Donnerstag, 13.05.2021

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Vor Gericht: Wer ist schuld am Treppensturz eines Babys?

Die angeklagte Mutter bringt einen bisher Unbekannten ins Spiel - 12.04.2021 17:50 Uhr

Wegen "Vernachlässigung" musste sich eine 39-Jährige vor Gericht verantworten.

27.07.2010 © colourbox.com


Sie waren mal Nachbarinnen und hatten sich angefreundet. Gemeinsame Grillabende aber endeten zuletzt im Desaster: "Sie trank zu viel, sie schnorrte." Die 29-jährige Hauptzeugin im Prozess gegen eine 39-jährige Frau aus dem südlichen Landkreis Bayreuth bekam am Ende ihrer Zeugenaussage ein Dankeschön von der Angeklagten: "Es war gut, dass sie die Polizei gerufen hat."

Der Vorfall, der am Montag bei Strafrichter Daniel Götz verhandelt wurde, liegt fast eineinhalb Jahre zurück: Die Hauptzeugin hörte Mitte Dezember 2019 ein Poltern im Treppenhaus. "Als ob jemand die Treppe runter gefallen ist." Sie und ihr Freund sprangen vom Abendbrottisch auf und fanden im Flur den sieben Monate alten Sohn ihrer Nachbarin von oben am Fuß der Treppe liegend. Der Bub blutete am Mund.

Die Nachbarin von oben kam die Treppe herunter, nahm ihr Kind hoch und ging wieder hinauf. "Sie hatte einen seltsamen Blick", sagte die Zeugin im Prozess. Das Schreien des Kindes nahm kein Ende in dem hellhörigen Mietshaus. Die Nachbarin von unten rief die Polizei – und ein Fall kam ins Rollen, der nicht nur Strafrichter Götz beschäftigen sollte.

Die Polizisten fanden auf den Notruf der Nachbarin eine verwahrloste Wohnung vor: schimmliges Essen in der Küche, eine alte Schweinehaxe im Ofen und das verletzte Kleinkind. Es hatte die Windeln voll. Die dazugehörige Mutter – neben sich.

Benzodiazephine, Alkohol und Männerbekanntschaften

Sowohl im Körper der Mutter als auch im Körper des Kleinkindes wurden Benzodiazepine gefunden – ein Schlafmittel, das als Droge durchgeht.

Die Frau wurde von einer Richterin im Bezirkskrankenhaus untergebracht – das Kleinkind kam in eine Pflegefamilie. "Vernachlässigung" lautet die Straftat, für die die 39-Jährige nun angeklagt war.

Im Prozess deutet sich an: Die vierfache Mutter ist irgendwann in ihrem Leben entgleist, trinkt zu viel Alkohol, hat Männerbekanntschaften. Drei ihrer Kinder sind in München in Obhut anderer Menschen, verheiratet ist die Angeklagte nicht.

Bis zum Prozess hat es einige Zeit gedauert, denn die Angeklagte musste im Bezirkskrankenhaus erst behandelt werden. Nun lässt sie ihren Verteidiger Gert Lowack vortragen: Vernachlässigung liege nicht vor, die 39-Jährige habe schlicht vergessen zuhause aufzuräumen, ehe sie damals für eine Woche zu einer Verwandten nach Kronach fuhr. Da sei es logisch, dass das vergessene Essen auf dem Teller angeschimmelt war.

Und zum Kernvorwurf der Anklage sagt die Angeklagte: An jenem Tag sei sie von einem Bekannten aus München abgeholt worden, den sie im Verdacht hat, er könne ihr die Benzodiazepine unbemerkt ins Getränk getan haben. Der Mann habe Sex gewollt.

Diese Einlassung war für den Strafrichter und für die Staatsanwältin Anja Lettenbauer überraschend: Bislang war der "unbekannte Dritte" nicht in den Akten aufgetaucht.

Schuldfähigkeit eingschränkt

Gutachten der Ärzte legen nahe, dass die Angeklagte zum Tatzeitpunkt in schlechtem körperlichen und psychischen Zustand war, sodass ihre Schuldfähigkeit damals eingeschränkt oder möglicherweise aufgehoben war.

Interessant auch ein Haargutachten: Aus einer zwölf Zentimeter langen Haarprobe lässt sich zurückverfolgen, welche Drogen die Frau die sechs Monate vor Abnahme der Haare konsumiert haben könnte. Das Ergebnis spricht für die Einlassung der Angeklagten: Keine Drogen und auch keine Benzodiazepine. Doch wie kam das Mittel in den Körper des Kindes? Gestillt hatte die Frau damals nicht mehr. Der Prozess wurde ausgesetzt und ging zur Staatsanwaltschaft und zur Kripo zurück. Der unbekannte Dritte wird gesucht.

MANFRED SCHERER

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