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Donnerstag, 05.12.2019

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Warum ein Kabarettist zu Fuß quer durch Deutschland läuft

Der Troschenreuther Jürgen Schaller wanderte von Sylt bis Berchtesgarden - 11.08.2019 18:00 Uhr

Am Ziel. Bild des Triumphs vor einem Hotel in Berchtesgaden, ab hier nahm Jürgen Schaller den Zug heim. © Foto: privat


Es ist eine Freude, Jürgen Schaller zuzuhören, wenn er von seiner langen Wanderung von Sylt nach Berchtesgaden erzählt. Schaller ist nämlich ein waschechter Fürther, dem der Kabarettist offensichtlich angeboren ist. Obwohl er schon lange in Troschenreuth lebt, hat er noch diesen Fürther Dialekt, den er hoch in den Norden getragen hat. Verstand ihn dort jeder? "Klar. Ich hab‘ immer gesagt: Ich bin ein waschechter Mittelfranke. Nur wir sprechen das rollende R."

Seine Deutschland-Wanderung umfasste 1427 Kilometer, er schaffte das ohne viel Training. Wie kam er, 63 Jahre jung und frisch in Rente, darauf? "I wollt zeign, dass ma no net zum altn Eisen ghört, dass mer no mithaltn kann. Ich wollt ja kan neuer Weltrekord aufstellen, aber es hat mi intressiert, ob mer locker-flockig so viele Kilometer schafft", umschreibt er seine Motivation.

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Also den Rucksack gepackt und im Zug auf nach Sylt. Das war im Mai. Nach acht Wochen erreichte er die Alpen mit idyllischen Wanderwegen, mit einem wunderbaren Blick auf Salzburg und sah tolle Wegkreuze: "Mannshoch, ans schenner als des andere."

Risiko bissiger Hund

Allerdings sind hier auch die Einödhöfe mit ihren Hunden, die ihm manchmal laut bellend und mit gefletschten Zähnen gegenüber standen. "Da stellt sich einem das Nackenhaar hoch."

Gab es noch mehr Gefahren? "Am Vatertag sitzen drei Männer mitten im Wald auf einer Bank. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, dachte ich mir, aber wie sich schnell herausstellte, waren es ganz patente Kerle."

Endlich in den Alpen: Jürgen Schaller fotografierte viel, löschte aber aus Versehen rund 700 Bilder vom Anfang seiner Wanderung, was ihn ärgert. © Foto: Jürgen Schaller


Gemessen an der Gesamtstrecke traf Jürgen Schaller relativ wenig Leute, außer bei den Übernachtungen. Er führt es auf seine Wander-App zurück, in die er seinen Fitnessgrad eingespeichert hat. Hier stufte er sich "top" ein und landete auf den Pfaden fortgeschrittener Wanderer. "Des warn oft die schönsten Wege", bilanziert er seine Route.

Die App schätzt er hoch, weil sie meist auf den Meter genau die Abzweigungen angibt, auch wenn man sie nicht immer auf den ersten Blick erkennt. Leider zog diese App jedoch erheblich Saft aus seinem Handy, was zwei Powerpacks als Ersatzstrom nötig machte. Die wogen schwer im Rucksack mit seinen insgesamt elf Kilo.


Die NN-Wanderreporter sind wieder unterwegs


Zwei Mal schickte Schaller Päckchen mit Überflüssigem heim. "I hob aber nie den Eindruck ghabt, dass i da unnütze Sachen dabei ghabt hätt. Mein Nassrasierer und den Schaum hab i trotzdem zurückgeschickt. Mit dem Effekt, dass mi mei Bart dauernd gjuckt hat . . ." Der Wanderer kaufte sich prompt neues Rasierzeug. Seine Bergschuhe ersetzte Schaller nach zwei Dritteln des Wegs durch Wanderhalbschuhe. Zuvor hatten sie bei durchschnittlichen Etappen von 28 Kilometern gedrückt. "An etlichen Tagen hab i Druckstellen ghabt, da hat des Pflaster und alle Dämpfung nix gnutzt. Jeder Schritt war Schmerz. Es linke Knie, es rechte Knie, der klaane Zeh — aber dann war widder alles weg. Wennst die Lüneburger Heide anschaust, denkst es gar net: Die is ganz schee hügelig." 

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Milde Wassergabe motiviert

Der Hammer kam dann im Altmühltal, als ein nettes älteres Ehepaar Jürgen Schaller eine Abkürzung durch den Wald empfahl. "Da hätt i fast nauf krabbeln könner, su steil woar des." Er drehte danach ein Selfie-Video, das Chancen für die Youtube-Hitliste hat, so schweißnass und witzig ist es.

Seine Erschöpfung sah ihm mancher Dörfler an, an dem Schaller vorbeikam. "Mensch, Frau, der is doch total verdurscht!", habe zum Beispiel ein Mann gesagt: "Hol amol a Wasser raus!" Leider gab es nicht mehr viele Gasthäuser in den Dörfern. Überall das Gasthaussterben, bedauert der Wandersmann aus Troschenreuth.


So tragen Sie den Rucksack beim Wandern richtig


Und dann war da die Familie in Drochtersen, die ihn anmarschieren sah. Da bekam er Bedenken: "Die denkn etz, wos is des für a Lump, der da kummt? Um dem vorzubeugen, gehst drauf zu und sagst: Wo bin i denn eigentli? Ich schmarr die Leut immer an, weil wennst den ganzen Tag alleins bist und deine besten Freind nur blöken, muhen oder wiehern und du verstehst kaa Wort, da brauchst Unterhaltung", umschreibt der Wanderer seine Einsamkeit. In Drochtersen entstand ein super Gespräch über Fußball, weil der SV Drochtersen-Assel dank DFB-Pokal schon gegen den FC Bayern München kickte (0:1) und am Samstag im August auf Schalke 04 getroffen ist.

Überall traf Jürgen Schaller interessante und hilfsbereite Menschen. Unterwegs fand er auch einmal einen freundlichen älteren Herrn mit E-Bike, der von einem nahe gelegenen Turm erzählte. Einst sei darin Munition hergestellt worden. Blei sei durch Siebe heruntergetropft und in der Mitte zur Gewehrkugel geworden und ganz unten zur Schrotkugel: "Du kannst net alles anschauer, dann bist ja zehn Jahr unterwegs", meinte der Wandersmann dazu.

Würde Schaller so eine Tour noch einmal machen? Unterwegs hatte ihn ein Freund am Telefon schon mal gefragt, ober er denn noch Lust habe. "Das war keine Überlegung. Ich hab mich jeden Morgen um fünf, wenn ich in aller Gemütlichkeit meine Füße getaped hab, auf den Tag gefreut. Jeder Tag war was Besonderes. Jeden Morgen haben die Endorphine gleich mitgeschwungen. Es hat Spaß gemacht, es war ein Abenteuer. Es entsteht eine gewisse Sucht danach."

THOMAS KNAUBER

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