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Samstag, 10.04.2021

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Virtuelles Humorspektakel: Künstler in der Region wollen sich selbst helfen

Der Betzensteiner Alexander Göttlicher geht zusammen mit Oliver Tissot "auf Tour" - 30.03.2021 17:06 Uhr

Mit Witz und Humor – so kennt man den Musikcomedian Alexander Göttlicher. Hier bei der Eröffnungs-Prunksitzung des Rother Carnevals-Vereins im Jahr 2016.

30.03.2021 © Foto: Archiv/Josef Sturm


Die Künstlerbranche leidet mit am stärksten unter der seit über einem Jahr durch das Land und die Region wütenden Pandemie. Um den Nürnberger Comedian Oliver Tissot hat sich deshalb eine Gruppe gebildet, die sich selbst helfen will. Anfang April wird das von Tissot ausgerichtete Humorspektakel Franken ausgestrahlt – das virtuell Eintritt kostet. Das Geld soll den Künstlern zugute kommen. Einer von ihnen ist der Betzensteiner Alexander Göttlicher.

Schritt in die Normalität

Es wird anders sein, wie so vieles derzeit. Doch das Humorspektakel Franken ist für Alexander Göttlicher ein Schritt zurück in die Normalität, wie er sagt. "Uns", sagt Göttlicher, und meint damit sich und seine Künstlerkollegen, "ist alles weggebrochen. Wir haben keine Auftritts- und Vertriebsmöglichkeiten." Und, das trifft Göttlicher am härtesten: keine Perspektiven. Während britische Künstler bereits für den Sommer wieder mit Touren zumindest im eigenen Land planen können, fehlt es hierzulande an der Planbarkeit für die Branche.

Keine Applaus, kein Gelächter, kein Publikum

Normal wird die Veranstaltung, die unter der Regie des Nürnbergers Oliver Tissot ins Leben gerufen und am vergangenen Wochenende aufgezeichnet wurde, allerdings wohl nur zur Hälfte angeboten: Am 3. und 4. April sollen jeweils zwei Stunden Programm erstausgestrahlt werden. Wer die 25 Euro für 22 Künstler zahlt, kann das Humorspektakel noch einen Monat lang nach Belieben streamen. Es gibt die Künstler, wer kommt, zahlt Eintritt – doch was fehlt, ist das Wichtigste, sagt Alexander Göttlicher: der Applaus, das Gelächter. Die Zuschauer.

Dass es so weit kommen könnte, das sei auch für ihn, einen Veteranen des Genres seit 25 Jahren, nicht absehbar gewesen. Seit über einem Jahr sind digitale Wege wie das Humorspektakel der einzige Ort, an dem Göttlicher seine Kreativität vor Publikum – oder dem, was davon online bleibt – ausleben kann. Ein Zustand, der ihn nicht nur wegen der Distanz zum Publikum stört. "An unseren Auftritten hängt ein ganzer Rattenschwanz, die Gastronomen zum Beispiel. Die haben von Online-Auftritten auch nichts."

Doch auch die Künstler täten sich schwer, die Pandemie finanziell zu überstehen. Die Novemberhilfen der Bundesregierung, in Göttlichers Fall 253 Euro monatlich, seien erst Monate später, im Februar, angekommen. "Es ist lächerlich", sagt der Comedian, dem selber allerdings schon lange nicht mehr zum Lachen zumute ist.

Die Aufnahmen am vergangenen Wochenende seien eine willkommene Abwechslung gewesen, sagt Göttlicher, so sehr er das Lachen des Publikums auch vermisst habe. "Jeder von uns hat rund eine Viertelstunde seines Programms abgespielt, einige mit den Klassikern, andere haben sich extra für diese Situation etwas ausgedacht." Er selbst habe drei Lieder seiner aktuellen CD gespielt, eines davon berichtet von seiner Jugend.

Das Soziale fehlt

"Ich finde es schlimm, was gerade mit Kindern gemacht wird. Sie können nicht in die Schule, da fehlt das Soziale", sagt Göttlicher. Er versuche trotz allem, Humor in die Gesellschaft zu tragen. "Das kann die Menschen zusammenbringen, so schwierig die Situation auch ist."

Der Ernst der Lage spiegele sich in seiner Arbeit wider. "Meine Beiträge waren noch nie ernster als jetzt. Ich glaube aber, dass das Publikum das honoriert. Die wenigsten wollen gerade mit Fastnachtswitzen unterhalten werden", sagt Göttlicher. Sein kreativer Prozess mache einen hemmungsloseren Humor unmöglich. "Der kommt ja schon kaum zustande. Man bekommt Corona nicht aus dem Kopf."

Die Produktion sei nach allen Hygienestandards gelaufen: Tests, Abstände, Masken. "Da ist nichts schiefgelaufen, dafür lege ich die Hand ins Feuer."

Es soll der Beitrag der Künstlerszene in Franken zu ein wenig mehr Normalität sein, und doch ist es spürbar anders, auch für Göttlicher selbst, der spürbar fremdelt mit dem digitalen Format. Inzwischen hat er sich einen anderen kreativen und finanziellen Ausgleich gesucht: Alexander Göttlicher hat den Drohnen-Führerschein absolviert und dreht Videos und Imagefilme für eine Werbeagentur.

JULIAN SEIFERTH

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