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Wenn Weihnachten die schlimmsten Tage sind

Mitbürger in Auerbach und Neuhaus erzählen aus ihrem Leben und davon, dass sie trotz der Einsamkeit nicht aufgeben werden. - 25.12.2019 10:55 Uhr

Kann es angenehm sein, vor dem Baum ganz für sich zu sein? Gerade Senioren sind über Weihnachten oft alleine. © Symbolbild: Fredrik von Erichsen/dpa


Auch in Auerbach gibt es viele alte Menschen, für die das Weihnachtsfest schlimm ist. Andere feiern glücklich, sie nicht. Da ist zum Beispiel Annemarie F. (alle Namen wurden geändert), die schon lange einsam ist. Es gibt Kinder und Enkel, aber keinen Kontakt. Sie hat das Gefühl: Als die Enkel klein waren, wurde sie zum Betreuen gebraucht. Kaum sind sie im Handyalter, verschwindet die Oma aus dem Radar. Nicht einmal die Kinder rufen die Großmutter an. Annemarie F. erzählt nüchtern davon, traurig, wie von einem abgeschlossenen Kapitel. Aber im Innern brennt spürbar eine Verletzung.

Sie lebt in einer sehr freundlich eingerichteten kleinen Wohnung. Alles ist sauber. Die Schränke sehen aus wie neu. Aber sie sind 30 Jahre alt, nur gut gepflegt. In den Regalen stehen kleine Weihnachtsfiguren. Auf dem Wohnzimmertisch windet sich eine kleine Leuchtgirlande durch Tannenzweige aus Kunststoff. Wiederverwendbar. Draußen regnet es. Der Wind peitscht die Äste von Bäumen an die Fensterläden. Annemarie F. erzählt. Ihre Krücken hat sie wegen der Schmerzen. Der Arzt empfahl eine Art Morphium. Aber sie nimmt das nicht. Weil sie Krankenschwester war und weiß, wie die Folgen sind. "Krebspatienten — alle habe ich gehabt. Und jetzt bin ich selber so weit." Sie hätte es sich nicht träumen lassen. Dass sie einmal so gehbehindert ist wie damals ihre Patienten. Dass sie es nicht mehr schafft, eine alte Freundin zu besuchen, die sie jahrelang getröstet hat. Dass sie jeden Cent umdrehen muss. "Ich schreib’ mir alles auf, was ich ausgeb’, bis ins Kleinste."

Sie hat den Oberpfälzer Dialekt, der weich klingt, aber in ihr ist eine herbe Klarheit im Denken, wie es die Norddeutschen haben.

Sie ist sachlich, hat Überblick, hat ihre Gefühle im Griff — aber es wird ein Heiligabend stumm und allein vor dem Fernseher. Und dann kommt der erste Feiertag — wieder so allein. Und der zweite — noch einmal.

Nicht weit entfernt, in Neuhaus, hat es einen Rentner umgeweht, der das Weihnachtsfest jahrelang allein am Küchentisch verbrachte. Jetzt liegt er im Bett. Bernd L. war immer eine Art Cowboy mit breiter Brust und Kraft gewesen. Mit einem Humor im Dialekt, den man auf Band nehmen konnte, so witzig. Er war wie ein Nürnberger Peterlesbou, der vor nichts und niemandem Respekt hat. Er hatte bei Auto-Rennen mitgemacht, alle Welt gekannt und war quer durch die Fränkische Schweiz gedüst, nur um mal zu einem Freund "Hallo" zu sagen.

Gesundheit ging ins Geld

Dann der erste Einschnitt: Seine Frau hatte Krebs. Er fuhr sie von Krankenhaus zu Krankenhaus, bis nach Frankfurt. Sie kam nicht durch. Dann der nächste Schlag: Seine Gesundheit schwand. Sein kleines Auto, für das er nie richtig Geld hatte, brachte ihn jetzt zu Ärzten rundum. Auf dem Küchentisch sammelten sich die Pillendosen. Er zeigte seine Arme: Alternde Haut, alles schwächer.

Im Kühlschrank war nie mehr als ein Päckchen Bratwürste und Margarine plus eine Tüte H-Milch. Bernd L. schimpfte über die Ämter, die ihm von seiner kleinen Rente noch 10 und 20 Euro strichen. Wie sollte das zum Essen reichen? Oder für ein Weihnachtsgeschenk für seine Enkelin? Sie ist sein Ein und Alles. Aber der Sohn lebt weit weg. Hinziehen? "Der hat doch auch nix. Und nie Zeit. Was machi`n da?"

Jetzt hat es ihn umgeworfen: Es ist die Endstation "Bett". Schläuche ziehen sich irgendwohin, die Urinflasche steht griffbereit, es ist praktisch aus mit dem Allein-Leben in der immer so sauberen, x-fach gestaubsaugten Wohnung. Jedesmal, wenn Bernd L. nichts zu tun gehabt hatte, griff er zum Staubsauger. Der Sohn will ihn ins Altersheim holen, nah bei sich. Aber L. weigert sich.

Unter dem Kopfkissen liegt das eine Handy, für den Notfall. Und im Flur das zweite, sollte er beim Herumhumpeln stürzen. Außerdem ist der Boden dünn: Ein Klopfen, und der Nachbar von unten kommt. So beruhigt sich Bernd L.

Er hat ein Gesicht bekommen wie ein alternder französischer Starregisseur für Komödien: All sein Humor hat sich zusammengetan für eine weiche, sonnige, gütige Ausstrahlung. Seine 80 Jahre sind einer Jungenhaftigkeit gewichen. Aber noch brummelt er: "Dass mer amol so end´t. A su a Scheiß. Aber was willst´n machn? Dou machst nix mehr."

Früher hatte er ganz klar gesagt: Bettlägerig wird er mal nicht. Vorher legt er sich um. Aber seine Zähigkeit verhindert das noch. Noch gibt er nicht auf. Auch nicht an Weihnachten. Wo er früher immer gesagt hatte: Weihnachten ist das Schlimmste. Es gebe keine schlimmeren Tage als Weihnachten. Feiertage, an denen das Radio läuft, an denen er rätselt, wie der Heizöltank voll wird und die Enkelin weit, weit weg ist . . .

THOMAS KNAUBER

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