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Von der Bankerin zur Landwirtin: Weidenseeserin tauschte Büro gegen Stall

Birgit Weidinger hat umgesattelt. Die Ex-Bankerin führt mit ihrem Mann einen hochmodernen Bauernhof. - 28.07.2020 17:17 Uhr

Birgit Weidinger hat ihren früheren Büroalltag gegen die Landwirtschaft eingetauscht. Die Liebe und die Reize des ländlichen Lebens haben sie – hier mit ihrem Sohn Franz (7) – in ihrem Vorhaben bestärkt.

28.07.2020 © Foto: Elmar Schatz


Warum tauscht eine junge Kauffrau ihr piekfeines Büro mit dem Kuhstall? Für Birgit Weidinger in Weidensees war ein Bauernhof kein Neuland, doch bevor sie sich in ihren Mann Andreas verliebte, hatte die 40-Jährige zunächst einen Weg weitab von der Landwirtschaft eingeschlagen. Inzwischen passt für sie alles: Mann, zwei muntere Buben und ein harmonisches Zusammenleben mit den Schwiegereltern auf einem stattlichen, modernen Hof.

Sie stammt aus einem kleinen Nachbarort, dort war sie als Kind schon gerne im Kuhstall. Ihren Mann kennt sie von klein auf; sie fahren gemeinsam im Schulbus; es passiert allerdings lange nichts. Birgit wird Bankkauffrau. "Es ging mir darum, schnellstens einen Beruf zu erlernen und finanziell auf eigenen Füßen zu stehen." Wichtig ist ihr aber da schon, viel mit Menschen zu tun zu haben. Sie bleibt beruflich nicht stehen, sondern wechselt mehrmals den Arbeitsplatz, arbeitet im Verkauf des Pumpenherstellers KSB, bewährt sich im Personalbüro eines bedeutenden Unternehmens und qualifiziert sich weiter zur Fremdsprachenkauffrau. "Ich bin so bunt in meinen Interessen."

Sie kommt gut klar im kühlen Geschäftsalltag, dennoch locken sie die Reize des ländlichen Lebens. Sie begegnet Andreas wieder und ihre Beziehung wird enger. Ja, sie kann es sich gut vorstellen, auf diesem großen Hof zu leben. Es bereitet ihr Freude, mitzuarbeiten, abends nach der Arbeit im Büro. Sie sattelt allmählich um, absolviert ein Semester Hauswirtschaft mit den Fächern Ernährung und Haushaltsführung. Sie heiratet, und steht nun schon lange ihre Frau in dem landwirtschaftlichen Unternehmen mit 320 Tieren, darunter 150 Milchkühe, sowie 200 Hektar Ackerland.

Die Aufgaben sind klar verteilt. Birgit hat von ihrem Schwiegervater die Buchführung übernommen und auf leistungsfähige Agrar-Computerprogramme umgestellt. Genauso engagiert arbeitet sie aber auch im Stall. Aufs Feld muss sie nicht; die riesigen Traktoren und die anderen Maschinen sind die Arbeitsgeräte der Männer. Der Hof beschäftigt einen Vollzeit- Mitarbeiter, der zwar gelernter Schreiner ist, aber mehr noch leidenschaftlicher Landarbeiter. Zudem gehören ein Auszubildender sowie eine Melkerin auf 400-Euro-Basis zur Belegschaft. Der 71-jährige Schwiegervater ist noch voll dabei und eine wichtige Kraft. Die 70-jährige Schwiegermutter packt mit an, kocht das Essen und ist vor allem für die beiden Enkel da, den zehnjährigen Jakob und den siebenjährigen Franz.

Urlaub dank Schwiegereltern

Urlaub ist heute für Bauern kein Fremdwort mehr. So verreist die Familie Weidinger – meist spontan – für einige Tage im Jahr. "Dank der mitarbeitenden Schwiegereltern ist das möglich", sagt Birgit Weidinger. "Es ist notwendig, zwischendurch einmal den Kopf freizubekommen, auszuschlafen und etwas anderes zu sehen." Unterwegs schauen sie sich gerne mal andere landwirtschaftliche Betriebe an. Wie arbeiten die? Die 40-Jährige meint, Geduld und Verständnis müsse eine Frau schon aufbringen, wenn der Mann und die Buben zum wiederholten Male begeistert die Attraktionen eines großen Allgäuer Bulldog-Herstellers besichtigen wollen. Für junge Frauen ohne Interesse an der Landwirtschaft wäre das schwierig.

"Ein gutes Stück Bayern"

Der Weidinger-Hof belege eine Nische zwischen konventioneller und Bio-Landwirtschaft. Die Milch werde für das Label "Ein gutes Stück Bayern" an die Bechtel-Privatmolkerei geliefert, die Joghurt, Quark, Butter und Milch an Lidl verkaufe. Dafür wird den Bauern für die Milch ein etwas besserer Preis gezahlt. Das Tierwohl liege ihr sehr am Herzen, so Birgit Weidinger. "Tieren, denen es schlecht geht, geben nicht gut Milch, dann geht es uns auch schlecht", sagt sie.

Weidinger wünscht sich aufgeschlossene Verbraucher. "Kritiker lassen uns gar nicht zu Wort kommen", schildert sie eine Diskussion in der Münchner Fußgängerzone mit unverrückbaren Meinungen.

Doch hier draußen in der Fränkischen Schweiz scheint die Welt unter weiß-blauem Sommerhimmel friedlich zu sein. Der Hofbesitzer, der unsichtbar geblieben war, während seine Frau den Reporter auf dem weitläufigen Hof herumführte, stößt dann doch dazu. Auch sein Vater kommt mit dem Motorroller herbei und plaudert ein wenig. Der Blick fällt auf die Kühe im luftigen Offenstall, die auf die Weide hinauslaufen können. Augenzwinkernd erzählt Birgit Weidinger, als sie und ihr Mann sich nähergekommen seien, "hat er gemeint, er braucht bloß eine Frau, die sein Büro macht". Aber das scheint nicht ganz ernst gemeint gewesen zu sein; denn ihr Mann beklagt die mächtig wachsende Bürokratie, die auch er zu bewältigen hat. "So viel Papier, so viele Ordner", sagt sie.

ELMAR SCHATZ

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