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Vor 50 Jahren herrschte in Langenreuth eklatante Wassernot

Kostbares Nass musste in Milchtanks von Zips aus angeliefert werden - Panzer beschädigten Behälter - 09.05.2020 12:22 Uhr

Vor 50 Jahren musste im Pegnitzer Ortsteil Langenreuth das Wasser noch mit Eimern aus einem Schacht geschöpft werden. © Felicitas Redweik


Zweimal in der Woche quält sich ein Schlepperfuhrwerk den steilen Weg von der Zipser Mühle hinauf nach Langenreuth. Jedesmal wird auf diese Weise in einem 3000 Liter fassenden Tank auf dem Anhänger das lebensnotwendige Wasser für die Ortsbewohner und ihr Vieh herbeigeschafft. Das geschieht schon seit Monaten inmitten der Zivilisation. Jetzt herrscht für Trinkwasserverhältnisse akuter Notstand.

In einem Wassertank musste das kostbare Nass von Zips herauftransportiert werden. Im Winter war dies auf der steilen und glatten Straße besonders schwierig. © Felicitas Redweik


Aut die begehrte Wasserleitung, die das Leben leichter macht, warten die Langenreuther eigentlich schon seit sechs Jahren. Bis heute vergebens. Das Gesamtprojekt der Zipser Wasserversorgung, das für die 587 Einwohner zählende Gemeinde mit den Ortschaften Schönfeld und Preunersfeld neben Langenreuth auf insgesamt 435.000 Mark veranschlagt worden war, rangierte in der Dringlichkeitsliste für Zuschüsse bei der bayerischen Staatsregierung in München lange am Tabellenende.

Im letzten Jahr rückte die Baumaßnähme wenigstens auf den 15. Platz vor. In diesem Jahr, so vermerkte der Lehrer der Gemeinde nach eingehender Erkundigung in München mit Freude, steht sie auf Platz sieben.

Der Eingang bewies den kritischen Zustand des Wasserbunkers. © Felicitas Redweik


Mit 70.000 Mark verschuldet

Bei den Ausbauarbeiten an der Bundesstraße 2 nahe der Zipser Mühle ergab sich vor einiger Zeit die einmalige Chance, gleich einen Teil der Rohrleitung für den Anschluss von Langenreuth an die bereits provisorisch betriebene Wasserleitung von Zips zu verlegen. Dafür musste die steuerschwache Gemeinde im Vergriff auf die ausstehende Gesamtmaßnahme 30.000 Mark aufbringen. Bis heute ist die Gemeinde, um das Projekt aus eigener Kraft voranzutreiben, mit rund 70.000 Mark verschuldet. Aber das hat die Oberste Baubehörde in München wenig beeindruckt.

Die Bäuerinnen mussten in ihren Küchen minutenlang die Flügelpumpen schwenken, bis der erste Tropfen rann. © Felicitas Redweik


Die Langenreuther helfen sich auch weiterhin so gut es geht. Weil wegen der früheren Bergwerke in ihrer unmittelbaren Umgebung und in Folge ihrer Höhenlage der Grundwasserstand dort oben nicht nennenswert ist. müssen sie auch in Regenzeiten das Trinkwasser von Zips herauftransportieren. Das geschieht mit dem 3000 Liter fassenden Milchtank der Molkerei, der für die Wasserversorgung mit Billigung des Eigentümers zweckentfremdet wird: Da aber die Wegbeschaffenheit im Winter den Transport des vollen Tanks nicht erlaubte, konnte er jeweils nur mit 2000 Litern Wasser gefüllt werden. Dieses Gewicht zog der vorgespannte Traktor eben noch über die spiegelgiatte Bergstraße.

Oben im Dorf wird das keimfreie Trinkwasser in den alten unterirdischen Behälter umgefüllt, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift prangt: „Wasser nur im abgekochten Zustand verwendbar". Nachdem es in dem brüchigen Reservoir zwangsläufig mit Keimen durchsetzt worden ist, gelangt das Wasser durch veraltete Rohrleitungen schließlich in die Häuser zu den Verbrauchern.

Freilich ist dabei der Druck gleich Null. Die Bäuerinnen müssen in ihren Küchen minutenlang die Flügelpumpen schwenken, bis der erste Tropfen rinnt. Auch die übrigen Dorfbewohner, die über Motorpumpen verfügen, müssen so lange warten. Unter diesen Umständen moderne Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen oder gar ein Spülklosett anzuschließen, wäre vermessen. Im Hause zu baden ist somit ohnehin ein unerhörter Luxus.

Vorrat reicht nur für vier Tage

Der alte Wasserbunker, dessen Deckengewölbe bei der Durchfahrt amerikanisdier Panzer vor Jahren eingebrochen war und inzwischen durch eine Betondecke ersetzt worden ist. fasst sechs bis acht Kubikmeter. Das bedeutet, dass das Wasserfuhrwerk für eine Füllung mindestens drei Mal hinunter nach Zips fahren muss.

Der Vorrat aus dem fragwürdigen Reservoir reicht den Ortsbewohnern gerade einmal drei bis vier Tage. Dann muss wieder gefahren werden. Wie lange das noch so weitergehen muss, weiß nur die Oberste Baubehörde in München. Die Dorfbewohner von Langenreuth sind sich jedenfalls bewusst, dass dieser Art ihrer Wasserversorgung Grenzen gesetzt sind.

Loyalerweise berechnen ihnen die Zipser vorläufig keine Wassergebühren, wenn sie zwei Mal pro Woche 4000 Liter aus ihrer Leitung zapfen. Das aber belastet die ganze Versorgungswirtschaft der Gemeinde, denn Wassergebühren sind nun einmal notwendig, um die aufgenommenen Vorschussdarlehen samt Zinsen fristgerecht tilgen zu können. Von den Zipser Anschlussgebühren und Kubikmeterpreisen allein ist das nicht möglich. Das Steueraufkommen ist minimal, zumal man auf Gewerbebetriebe und deren lukrative Abgaben verzichten muss.

Noch heikler aber erscheint das Problem bei der Überlegung, dass - der Himmel möge es verhüten - in Langenreuth ein Brand ausbrechen könnte. Die Feuerwehr könnte sich in diesem Fall nur auf Tanklöschfahrzeuge verlassen, die sie nicht hat. Der alte Trlnkwasserbunker wäre in wenigen Minuten leergepumpt.

So hoffen denn die Langenreuther, dass ihnen das angebrochene Jahr 1970 gutes Wasser in reichem Maße bescheren werde. Sie haben zur Genüge bewiesen, was Gemeinschaftssinn vermag. Jetzt ist die Oberste Baubehörde an der Reihe, den guten Willen zu beweisen. 

 

FELICITAS REDWEIK

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