Samstag, 17.04.2021

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Wie ein ehemaliger Neuhauser die Pandemie in Baku erlebt

Axel Holzheu arbeitet für eine deutsche Firma als Braumeister in der Hauptstadt von Aserbaidschan - 12.01.2021 12:55 Uhr

Axel Holzheu arbeitet für eine deutsche Firma als Braumeister in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan am Kaspischen Meer. Davor hat er acht Jahre lang in China gearbeitet. Ursprünglich kommt er aus Neuhaus/Pegnitz.

11.01.2021 © Foto: privat


"Die Überlegung einer Rückkehr nach Deutschland war im Oktober/November, als der Konflikt um Berg-Karabach zwischen Aserbaidschan und Armenien eskalierte, wesentlich stärker als zu Beginn der Pandemie", beschreibt Axel Holzheu seine Überlegungen. Vor knapp zwei Jahren ist er nach Aserbaidschan gezogen, weil er nach acht Jahren in China eine berufliche Herausforderung gesucht hatte.

Heimkehr keine Option

Als Corona ausgebrochen ist, war es für ihn keine Option, nach Deutschland zurückzukehren: "Das Infektionsgeschehen war zu dem Zeitpunkt in Deutschland wesentlich schlimmer als in Aserbaidschan. Eine Ausreise hätte meiner Meinung nach ein eher höheres Infektionsrisiko dargestellt."

Inzwischen haben sich die Infektionszahlen in Aserbaidschan stark geändert: Vor Kurzem gab es über 224 000 Infizierte. Und es gab mehr als 2900 Tote.

Die Einschnitte wegen der Pandemie in der ehemaligen Sowjetrepublik beschreibt der ehemalige Neuhauser als "massiv"; sowohl im Berufs- als auch im Freizeitleben. 

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Wenig zu tun

Arbeiten sei zwar erlaubt, aber weil die Gastronomie weitgehend brachliegt, gebe es für ihn als Braumeister einer Gasthausbrauerei relativ wenig zu tun. Das Restaurant war längere Zeit nur von 12 bis 19 Uhr geöffnet. "Weil die meisten Leute bis 18 Uhr arbeiten, bleiben die Umsätze sehr überschaubar", sagte er vor Kurzem. Kaum jemand sei Essen gegangen. Inzwischen befindet sich das Land erneut in einem harten Lockdown.

Soziale Kontakte fehlen

Die gewonnene arbeitsfreie Zeit kann Holzheu aber nicht nutzen, denn Freizeiteinrichtungen – wie Fitnessstudios, Konzerthallen, Bars und Kinos – sind seit März geschlossen. Dabei fehlen dem 38-Jährigen vor allem die sozialen Kontakte, wie er zugibt: "Wenn man in ein fremdes Land geht, freut man sich über jeden persönlichen Kontakt zu anderen Ausländern. Das ist nun seit fast neun Monaten gar nicht mehr beziehungsweise nur sehr begrenzt möglich, das geht schon etwas an die Nerven." Der Austausch über aktuelle Entwicklungen findet deshalb nicht persönlich, sondern nur per Messenger-Dienst Whatsapp statt.

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 Auch bei den anderen Nicht-Aserbaidschanern sei die Stimmung nicht sonderlich gut, hat er beobachtet. Im Gegensatz zu ihm haben einige seiner Bekannten das Angebot der deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amtes angenommen und sind ausgereist.

Er selbst wollte eigentlich im April zu Besuch nach Deutschland fliegen, aber bereits im März sind die Flüge von und nach Baku eingestellt worden. Auch der zweite Versuch im Oktober scheiterte, weil der Flug annulliert wurde.

Vollständiger Lockdown

Die Regierung in Holzheus Wahlheimat hat zu Beginn der Pandemie versucht, die Öffnungszeiten der Gastronomie zu reduzieren. Andere Freizeiteinrichtungen wurden komplett geschlossen. "Als die Maßnahmen nicht den gewünschten Effekt erzielten, blieb der Regierung nichts anderes mehr übrig, als das gesamte Land in einen vollständigen Lockdown zu versetzen", berichtet der ehemalige Neuhauser. Und weiter: "Ich hielt die Maßnahmen durchaus für sinnvoll, da zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel über das Virus bekannt war und das Durchbrechen der Infektionsketten die einzige Möglichkeit war, eine zu rasante Ausbreitung zu bremsen."

Genehmigung per SMS

So dauerte der erste Lockdown ab Ende März sieben Wochen. Alle nicht notwendigen Aufenthalte außerhalb der Wohnung, außer Einkäufe, waren verboten. Für dringende Behördengänge oder Arztbesuche musste man vorher eine Ausgangsgenehmigung beantragen. Diese sei "sehr unbürokratisch" per SMS ausgestellt worden. Zudem galt eine allgemeine Ausgangssperre von 21 bis 6 Uhr.

Axel Holzheu, der die Ausgangssperre und das damit verbundene Daheimbleiben als "surreal" bezeichnet, habe versucht, seinen geregelten Tagesablauf beizubehalten. Er hat sich Aufgaben innerhalb der Wohnung gesucht, um die Zeit sinnvoll zu gestalten. "Es gab aber auch Tage, die ich vor dem Fernseher auf der Couch verstreichen ließ", gibt er zu.

Arbeiten von zu Hause sei für ihn nur bedingt möglich. Für die meisten Arbeiten muss er in der Brauerei sein. Am heimischen Computer konnte er nur Prozesse überwachen und Störungen beheben. "Die eigentliche Arbeit findet nach wie vor in der Brauerei statt", betont er.

Sein deutscher Arbeitgeber ist es auch, der für seine Krankenversicherung aufkommt. "Als im Ausland beschäftigter Mitarbeiter besitze ich eine private Krankenversicherung und eine lokale Krankenversicherung des Franchise-Partners. Dennoch möchte ich ungern in eine Notfall-Situation kommen", sagt er.

Viele Menschen in seiner Wahlheimat können sich keine solche Versicherung leisten: Es gebe keine flächendeckende Krankenversicherung. Nur wer es sich privat leisten könne oder über die Firma unterstützt wird, ist versichert. Für alle anderen gelte, dass sie im Krankheitsfall erst einmal in Vorkasse gehen müssen, damit sie überhaupt von einem Arzt angesehen und versorgt werden.

Ohne Arbeit kein Geld

Anders als in Deutschland gibt es in Aserbaidschan kein Auffangnetz bei Verdienstausfall. "Wer seine Arbeit nicht ausüben kann, verdient einfach kein Geld, um sich und die Familie zu versorgen", fasst Holzheu das soziale System zusammen. Es gebe aber Firmen, die ihre Mitarbeiter – mit gekürzten Bezügen – freiwillig weiterhin bezahlen.

Mit den lokalen Gegebenheiten arrangiert sich Axel Holzheu. "Ich hoffe trotzdem, dass es bald wieder aufwärts geht."

KERSTIN GOETZKE

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