Sonntag, 05.04.2020

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Vor 50 Jahren fiel das Auerbacher Stadtschreiberhaus

Historisches Rathaus war trotz Denkmalschutz nicht zu retten - Streit zwischen Stadt und Pfarrer - 26.02.2020 22:44 Uhr

Das kürzlich erst renovierte historische Rathaus in Auerbach hatte einen Vorgänger. In unmittelbarer Nähe der Stadtpfarrkirche errichtet, sorgte das Gebäude im Lauf der Jahrhunderte für einen erbitterten Streit zwischen Kirche und Kommune. Dieser konnte zwar wieder beigelegt werden, doch 1970 war das spätere Stadtschreiberhaus so baufällig, dass es trotz Denkmalschutz abgerissen werden musste, stellte es doch eine zunehmende Gefahr für den verkehrsreichen Bereich rund um den Marktplatz dar. Vor genau 50 Jahren fiel es deshalb der Spitzhacke zum Opfer. Foto: NN-Bildarchiv


Die Geschichte des ältesten Rathauses der Stadt ist mit der gesamten Entwicklung Auerbachs aufs Engste verbunden. Kern des alten Siedlungsgebietes war der Kirchenplan, ein allseitig ansteigender Hügel, um den sich bereits die älteste Kaufmannssiedlung von 1119 anschloss. Dieser Gotteshausbezirk, die "terra sancta" Auerbachs, hatte sich durch zwei Jahrhunderte derart als beherrschender Mittelpunkt des Ortes in der Gedankenwelt der Marktbürger verwurzelt, dass auch die neu errungenen Freiheiten der Stadtrechte durch den Bau eines Rathauses von dieser Stelle aus sichtbar werden sollten.

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Vor 50 Jahren wurde altes Auerbacher Rathaus abgerissen

Das kürzlich erst renovierte historische Rathaus in Auerbach hatte einen Vorgänger. In unmittelbarer Nähe der Stadtpfarrkirche errichtet, sorgte das Gebäude im Lauf der Jahrhunderte für einen erbitterten Streit zwischen Kirche und Kommune. Dieser konnte zwar wieder beigelegt werden, doch 1970 war das spätere Stadtschreiberhaus so baufällig, dass es trotz Denkmalschutz abgerissen werden musste, stellte es doch eine zunehmende Gefahr für den verkehrsreichen Bereich rund um den Marktplatz dar. Vor genau 50 Jahren fiel es deshalb der Spitzhacke zum Opfer. Fotos: NN-Bildarchiv


Keiner fand es anstößig

Das waren wohl die tieferen Beweggründe, die zur Errichtung des alten Rathauses am Rande des Kirchenhügels führten. Dass bei Errichtung des Gebäudes ein Streifen des Kirchenvorplatzes genutzt wurde, fand man zunächst nirgendwo anstößig. Sogar der Pfarrherr Hermann von Herttenstain, der zur Zeit der Stadterhebung und Erbauung des alten Rathauses hier als "pastor ecclesiae Aurbacensis" residierte, hatte anscheinend der Wahl des Bauplatzes für das neue Rathaus zugestimmt.

Weder von ihm noch von seinen drei priesterlichen Nachfolgern ist ein Protest gegen einen Bau am Rande des Kirchenplanes bekannt geworden. Zu jener Zeit war eben alles eine geschlossene Einheit: Gotteshaus, Pfarrhaus, Rathaus und – zugehörig zu diesem Bezirk – auch das Lateinschulhaus, das ebenfalls den Kirchenplan flankierte.

Ein streitbarer Herr

Dieses Zusammenwirken der kirchlichen und kommunalen Verwaltung wurde in verschiedenen Tatsachen sichtbar, fiel doch in die Zeit des Rathausbaues auch die Errichtung der ersten steinernen Stadtpfarrkirche. Erst am Anfang des 15. Jahrhunderts wurde dieses friedliche Zusammenwirken empfindlich gestört. Zu dieser Zeit amtierte am hiesigen Gotteshaus der Pfarrer Konrad Dyemar. Dieser Geistliche, ein streitbarer Herr, stellte eine ganze Reihe von Übergriffen der Stadt zusammen, die nach seiner Meinung die pfarrherrlichen Rechte und Besitztümer beschnitten, und übergab diese Klageschrift direkt dem Landesherrn, Pfalzgraf Johann von Neumarkt (1410 – 1443).

Folgenschwerer Schiedsspruch

Im Mittelpunkt aller Angriffe gegen die Stadt stand die Erbauung des Rathauses auf dem Kirchenplan. Die Entscheidung des Landesherrn war bezeichnend: Neun der 13 Anklagen des Stadtpfarrers wurden zurückgewiesen, nur viermal erhielt Dyemar Recht. Der folgenschwerste Schiedsspruch traf die Stadt wegen des Rathauses auf dem Kirchanger. Dieser Schiedsspruch der höchsten Instanz war für die Stadt von außerordentlicher Bedeutung, brachte er doch der Bürgerschaft den völligen Verlust von Besitz und Eigentum an ihrem Rathaus auf dem Kirchenplan.

Gleichzeitig wurden durch den landesherrlichen Entscheid alle rechtlichen Beziehungen zwischen Pfarramt und Stadt für die nächste Zukunft geregelt. Um weitere "Stöß und Zweyung" zu verhüten, musste eine Verlegung der städtischen Verwaltung auf neutralen Boden erfolgen. So war im Schiedsspruch bereits die Bauerlaubnis zur Errichtung eines neuen Rathauses auf dem Marktplatz erwähnt. Die eigentliche Bauberechtigung wurde mit einem ledernen Brief aus dem Jahr 1418 erteilt, welcher noch heute unversehrt in der großen Urkundensammlung des Auerbacher Stadtarchivs verwahrt wird.

Nur 100 Jahre allerdings sollte die Pfarre im Besitz des alten Rathauses der Stadt bleiben. Als die Kirchenreform Luthers in Auerbach um 1537 durchgeführt wurde, bekam die Stadt großen Einfluss auf alle kirchlichen Verhältnisse. Auch Besitz und Vermögen der Pfarre wurden von Bürgermeister und Rat der Stadt verwaltet.

Besitzer stillschweigend gewechselt

Damals mag auch das alte Rathaus wieder stillschweigend in städtischen Besitz übergegangen sein. Jedenfalls wurde dieses Gebäude zwischen 1580 und 1630 von der Auerbacher Ratsversammlung dem damaligen Stadtschreiber Paulus Negelein als Wohnung und Amtsschreiberei übergeben. Seit dieser Zeit hieß das alte Rathaus "Stadtschreiberei", so eindrucksvoll war die Amtszeit des berühmten Stadtschreibers Negelein für die hiesige Bürgerschaft.

Von den vier unteren Hallen, in welchen im Mittelalter die Verkaufsstände der verschiedensten Gewerbe untergebracht waren, vergab die Stadt einen Raum ihrem jeweiligen Apotheker, der dort auch seine "Liberey" und "Giftkammer" untergebracht hatte. Nach Errichtung einer eigenen "Stadtapodekherey" wurden die ebenerdigen Hallen zu verschiedenen Zwecken benutzt, zuletzt als Stadtwaage und Materialienkammer. Die Wohnräume vermietete die Stadt anderweitig.

Im Dreißigjährigen Krieg hatte auch dieses Gebäude stark gelitten. In der Zeit der kirchlichen Gegenreform verzichtete man auf Rückführung in pfarrherrlichen Besitz. Damit blieb die Stadt Besitzer des alten Rathauses bis zum Jahr 1970, in dem die Zeit der Stadtschreiberei unweigerlich abgelaufen war. Das denkmalgeschützte Bauwerk wurde zur ständigen Gefahr für den verkehrsreichen Bezirk am Marktplatz.

Wie sehr der Verfall fortgeschritten war, zeigte sich beim Abbruch der Nebengebäude: Die Seitenwand neigte sich bereits bedrohlich zur Dr.-Heinrich-Stromer-Straße hin. So blieb vor genau 50 Jahren nichts anderes übrig, als ein altes, vertrautes Stadtbild auszulöschen. Wurde der neu entstandene Anblick im Auerbacher Stadtzentrum von vielen zunächst als farblos und fremd kritisiert, so hat man sich heute längst an das offenere Erscheinungsbild gewöhnt.

rr/ha

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