend um 19 Uhr die Kinder trotz Sperrstunde nicht nach Hause kamen, machten sich die Familien besorgt auf die Suche. "Alle Rackersberger haben mit den Eltern gesucht."

Auch in den umliegenden Dörfern wurde gefragt und gesucht. Damals waren die Amerikaner schon da. In den letzten Tagen vor Kriegsende entledigten sich auch viele deutsche Soldaten in den Wäldern ihrer Kleidung. "Es wurde erzählt, dass die Suche in der Nacht abgebrochen werden musste", weiß Georg Schmitt. Der 69-Jährige kennt das Unglück von den Erzählungen seiner Eltern. Am nächsten Morgen ging die Suche weiter.

Schließlich fand der Vater von Otto und Hans, Konrad Hölzel, die vier Buben tot im Wald und grausig zugerichtet. Das Waldstück gehört heute Georg Schmitt und früher seinen Eltern. "Es wurde erzählt, dass zwei der Buben etwas entfernt lagen. Sie wollten vielleicht noch heimlaufen. Doch sie sind verblutet. Die Jungen sollen fürchterlich zugerichtet gewesen sein", sagt Schmitt traurig. Sein Wissen kommt von den Erzählungen der Eltern und den älteren Dorfbewohnern.

"Es war damals eine Mordsaufregung. Johann Schmitt, genannt Stoffel hat die toten Buben mit seinen Gäulen und dem Wagen nach Rackersberg heimgefahren, das erzählten meine Eltern", fügt er hinzu.

Ambros Käfferlein, damals der kleine siebenjährige Bub, erinnert sich noch, wie die Särge vom Dorf "hinaus gebetet" wurden. Diese Erinnerung ist ihm ein Leben lang geblieben. Beerdigt wurden alle vier zusammen in einem Grab auf dem Friedhof in Pottenstein. Der Stadtpfarrer Zwosta und der Religionslehrer der Kinder sollen die Totenmesse gehalten haben.

Aus allen Dörfern ringsumher kamen die trauernden Menschen. "Es war für alle ein Schock", wiederholt der Zeitzeuge Käfferlein. Die Kinder seien vor dem Unglück wie ganz normale Jungen in dem Alter in die Schule nach Tüchersfeld gegangen.

"Wir haben zusammen, wie andere Dorfbuben auch, - sollten wir mal frei bekamen und nicht arbeiten müssen, gespielt und Stecken geschnitzt", erinnert er sich. "Wir waren lebensfrohe und lustige Jungs, wie alle anderen auch", fügt er hinzu.

Wie das Unglück geschah, weiß niemand. Details bleiben rätselhaft. So wird vermutet, dass die Jungen die Munition und die Granatenblindgänger fanden und damit eventuell montierten oder dass diese einfach explodierten. Durch eine Explosion der Sprengkörper kam es dann zu der schrecklichen Tragödie.

Der Unglücksort nennt sich oberer Brand. "Damals waren es noch Büsche, heute sind es Stämme", zeigt Georg Schmitt auf das Waldstück. Ein Gedenkkreuz, und eine Bronzetafel, angebracht von den Angehörigen, erinnern seit Jahrzehnten an die Buben. Eine Schmiedeeiseneinfassung, die viele Jahre schmückte, wurde aus Altersgründen entfernt.

Grablichter für Allerheiligen

"Wir zünden hier immer wieder ein elektronisches Grablicht an und schauen nach. Vor allem an Allerheiligen. Und oft denke ich", sagt der Gastwirt Schmitt, der bis vor kurzem Stadtrat war, "die armen Kerle mussten so unglücklich um ihr kurzes und junges Leben kommen."

Auch heute noch denkt der Pottensteiner Pensionär Ambros Käfferlein, der 30 Jahre Mesner in der Pfarrei Allerheiligen in Nürnberg war, an seine Freunde. "Über die Jahrzehnte dachte ich, wenn ich am Grab vorbei ging, das ist jetzt schon zehn Jahre her, zwanzig Jahre her, 30 Jahre her - nun sind es 75 Jahre, die Erinnerung wird bleiben", sagt er etwas wehmütig, wenn er an seine Dorffreunde von einst denkt. "Mein Glück war meine Mutter und meine Gänse."

ROSI THIEM

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Rackersberg