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Warum beharrt Amprion auf der Süd-Ost-Trasse?

Professor Hans-Peter Beck, ein Experte für den Strommarkt, erläutert Hintergründe - Immer sicher liefern können - 29.07.2015 17:46 Uhr

Erdverkabelung oder Freileitung? Hans-Peter Beck ist für die Erdvariante. Sie komme selten teurer. © privat


Strom wird an Börsen gehandelt. Sogenannte „Bilanzkreismanager“ kaufen ein und sagen einem Netzbetreiber wie Amprion, was er liefern soll, erläutert Hans-Peter Beck. Dies wird vertraglich festgelegt, das müssen die Netzbetreiber erfüllen. „Aber Fakt ist“, so Beck, „dass unklar ist, wann welche Leitung gebraucht wird.“ Deutschland hat ein sehr gutes Netz, das man deshalb früher als „vergoldetes Netz“ bezeichnete. Darum hat man hier nur 15 Minuten Stromausfall pro Jahr, aber in Polen 200 Stunden.

Gespeist wird das Netz von teuren und billigen Kraftwerken. Die teuren kommen nur im Winter dazu. Amprion weiß nie, wann welches Kraftwerk liefert. „Man könnte auch nur die billigen Kraftwerke nehmen und die anderen verschrotten. Aber die EU sagt, das geht nicht. Sie will den Wettbewerb. Amprion weiß also nie, welches Kraftwerk gerade dran ist und muss trotzdem zuverlässig sein. Darum will Amprion viele Leitungen.“ Es klappt nur dann mit weniger Leitungen, wenn der liberalisierte EU-Strommarkt verschwindet. „Wir brauchen Zuverlässigkeit für unsere Industrie“, unterstreicht Beck, „und das mit den EU-Gesetzen.“

Amprion muss also unter allen denkbaren Bedingungen zuverlässig Strom liefern. „Das ist fast ein Lotteriespiel, weil 1000 Dinge hereinspielen. Trotz 30 möglicher Betriebsunfälle muss das laufen. Für diese Extremfälle werden Leitungen wie die Süd-Ost-Trasse geplant.“

Vor Gericht

Denn kommt es zu Produktionsausfällen wegen Strommangel, steht der Netzbetreiber vor Gericht. „Da muss er nachweisen, dass dies nicht vorhersehbar war, dass er alles Denkbare getan hat, um das zu verhindern. So gehen Netzbetreiber an die Sache ran, wegen des Richters.“

Ein zweiter Grund, weshalb die bayerische Trasse geplant wird, liegt bei den Windparks von Mecklenburg und Brandenburg. Man baute zu viele davon in diese strukturschwachen Gebiete. Dort gibt es achtmal mehr Strom als vor Ort nötig ist. Dazu kommt noch der Strom der Offshore-Windräder der Ostsee, die doppelt so effektiv sind wie Landwindräder. „Also haben wir noch mehr Strom übrig und brauchen erst recht die Trasse,“ so Beck. Der Haken ist aber, dass der Wind nicht immer bläst. Die Stromlieferung ist also unsicher. Deshalb kann man noch nicht auf den Braunkohlestrom aus Thüringen verzichten. „Wir brauchen beides — oder wir errichten Gaskraftwerke: vier in Bayern, vier in Hessen und vier in Nordrheinwestfalen — weil ja der Braunkohlestrom nicht nur nach Süden geschickt wird. Dann brauchen wir keine Trasse.“

Der großer Vorteil einer Trasse ist auch, dass sie bei einem norddeutschen Notfall (Ausfall des Braunkohlestroms, kein Wind) — Strom zurückleiten kann, von Ungarn oder Österreich nach Thüringen.

Komme die Trasse tatsächlich, so Beck, seien ihre vier Gigawatt „aus heutiger Sicht minimal umweltschädlich, wenn erdverkabelt wird“. Die Brandgefahr unter der Erde könne man vermeiden, indem man zwei verstärkte Leitungen legt. Das Ganze sollte tief liegen, damit oben keine Pflanzen vertrocknen. Sind die Leitungen in Flüssigbeton gebettet, fließt ihre Wärme gut in die Erde ab.

Das elektrische Feld könne man in koaxialen Kabeln halten, ähnlich wie beim Fernseher. Um das magnetische Feld zu minimieren, legt man Plus und Minus nah zusammen und mit Abstand die zweite Leitung dazu. So gelinge die Ableitung in Beton und Erde. „Die Abstrahlung ist kleiner als bei einer Freileitung.“

Krisen bedenken

Die Erdverkabelung verhindere, dass Terroristen Strommasten umkippen, wie es in Südafrika geschah.

Weil aber Gleichstrom immer Konverter-Stationen benötigt, steigen die Kosten ab 500 Kilometer um den Faktor 2,1. Dies ergab eine Studie von 2012: „1000 Seiten, da haben wir viel Arbeit reingesteckt.“

Die Kosten hängen auch vom Untergrund ab, ob Granit oder Sand. Beck fordert deshalb von der Politik, dass sie von jeder Gemeinde eine saubere Trassenplanung einholt, welche die Naturprobleme beachtet. Dann könne man die Kosten einer Erdverkabelung exakt mit denen einer Freileitung vergleichen. „Es ist meiner Meinung nach das falsche Gesetz, zu sagen: Es muss eine Freileitung sein, und das Erdverkabeln ist nur die Ausnahme.“ 

THOMAS KNAUBER

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