Freitag, 26.02.2021

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Wer hat den alten Rehbock erschossen?

Wilderer treibt sein Unwesen in Büchenbach-Kosbrunn — Die Zahl der Fälle nimmt in letzter Zeit zu - 12.10.2014 11:00 Uhr

Mitten auf dieser Wiesenlichtung bei Kosbrunn, im Revier von Stefan Schaffer, lag ein Rehbock. Er wurde von einem Wilderer mit einem Durchschuss niedergestreckt.

10.10.2014 © Foto: Ralf Münch


Schaffer kannte den toten Rehbock, ein schon älteres Tier. Weil ihm ein Gehörn fehlte, gibt es keinen Zweifel. „Rosenstockverletzung“ nennen das Jäger. „Das ist schon eine Sauerei“, sagt Schaffer, der seit fünf Jahren Jagdpächter des 660 Hektar großen Reviers ist.

Schon vor zwei Jahren habe es einmal Anzeichen dafür gegeben, dass in dem Revier etwas nicht stimmt: Schüsse wurden gehört, aber bewiesen werden konnte nichts. Jetzt liegt der tote Bock vor ihm, getötet durch den Schuss aus einem Gewehr. Das Geschoss ein großes Kaliber. Eigentlich untypisch für Wilderer

Denn die bevorzugen kleine Kaliber, sagt Hartmut Wunderatsch vom Bayerischen Jagdverband, Oberfrankens oberster Jäger. „Meist schießen sie ,subsonic’“, sagt er. Also mit Geschossen, die langsamer sind als der Schall – damit werden Wilderer kaum gehört.

Eine Qual für die Tiere

Jäger Schaffer vermutet, dass der Täter sich in seinem Revier auskannte und jagdliche Erfahrung hat. „Er muss gewusst haben, dass es hier keine Jagdeinrichtungen, wie zum Beispiel Hochsitze gibt“, sagt Schaffer. Aber warum hat der Wilderer den Rehbock nicht mitgenommen? „Zu 90 Prozent laufen angeschossene Tiere in den Wald zurück, nur etwa zehn Prozent flüchten irgendwo hin“, sagt Schaffer. Und genau das ist die Gefahr bei Wilderern. Treffen sie das Tier nicht sofort tödlich, bleiben die kleinen Geschosse oft stecken. Das Tier flieht einem qualvollen Tod entgegen, unter Umständen leidet es sogar jahrelang.

Wird ein Tier auf der normalen Jagd nicht richtig getroffen, suchen die Jäger das verwundete Tier, bis sie es gefunden haben. Ein Wilderer kann das nicht, aus Angst erwischt zu werden. Der Rehbock mit dem fehlerhaften Gehörn war für den Schützen schwer zu finden. Die Wiesenlichtung ist sehr weitläufig.

Wilderer kommen meist nachts. Mit Taschenlampen leuchten sie die Wiesen ab, wenn die Rehe auf den Rapsfeldern stehen. Die angeleuchteten Rehe bleiben einfach stehen. Der Wilderer braucht nur noch abzudrücken. Und das macht er meist bequem von seinem Auto aus, sagt Adolf Reinel, Vorsitzender des Jägervereins Bayreuth.

Wunderatsch stellt „mehr Anhalte“ fest, dass ungeklärte Schüsse fallen oder verletztes Wild gefunden werde. Erst vor kurzem in der Nähe von Münchberg lag ein totes Reh im Wald, aus dem Keulen herausgeschnitten worden sind. Wunderatsch: „Man hält’s nicht für möglich.“

Tatsächlich hat die illegale Jagd in Bayern in den vergangenen Jahren zugenommen, Tendenz steigend: Seit 2011 ist die Zahl der Anzeigen wegen Jagdwilderei um etwa zehn Prozent in der Polizeilichen Kriminalstatistik gestiegen. Dort sind 180 Fälle für 2013 ausgewiesen, in Oberfranken gab es laut Polizeidirektion 30 Fälle.

„Doch die Dunkelziffer ist viel höher“, sagt der Präsident des Bayerischen Jagdverbandes, Jürgen Vocke. Zu diesen Fällen zählt allerdings auch, wenn ein Autofahrer ein Stück Wild anfährt – und es ungefragt mit nach Hause nimmt. Oder wenn ein Hund ein Reh reißt, und der Besitzer das Tier nicht meldet. Solche Fälle werden laut Wunderatsch oft nur mit einem Strafbefehl geahndet, der meist akzeptiert wird.

Keiner muss verhungern

„Jagdwilderei“ ist eine Straftat. Das Gesetz sieht Strafen von bis zu fünf Jahren vor. Doch Wilderei führt selten zum Prozess. Die Zeit der großen Wilderei ist vorbei. „Früher war es Essensbeschaffung“, sagt Jäger Reinel. „Aber verhungern muss doch keiner mehr.“ Reinel schätzt, die Wilderer würden aus „Gewinnsucht“ handeln und das Fleisch verkaufen. Ein hohes Risiko bei Preisen von maximal 100 bis 150 Euro pro Tier.

Was passiert mit einem toten Tier wie dem Rehbock mit dem fehlenden Geweih? „Der kommt in die Tierkörperverwertung“, sagt Schaffer. Ob die Trophäe, das sind Unterkiefer und Gehörn, bei der Trophäenschau, so wie alle anderen auch, gezeigt werden muss, wird er noch abklären.

„Die Ermittlungen laufen noch“, sagt Horst Nölkel, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Pegnitz. Er bestätigt, dass es vor zwei Jahren schon einmal Verdachtsfälle auf Jagdwilderei gegeben hat. Es sei aber grundsätzlich schwierig, hier jemanden dingfest zu machen.

Der Bayerische Jagdverband warnt die Jäger vor Wilderern. Wer einen sehe, solle nur beobachten. Denn es bestehe Gefahr, dass der Wilderer auch auf Menschen ziele.

OTTO LAPP UND FRAUKE ENGELBRECHT

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